Gescheiterte Hollywood-Arbeiter haben aus Versehen den Prototyp einer echten Web-TV-Station entwickelt: Die netzgerechte Alternative zu Pro7 aus der Ethernet-Buchse.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 96

Die Stummelfilm-Ära
Web-TV Channel 101

In den Entwicklungsabteilungen von Internet-Buden aller Couleur herrscht dieser Tage eitel Sonnenschein: Nach dem Erreichen der kritischen Masse an Breitbandanschlüssen erwachen viele “Visionen” der New-Economy-Ära, die jahrelang ein unerquickliches Zombie-Dasein in Studien- und Business-Plänen geführt hatten, doch noch zu digitalem und ökonomischem Leben. So war 2004 das Jahr, in dem legale, kostenpflichtige Musik-Downloads endlich funktionierten, nachdem das Konzept fünf traurige Jahre abwechselnd totgesagt und fruchtlos neu behypt wurde. 2005 passiert das gleiche mit der Internet-Telefonie (Voice over IP = VoIP) und jetzt erwarten alle, dass Internet-Fernsehen das alte, neue große Ding wird. Analog zu VoIP hat das Streaming von Fernsehprogrammen den blöden Namen “TVoIP” bekommen und die Lizenzierungs- und Kooperations-Maschinerie mit den TV-Stationen läuft auf Hochtouren. Womit die Branche, kaum dass wieder ein bisschen Optimismus herrscht, schon wieder direkt auf die nächste Betonwand zubrettert: Weil die störrischen Nutzer eine einheitliche Plattform für Wohn- und Arbeitszimmer einfach nicht akzeptierten wollen, weil das digitale terrestrische Fernsehen die Zahl der drahtlos empfangbaren Sender potentiell verxfacht und weil herkömmliches TV im Internet immer mit künstlichen Nutzungsbeschränkungen einhergeht.

Das Filmchen-Phänomen

Im Netzalltag ist allerdings schon dezentral und ohne Marketing-Masterplan eine reale Alternative zu herkömmlichen TV-Inhalten entstanden: MPEG-Filmchen mit Spielzeiten von 20 Sekunden bis zu 10 Minuten sind inzwischen fester Bestandteil der Surfer-Routine, wobei alles von kommerziellen Werbespots über dämliche Familienurlaubsstreifen bis hin zum Nachwuchsfilmerschaffen konsumiert wird – solange es ohne großes Getue zum Unterhaltungspunkt kommt. Hauptverbreitungsmittel der meist billigen, kleinen Filmchen sind E-Mails, in denen der entsprechende Link oder gleich die ganze MPEG-Datei verschickt wird. Und natürlich gibt es massenhaft Seiten, die Filmchen-Sammlungen anbieten, allerdings haben diese den gravierenden Nachteil, dass sich schnell ein Beliebigkeitsgefühl breit macht, das Konsumenten und Produzenten gleichermaßen frustriert. Heftig gefragt sind daher Regeln und Strukturen, die den Filmchen etwas von der Allgemeingültigkeit verleihen, die auch dem letzten Talkshow-Dreck sofort anhaftet, solange er im “echten” Fernsehen läuft. Der Prototyp einer originären Web-TV-Station, die weder altem TV-Denken folgt, noch in der Beliebigkeitswüste des Internets eingeht, ist zum Glück schon entstanden und erfreut sich zunehmender Beliebtheit: Channel101 bringt die universelle Erreichbarkeit für Produzenten und Konsumenten einerseits und ein klar strukturiertes Programmschema andererseits in die Balance. Channel101 ist angeblich das Machwerk frustrierter Hollywood-Arbeiter, deren Serienpilot von Fox in den Giftschrank verbannt wurde, danach haben sie der Legende nach vor allem Filme über Kaviarpartys und analfixierte Zombies gemacht. Aus den Wohnzimmer-Vorführungen für Freunde hat sich dann das Channel101-Konzept entwickelt, dessen Kern immer noch monatliche Veranstaltungen in einem Kino sind. Dort werden jeweils zehn Kurzfilme von maximal fünf Minuten vorgeführt, eine Mischung aus Fortsetzungen erfolgreicher Serien und frischer Piloten. Das Publikum vor Ort stimmt über jeden Film ab und nur die besten fünf dürfen eine weitere Folge für die Vorführung im folgenden Monat produzieren. Alle Filme, die es bis zu einer Vorführung gebracht haben, sind anschließend online zu sehen, woraus sich drei Kategorien für Channel101-Sendungen ergeben: Serien, die sich im extrem harten Wettbewerb noch halten, sind “Primetime”. Gescheiterte Serien finden sich in der “Abgesetzt”-Sparte und gescheiterte Piloten sind einfach nur “gescheitert”.

Killer Lokalkolorit

Dankenswerterweise geben gerade die Offline-Abstimmungen im Kino dem heftig gemischten Online-Programm einen inneren Zusammenhalt, den reine Internet-Lösungen in der Regel vermissen lassen. Und der erste Nachfolger – Channel102 aus New York – zeigt dann auch gleich, wie die lokale Verhaftung den Stationen trotzt des exakt gleichen Konzepts ein inhaltliches Profil verleiht. Dabei können Film-Produzenten aus der ganzen Welt natürlich auch bei den Kanälen 101 und 102 ihre Werke einreichen – um erfolgreich zu sein, müssen sie allerdings den lokalen Geschmack bedienen. Zum Reinzappen empfohlen: Die tragische Geschichte des Mannes, der nach seinem Tod die Wahl zwischen Hölle und Weiterleben als unwiderstehlicher Gigolo hat (“Purgatory” auf 102), die kalifornische Teenie-Serie mit verstrahlten Ninja-Elementen und Borderline-Austattung (“The Bu” auf 101), wie ein aufdringliches Werbemaskottchen im bescheuerten Hühnerkostüm zum besten Freund wird [“French Toast Sticks” auf 101) oder der authentische Einblick ins New-Yorker-Kinderstar-Agenten-Business (“Shutterbugs” auf 102).

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response