Als Chateau Flight setzen Gilb'R und I:Cube mit kritischer Begeisterung ihre eigene Definition von Nujazz zusammen. Sich einen Bassisten einzuladen, gehört bei ihnen genauso dazu, wie mit Wasser in den Sampler zu gurgeln.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 42

Disziplinierter Stopfkuchen
Chateau Flight / Gilb’R & I:Cube

Gilb’R und I:Cube sind das schlagkräftige Traumdoppel des französischen Freistildancefloors. Beide haben sich einzeln tief in die elektronische Musikgeschichte eingeschrieben. Der Breakbeat-Afficinado von Hip Hop bis Drum and Bass Gilb’R aka Gilbert Cohen sorgt sich als Labelbetreiber, Club- und Radio-DJ sowie Produzent um die jazzlastige Seite von Downtempo, Drum and Bass und House. Mit den Labeln Versatile, Future Talk, Discotheque und der Radiosendung Full Spectrum auf Nova hat er zeitgleich zur nujazzigen West London Szene eine Pariser Alternative aufgebaut. Der Detroit-Romantiker Nicolas Chaix aka I:Cube ließ 1996 mit der Releasenummer 1 auf Versatile gleich eine der entscheidenden Frenchhousebomben platzen (wenn auch im Daft Punk-Mix): “Disco Cubizm”. Sein From-Disco-to-Detroit-Ohr hält er seitdem auch bei seinen jazzlastigeren Exkursionen auf den Alben “Picnic Attack” und “Adore” gespitzt.
Zusammen treten Gilb’R und I:Cube unter dem Projektnamen “Chateau Flight” an, nach zwei EPs mit dem Album “Puzzle”. Kombiniert man die Schlagworte Versatile, Puzzle, Full Spectrum und Disco-Cubizm, dann kristallisiert sich unter dem Strich, welche Musikvorstellungen bei Chateau Flight ausbalanciert werden sollen. Im DJ-Team spielt der eine den Workshop zu afrikanischer Perkussion von Mongo-Santamaria, der andere den abstrakten Disco Cut Up von Frank Timms Soundhack. Das schafft konstruktive Spannungen jenseits des konventionellen Raregroove-Referenzrahmens. In ihrer gemeinsamen Jazzbegeisterung verstehen Gilb’R und I:Cube “Chateau Flight” zwar auch als einen Metallspan, der sich vom Magneten Nujazz anziehen lassen soll. Aber solche Schicksalskräfte müssen nicht unsinnig walten.

Nujazz im Allgemeinen tut man nicht wirklich unrecht mit der Definition: Die beste Voraussetzung, um sich im erweiterten Houserahmen bis über die Gniedel-Absturzgrenze aus dem Fenster zu lehnen, ist eine Raregroovevergangenheit. Meine Eltern hängten gerne ein –itis an Substantive, um zu signalisieren, dass ich übertreibe. Habe ich zuviel geschlafen, hieß es, Jung, du hast die Penneritis! Der Nujazz-Szene würden sie wohl zuraunen, Jungs, ihr habt die Fusionitis! Wie dem Offbeat die Löcher gestopft werden, jede Rosine Jazzrock, Streetfunk, Brazilpop und Afrobeat in den Rhythmusteig geknetet wird, ist eine Völlereileistung musikalischen Alleskenner-, Alleskönner- und Alleswollertums. Hipster ohne Selbstbeherrschung.
Chateau Flight dagegen sind Hipster mit Selbstbeherrschung. Selbstbeherrschung heißt bei ihnen, nicht weniger, sondern noch mehr fusionieren zu sollen. Der disziplinierende Zusatz: Detroit, Berlin, Köln – die Minimaltechno-Lehre, die einen allzeit vor jedem Gniedelexzess schützt. Nicht immer nur den Backkatalog von Groove Merchant und Flying Dutchman und anderen Labeln zu B3 Orgel plus Elektrobass-Fakejazz im Blick haben, sondern auch M Plant, Basic Channel und Studio 1. Die Lektion haben Gilb’R und I:Cube begeistert gelernt. Sie schlägt sich nicht nur bei dem offensichtlich Minimaltechno paraphrasierenden “Rituel” durch, sondern auch indirekt in der Struktur der nujazzigen Tracks. Gilb’R: “Deutscher Techno aus Köln und Berlin ist sicherlich ein wichtiger Einfluss für uns, Basic Channel vor allem. Wie dort im Dub artifizielle Klänge exponiert und Details monströs bedeutsam werden, sich aber gleichzeitig ein vereinheitlichender Hallraum darüberbreitet, hat unser Arrangementsverständnis geprägt. Wir versuchen, organische und digitale Klänge auszubalancieren. Organisch kann die Integration von Musikern an Bass, Perkussion, Stimme meinen, aber auch den Einsatz konkreter Geräuschquellen wie Papier, Murmeln oder Wasser. Entscheidend ist die digitale Firniss, die alle Klänge im Kunstraum des Studios homogenisiert. Das Album ist ein ‘Puzzle’, aber eines ohne Nahtstellen. Nichts schreckt uns mehr als der gesuchte Kontrast zwischen traditionellen Jazzinstrumenten und synthetischen Klängen, der Musiker gegen den Programmierer. Du wirst kein Solo auf unserem Album finden. Wir arbeiten mit einem Loopverständnis. Nur sollen die Loops manchmal ohne Wiederholung die Länge eines ganzen Tracks umgreifen. Das muss man dann statt von einem Sample von einem Musiker spielen lassen.
Trotz der Begeisterung für die Strukturen von Minimaltechno ist Reduktion aber kein Modell für Chateau Flight. Ich bin zu weit gewandert, von Hip Hop zu Funk, Disco, Techno, Drum and Bass. Meine gesamte Arbeit als Labelbetreiber und Produzent richtet sich darauf, die Überschneidungen zwischen den verschiedenen Genres zu markieren. Alle Genres sind miteinander verwandt.”
Die glückliche Heimführung. Bei so viel erfüllter Sehnsucht wird man geradezu wehmütig, Gilb‘r: “Nicolas und ich sind beide so gelagert. Das Wehmütige, Verhangene, das den Großteil der Stücke auf ‘Puzzle‘ umschleiert, ist unser Detroit-Ruinenstadt-Sentiment. Aber wenn man hört, wie Robert Hood dem Miles Davis-Drummer Tony Williams die Hand gibt, dann kann sich auch mal ein alter Seebär schneuzen.”

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Elektronische Lebensaspekte.