DJ Ts Label "Get Physical " ist für die Aufarbeitung von Retrodisco ohne Autoren-Schnickschnack beliebt. Jetzt überrascht Chelonis R. Jones auf Get Physical mit dem ersten Album, das den Dichter über die Disco stellt.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 95

Winter in America
Chelonis R. Jones

Wer ist Chelonis R. Jones? “Ich bin einfach nur ein Dichter. Es hat alles mit der Dichtung angefangen, als ich jung war. Vor der Musik war das Schreiben, also fasse ich das alles unter dem Begriff Dichter zusammen.“ Schreiben, Komponieren, Malen und natürlich Singen. Vor allem anderen aber provoziert Chelonis – so richtig auf die Zwölf.
Irgendwo zwischen Brooklyn und Kalifornien aufgewachsen, spielte er früher in verschiedenen Bands. Hauptsache Rock. Dann kam das Songwriting, Pop Music, kein Problem. Der Umzug nach Europa, ohne einen Pfennig in der Tasche. “Ich kam aus dem Flugzeug und da war ich: der schwarze Superfreak in Deutschland. Also, natürlich hatte ich es nicht sehr einfach.“ Irgendwann hat ihn ein Kollege nach Offenbach ins Studio mitgeschleppt und da saß Arno von Booka Shade. “Der Rest ist Geschichte.“
In Zeiten, in denen sich der Großteil der Clubmusik, wenn überhaupt kritisch, vorwiegend mit ästhetischen Fragen auseinander setzt, geht Chelonis konsequent den eigenen Weg. Unterwegs stößt er mit gesungenen Texten und Titeln wie “L.A. mattress“ oder “Deers in the headlights“ bewusst sozialkritisch vor den Kopf. “Viele Leute glauben, ich wäre einfach nur der schwarze Typ, der den Disco-Entertainer mimt. Es fällt ihnen schwer einzusehen, dass ich versuche, direkt ‘in your face’ zu sein. Ich versuche es nicht einmal. Ich bin ‘in your face’.“ But it don’t mean a thing, if it aint got that swing. Und genau den bieten die zwölf Tracks von vorne bis hinten. Von Deephouse bis Electroclash, keine Schublade ist groß genug. Sagen wir doch einfach, der Blues ist auferstanden. Denn nicht nur das Wie, sondern vor allem auch das Was ist der rote Faden. “Leute fragen mich, welche und wie viele Instrumente hast du benutzt. Und ich sage denen immer wieder, das ist es nicht. Es geht darum, wie du zur Inspiration kommst und was in den Song reinkommt. Zum Beispiel die Vocals zu ‘Mythologies’ habe ich auf einem Kassettenrekorder in meinem Badezimmer aufgenommen.“ Dabei geht es in erster Linie um den Menschen oder besser um die Menschlichkeit. “Man kann hören, dass meine Stimme manchmal eher zerbrechlich, eben nicht immer fest klingt und ich habe das absichtlich dringelassen; das ist das Geheimnis des gesamten Albums.“
Trotz Produktionen von M.A.N.D.Y. und Booka Shade auf den vorausgegangenen zwei Singles besteht Chelonis darauf, die Musik des Albums zum Großteil selbst produziert zu haben. Obwohl er noch vor zwei Jahren keinen Schimmer von Computern hatte. Aber auch das ist wieder back-to-the-basics. “Ich war nie an Computern interessiert. Schreiben, Dichten war meine kulturelle Basis. Dazu benutzte ich eine Schreibmaschine. Ich hasste Computer, weil sie die Schreibmaschinen verdrängten.“ Die Welt als Konflikt. Dass wir heute mehr vom medialen als vom sozialen Problem sprechen müssen, weiß Chelonis und wird nicht müde dies zu persiflieren. Fragt sich nur, wie Zeitgenossen damit klarkommen. Z.B. Röyksopp, auf deren nächster Single (“49%“) Chelonis vertreten ist? “Die sind fantastisch; sehr, sehr, sehr fokussiert und wissen genau, was sie wollen. Wir hatten nur ein kleines Problem. Sie wollten, dass ich meinen Text ein wenig ändere. Jeder weiß, dass man mir nicht sagen darf, was ich mit Wörtern anstellen soll. You’ll be killed when you do this.“

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Elektronische Lebensaspekte.