”Yes, yes, Di-Boc. I know"
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 110


Gradlinig waren die beiden eigentlich nie. Ihre Musik musste immer ein bisschen exzentrisch sein. Jetzt vertonen Château Flight Vampire und versprechen: Wir reißen uns zusammen.

Versatile Records, Frankreich, Paris, einen Steinwurf vom berühmtesten Friedhof der Stadt, vielleicht sogar der Welt entfernt. Ein Plattenlabel an diesem Ort, das ist perfekt. Der Boden um Père-Lachaise soll schließlich seit Jim Morrisons Beerdingung mit Drogen und unanständiger Musik kontaminiert sein. Nachts finden angeblich bizarre Zombie-Partys in der Gegend statt. Es tanzen: Edith Piaf, Heinrich Heine, Oscar Wilde, der Lizzard King und hordenweise betrunkene Teenager auf Acid und Interrail.

Ein Tuten, ein Knacken, jemand hebt das Telefon ab. Er sagt ”’allo?“ und schickt einen Schwall massiv unverständlicher Sätze hinterher. Im Hintergrund blubbert ein dicker, mittelschneller Beat. ”Ah“, macht der Mensch. ”Yes, yes, Di-Boc. I know.“ Er verschwindet vom Hörer und geht die anderen suchen. Genauer: Château Flight, Gilbert Cohen und Nicolas Chaix, den Labelchef und seinen ersten Künstler, der auch unter dem Namen I:Cube bekannt ist. Ein Duo, das die Plattenhändler nervös macht, weil auf ihre Musik partout kein Verlass ist. Die beiden sind berüchtigte Flittchen. Château Flight machen Nu-Jazz, Psycho-Techno, Säusel-Pop, Happy-Regenbogen-House und jetzt auch noch Filmmusik. Eine aus Konsumentensicht extrem sinnvolle, aus Produzentensicht aber prinzipiell doofe und ungern beantwortete Schlaumeierfrage lautet: Wo bitte ist da die Klammer, die alles zusammenhält? Endlich nimmt wer den Hörer in die Hand. ”’allo? It’s me, Nicolas, I:Cube.“

Nicolas ist so etwas wie der Hausproduzent von Versatile. Sein Studio und das Büro liegen im selben Gebäude. Auf die wilden Friedhof-Partys nebenan angesprochen, winkt er ab. ”Ach, so war es vielleicht in den 80ern. Heute siehst du eher Touristen, die Bier trinken und Joints rauchen und Bongos vor Jim Morrisons Grab spielen. Was Aufregenderes gibt es da nicht.“

Nicolas mag den Ort mit den vielen berühmten Toten trotzdem. Auf dem Weg zu seinem Studio schlendert er oft an den verwitterten Gräbern vorbei und beobachtet die herumstreunenden Nekrophilen. In letzter Zeit hat er sich mit seinem Partner Gilbert intensiv mit Vampiren beschäftigt. Die beiden wurden von einer französischen Filmfirma gebeten, eine Episode der Stummfilmserie ”Les Vampires“ aus dem Jahr 1915 zu vertonen. ”Es ist eine Comedy-Serie. Bei Schwarz-Weiß-Filmen kannst du schnell in die Falle tappen und düstere Atmosphären darunter legen. Aber das Tolle war, dass wir sehr lustige Sachen machen konnten“, sagt Nicolas.

Die Handlung des Filmes ist verworren. Nicolas scheitert mehrfach daran, sie verständlich nachzuerzählen. Grob gesagt dreht sich alles um eine Bande von Vampiren, die Paris terrorisiert. Es geht um eine Giftspritze, einen Journalisten, dessen Mutter, eine Geheimparty, ein Geheimbuch und ein Kidnapping. Im Grunde ist das aber alles Wurst. Die Idee war ja, “die Musik alleine leben zu lassen“, sagt Nicolas.
Stummfilme mit elektronischer Musik sind nichts Neues. Jeff Mills hat schon zwei derartige Projekte abgeschlossen. Doch im Vergleich zu dessen erstem Soundtrack, ”Metropolis“, wirkt ”Les Vampires“ wie ein Kindergeburtstag. Die Musik ist albern, überdreht und voller Action. Mal werden Giorgio-Moroder-Bässe gespielt, dann wieder nur verwischte Gespensterstimmen in tiefen Hallräumen. An einer besonders ulkigen Stelle der CD brechen für wenige Takte panflötende Peruaner in einen zischelnden House-Beat.

Eigentlich entwickeln sich Château Flight gerade in eine andere Richtung. Weg von der Kunst und hin zu mehr Verständlichkeit. Die ”Baroque-EP“ auf dem Berliner Label Innervisions zeigte die Richtung an, in die es in Zukunft gehen soll: House, Bass, Melodien, weniger Jazz und Schnörkel. “Wir sind gerade auf dem 12″-Trip. Unsere Idee von dem, was wir machen wollen, ist mittlerweile präziser“, sagt Gilbert. Als nächstes veröffentlichen die beiden einen Remix von Theo Parrishs Stück ”Falling Up“. Ihren Vielfaltsdogmatismus wollen Château Flight anscheinend langsam killen. “Vorher hatten wir so viele Einflüsse und Konzepte, dass es für uns schon schwer war, das auf ein Album zu bringen. Wenn du einen Pop-Track wie Les Antipodes zusammen mit einem Techno-Track wie Cosmic Race auf einem Album hast, ist das zu extrem“, sagt Gilbert. Ein bisschen zusammenreißen kann nie schaden. Wegen der Klammer und so. Gilbert hat das irgendwie eingesehen. Er sagt: “Die Leute schnallen das sonst einfach nicht mehr.“
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Elektronische Lebensaspekte.