Der Franzose Jean Marc Cerrone ist Produzent von 70er Diskomeilensteinen wie "Love in C Minor" oder "Supernature". Mit seinem perkussiven Stil gilt er neben Giorgio Moroder als wichtigster Vertreter von Euro Disco und maßgeblicher Wegbereiter von HiNRG. Jetzt hat Bob Sinclair seine Stücke mega-gemixt.
Text: felix denk | superfelix@iname.com aus De:Bug 51

disko

Taptaptaptatap oder Taptaptaptatap?
Discogeschichte mit Cerrone

Nachdem Cerrones Tracks von Gott und der Welt als Samplematerial verwendet und von DJ Hell rauf- und runtergedeejayt wurden, meldet er sich jetzt selbst zu Wort und hat Bob Sinclar an seinen Backkatalog gelassen, um eine Mix CD aus seinen besten Stücken zusammenzustellen. Die einzige Bedingung bestand darin, dass er keine Remixe, sondern nur Originale verwenden durfte. Der exhumierte Diskopate sprach im weißen Anzug und weißem Haar über Diskorezeption im House, Sampling zwischen Referenz und Rechtsstreit und die Problematik, handgespielte Basslines auf halber Geschwindigkeit aufzunehmen.

De:Bug: Ihre Diskoproduktionen waren immer eher rhythmuslastig, für damalige Verhältnisse geradezu monoton, und oft im Soundbild recht avantgardistisch. Sehen Sie in neueren House Produktionen viele Ideen von damals verwirklicht?

Cerrone: Was soll ich sagen? Klar, die Denkweise der Houseproduzenten heute ist schon nah an dem, was ich damals gefühlt habe. Eine fröhliche Grundstimmung, nicht zuviel Text, minimal im Arrangement. Aber wenn man ein Arrangement verwendet, dann muss das auch gut sein, nicht nur blob blob blob. Gerade wenn es repetitiv sein soll, muss es besonders gut produziert sein, um die Spannung zu halten. Disko kam und ging, aber in den letzten 2 Jahren hatte ich den Eindruck, dass die House Produzenten dieser Generation die Art von Disko, wie ich oder Leute wie Chic sie gemacht haben, nicht mit Sachen wie “Born to be alive”, was eigentlich ein Popsong mit einem Diskobeat ist, in einen Topf werfen. Mir ging es bei Disko darum, lange Tracks zu produzieren, die einen speziellen Vibe entwickeln. Das versuchen viele Houseproduzenten jetzt auch, dabei ist weniger entscheidend, ob man mit Vocals arbeitet oder nicht, lange oder kurze Stücke produziert, sondern um eine Energie und auch um Fröhlichkeit. Disko war fröhliche Musik, die zwar keine üppigen Orchestrationen benötigt, aber auch nicht nur aus Beats besteht.

De:Bug: Gerade in letzter Zeit erschienen viele Houseplatten, die auf Produktionen von ihnen zurückgreifen. Wie reagieren Sie, wenn Sie entdecken, dass sie gesamplet wurden?

Cerrone: So um 1992 habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass ich gesamplet werde. Ich stand in einem Club und dachte: ‘Mann, das kenne ich doch.’ Später ist mir eingefallen, dass das mein eigener Tune war. Masters at Work haben mich da gesamplet. Wir versuchen zu klären, was man klären kann. Wenn die Nummer ein Hit wird, ist das natürlich einfach, wenn die Nummer aber ein reiner Clubtune ist, der sich vielleicht 2000 Mal verkauft, ist mir das auch egal. Bob Sinclar war der erste, der nach den Verwertungsrechten von “Look for Love” gefragt hat. Dananch kamen Daft Punk. Modjo haben beispielsweise nicht gefragt. Als ich “Lady” erstmals gehört habe, war mir klar, dass das ein Hit werden wird. Auf der B Seite haben sie ein Stück von mir gesamplet, “Rollercoaster”. Ich habe gewartet, bis die Frucht reif war, und mich dann bei ihnen gemeldet. Wir sind uns auch sofort einig geworden. Ich finde meine Haltung auch fair, schließlich könnte ich das Ganze per einstweiliger Verfügung sofort stoppen. Übrigens: Sogar Paul McCartney hat für seine neue Single ein paar Samples von meiner Nummer “You are the one” genommen.

De:Bug: Sie sehen das also auch als Referenz, wenn andere Produzenten auf ihre Musik zurückgreifen?

Cerrone: Ich will nicht prätentiös klingen, aber ich sehe das schon als eine Bestätigung meiner Arbeit. Vor allem dann, wenn die Leute nicht einfach nur einen Disko Hook nehmen, sondern die Art und Weise, wie die Drums gespielt wurden, also den ganz speziellen Groove übernehmen. Das ist dann das Sahnehäubchen.

Sampling in den 70ern

De:Bug: Ich war überrascht, als ich gelesen habe, dass Sie bereits in den 70er Jahren mit Samples gearbeitet haben. Ich dachte, das wäre eine Entwicklung der 80er Jahre, die speziell aus dem Hiphop kam. Wie waren denn die technischen Möglichkeiten, und wie haben Sie sie genutzt?

Cerrone: Das Prinzip war das gleiche, außer dass ich nicht die Musik anderer Leute verwendet habe. Technisch war bereits einiges möglich, es hängt ja immer davon ab, was man am Ende hören will, man kann 1 oder 5 Sekunden samplen, längere Samples klingen repetitiver, kürzere sind repetitiver, klingen aber nicht so. Es ist wie wenn man so macht: (trommelt auf den Tisch) taptaptaptatap – zweimal den selben Rhytmus, einmal mit einem Finger, einmal mit 2 Fingern – es klingt gleich, ist aber nicht das selbe.

De:Bug: “Supernature”, neben “Love in C Minor” ihr größter Hit, war stilistisch ein One Off. Aber auch produktionstechnisch gingen Sie neue Wege…

Cerrone: Ich hatte da gerade einen Synthesizer bekommen, einen Odyssey Arp. Ich habe darauf eine Bassline gespielt und war völlig begeistert. Das Stück habe ich dann in 48 Stunden aufgenommen. Das Lustige war, das ich die Bassline auf halber Geschwindigkeit aufgenommen habe, weil sie so schnell war. Heute nimmt man einen Ton auf und bearbeitet das mit dem Sequenzer. Das Problem war, dass die Tonhöhe immer nicht genau gestimmt hat, und dann mussten alle im Studio ihre Parts auf halber Geschwindigkeit spielen.

De:Bug: Kann es passieren, das die günstigen technischen Rahmenbedingungen den kreativen Prozess behindern, also zum Problem werden, wenn gewisse Dinge zu einfach sind?

Cerrone: Das ist nicht der Punkt. Es kommt darauf an, was dabei herauskommt. Das ist die Herausforderung für den Produzenten, nicht ob man etwas selbst spielt oder nicht. Im Prinzip ist das eine Frage des Talents. Viele Leute können eben mal einen Track produzieren, das ist nicht schwer. Computer und all die Sachen, die das Produzieren vereinfachen, sind natürlich eine Hilfe, aber Maschinen machen ja nicht die Arbeit selbst. Der Vorteil ist, dass man mit ihnen viel Zeit sparen kann, die man für die Kreativität nutzen kann.

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