Handlungen, Räume, Medien und Materialitäten von Popmusik
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 131


Charles Fairchild
Pop Idols and Pirates
(Ashgate)

”The power to record sound was one of the three essential powers of the gods in ancient societies, along with that of making war and causing famine.” Mit diesem Zitat des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Jacques Attali leitet Charles Fairchild ein. Das erscheint nahe liegend, versucht Fairchild doch, es Attali gleichzumachen, der aufzeigte, was man aus den Entwicklungen von Produktion und Rezeption von Musik über sozialen Wandel in der Gesellschaft ablesen kann. Fairchild, Dozent für Popmusik und Medien am ”Conservatorium of Music“ an der Universität Sydney, skizziert hier, inwiefern Institutionen unsere Möglichkeiten des Konsums vorproduzieren und somit mitbestimmen.

Im Fall der Popmusik sind das bekanntlich sämtliche Organe der Popmusikindustrie und daran anschließend die Medien. Dazu nähert sich Fairchild zunächst Handlungen, Räumen, Medien und Materialitäten von Popmusik, um dann in einem zweiten großen Kapitel die Verteilung von Macht und Machtlosigkeit (an den Beispielen CD, MP3 und SoundScan) sowie die Vermittlung und Herstellung der Investitionen in Begehren zu beobachten. Konkretisiert werden diese grundlegenden Analysen zu Pop- und Medienindustrien am Beispiel des ”Idol Empire“, also der spektakulären Konstruktion und Kommerzialisierung von Popmusikpersönlichkeiten bezeihungsweise -stars.

Erstaunlich erscheint am dritten Hauptteil von Fairchilds Studie, dass weder Guy Debord als viel zitierter Urheber der Spektakel-These noch produktive Adaptionen dieser Überlegungen, wie von Douglas Kellner oder Jonathan Crary, erwähnt werden. Dennoch bleibt ”Pop Idols and Pirates“ ein wichtiges Buch der mittlerweile international entstehenden ”Popular musicology“ (Derek B. Scott im Vorwort).

Und zwar sowohl für eine Generation, die die Umbrüche in der Popmusik am eigenen Leib gespürt hat, als auch und insbesondere für jüngere Generationen, für die ein Rückblick in Zeiten von Popmusik vor CD oder MP3 ungewöhnlich erscheint (”An unimaginable world. There were no mobile phones, no text messages, and no emails. There was only the occasional music video on free-to-air television, no MP3s, and no DVDs.“), die aber begreifen möchte, inwiefern technologische und politisch-juristische Veränderungen unsere alltägliche Wahrnehmung von Popmusik beeinflussen.

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Oftmals eher unter- oder vorbewusst. Laut Fairchild gibt es zwar zunehmend hilfreiche Studien zur Popmusikindustrie, allerdings: ”They rarely link the material facts of mechanisms of consumption to the material facts of music. In contrast, this book focuses on all that happens in-between the musician and the fan in an effort to better understand how the links between the two are produced and maintained.” Somit verbindet der australische Popmusik- und Medienforscher hier Produktions- und Rezeptionsbeobachtungen mit dem Kontext der industriellen Verhältnisse. Das ist bekanntlich nicht wenig. Anhand der Diskussionen um die Piraterie von Popmusik und das ”fan management“ von ”Idol“-Zuschauern, der australischen Vorlage von ”Deutschland sucht den Superstar“, arbeitet Fairchild gewissermaßen Verstöße gegen und Rezeptionen im Sinne der Musik- und Entertainment-Industrien durch.

Beide Phänomene dienen Fairchilds kritischer Lektüre, weil sie die zeitgleichen Diskurse zwischen Demokratisierung und Zerstörung von Popmusik anschaulich bündeln und besonders gut belegen, wie die Popmusikindustrie möglichst viele Konsumumfelder und -themen geschaffen hat, um Marktrisiken zu minimieren. So findet sich eine übergreifende pointierte Beobachtung zur derzeitigen Situation der Popmusik bereits am Anfang des Buchs: ”It is most telling that the music industry’s intermediaries can’t decide whether the audience is their enemy or their savior.“

Fairchild gelingt es, detailliert und an Beispielen eine neue kritische Theorie der Popmusik und ihrer Kontexte zu entwerfen. Dabei wird er niemals dogmatisch apokalyptisch oder naiv euphorisch, sondern bemüht sich um eine distanzierte Beobachtung unserer vorgemischten Popmusikwelten. Einzig, warum konzentriert sich Fairchild auf die Blockbuster des Spektakels, räumt er doch selbst im Fazit Unterschiede innerhalb der popmusikalischen Felder ein: ”Not all means of manufacture are the same, nor should they be rendered identically against the flat backdrop of academic populism.“

So sehr die Inhalte der Studie reizen und teilweise überzeugen, so sehr wird der Eindruck leider von zwei formalen Mankos getrübt: dem überteuerten Preis, der je nach Anbieter zwischen 50 und 70 Euro pendelt (zumal, wenn hier die Rede von Machtverteilung und Zugang zu Popmusik ist, das lässt sich ja auch auf Popmusiksoziologie-Literatur übertragen) und der gleichzeitig wirklich hässlichen Außengestaltung des Bands. Es bleibt nur zu hoffen, dass es ”Pop Idols and Pirates“ bald als Paperback oder Download günstiger zu kaufen gibt.

http://www.ashgate.com

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Elektronische Lebensaspekte.