Die Zeiten, in denen Dance-Acts große (Rock-)Festivals und noch größere Stadien mit dicken Beats und viel Jubelgeschrei gestürmt haben, sind vorbei. Aber was unternehmen so alte Veteranen wie die Chemical Brothers gegen den gestillten Durst nach Block Rockin Beats? Harald Peters hat nachgefragt.
Text: Harald Peters aus De:Bug 89

Mein Freund, der große Beat
The Chemcial Brothers

Die letzten großen britischen Stadion-Dance-Vertreter haben es derzeit wirklich nicht leicht. Das aktuelle Basement-Jaxx-Album blieb hinsichtlich der Verkaufszahlen weit hinter den Erwartungen zurück, für das neue Werk von The Prodigy mochte sich kaum jemand interessieren, und der jüngste Versuch von Fatboy Slim fiel so sang- und klanglos durch, dass Norman Cook nun jedem erzählt, dass Dance sowieso am Ende sei und man von der Plattenauflegerei früher oder später einen irreperablen Rückenschaden bekomme. Es ist in diesem Zusammenhang nur verständlich, dass die Chemical Brothers, gewissermaßen die vierten im Bunde, versuchen sich von ihren glücklosen Mitbewerbern zu distanzieren. Nicht nur, dass sie keine Gemeinsamkeiten zwischen sich und ihren Kollegen erkennen möchten, sie halten auch ihre Platten für deutlich besser, musikalischer, ausgetüftelter, engagierter, reifer und gehaltvoller – womit sie zumindest im letzten Punkt auch irgendwie Recht haben. “Man darf eben nicht faul werden, man muss seine Musik immer weiterentwickeln und sich neuen Herausforderungen stellen.” Eine Herausforderung mag es zum Beispiel gewesen sein, den Acid- und Big-Beat-Anteil deutlich zurückzufahren, um im Gegenzug die Gastsänger-Beiträge wieder merklich zu erhöhen. Noel Gallagher und Richard Ashcroft bleiben dem geneigten Hörer dieses Mal erspart, dafür ist Tim Burgess von den Charlatans erneut mit dabei. Die erste Single-Auskopplung “Galvanize” besingt Q-Tip von A Tribe Called Quest, dessen Stimme in dem oriental schunkelnden HipHop-Stück – dass hier und da mit Indianerangriffsgeschrei akzentuiert ist – noch entenmäßiger klingt, als man es in Erinnerung hatte. Anwar Superstar, der bislang völlig unbekannte Bruder von Mos Def, rappt im marschmusikartigen R&B-Stampfer “Left Right” über die geheimen Freuden des Straßenkampfes und Anna-Lynne Williams von Trespassers William erhebt in dem flotten und angenehm schwindsüchtigen Folk-House-Stück “Hold Tight London” ihre herzallerliebste Stimme, während der Klang psychedelischer Gitarren um sie herum aufschäumt wie die Gischt in der Brandung. Die Chemical Brothers werfen also wie gewohnt alle denkbaren Zutaten zusammen, auf dass sich die Effekte in ihrer Effektwirkung gegenseitig befeuern. Weil sie in dieser Hinsicht aber schon etliche Kombinationen erprobt haben, kann es natürlich hin und wieder vorkommen, dass sie sich selbst beklauen, weshalb zum Beispiel “Come Inside” ungefähr so klingt wie der alte Gassenhauer “Block Rockin´Beats” – nur leider nicht ganz so forsch und gut. Überhaupt verströmt “Push The Button” bei allem Schwung den unbestimmten Hauch eines Alterswerks, so passgenau fügen sich hier die Bestandteile zusammen – aber auch so absehbar und vertraut. Tom Rowlands und Ed Simons sind immerhin schon seit 14 Jahren zusammen (bis 1995 als Dust Brothers) und demnach eines der beständigsten Paarungen des Dance-Sektors. Ob ihnen das Auflegen ebenfalls Rückenprobleme beschert hat, ist nicht bekannt, doch schlagen sich die zwei heute nicht mehr so gern die Nacht um die Ohren, sondern gehen lieber einer altersangemesseneren Freizeitgestaltung nach, besuchen Museen und gönnen sich Kultur. Was die Kundschaft von ihnen verlangt (Ramba Zamba, Fanfaren etc.), wissen sie noch aus der Erinnerung und versuchen das mit ihren eigenen Interessen (altmodischer HipHop, Psychedelik etc.) in Einklang zu bringen. Und so ist “Push The Button” auch gelungen. Eine schöne Chemical-Brothers-Platte. Aber wirklich nichts, weswegen man Zuhause anrufen müsste.

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Text: Jesper Schäfers aus De:Bug 24

An diesen beiden Gesellen hat sich schon so mancher Journalist die Zähne ausgebissen. Obwohl es im Waschzettel zu ihrem neuen Album heisst, sie hätten in Manchester Geschichte studiert, machen Ed Simmons und Tom Rowlands nicht unbedingt den Eindruck, als ob sie sich gerne über den Niedergang des oströmischen Reiches, die Folgen des Wiener Kongresses oder den Marschall-Plan unterhalten möchten. Im Gegenteil: nicht zuletzt ihr harter Akzent, der womöglich alle Idiome aus Südengland (Da stammen sie her!), Manchester (Da haben sie studiert und nebenbei das Phänomen ‘Rave’ entdeckt!) und London (Da wohnen sie jetzt!) vereinigt, trägt dazu bei, in den beiden eher zwei ‘normale’ Bollocks zu sehen, als zwei hochkarätige Produzenten, die mehr Edelmetall im Schrank liegen haben als die Bank von England. Dennoch: Kaum ein anderer Act hat in knapp sieben Jahren die Grenze zwischen eigenem Track und Remix für Dritte dermassen verwischt, wie diese beiden Knupis. Ihre krude Mischung aus Breakbeats, Acid-Basslines und bierseeligen Samples – kurz: diese verdammten Chemical Beats – haben nicht nur Norman Cook die Augen geöffnet und also Fatboy Slim den neuen Weg gewiesen, sondern auch bei allen möglichen Vertretern der Popmusik das Verlangen ausgelöst, ihren potentiellen Hitsingles ein neues Gewand zu verpassen. Im letzten Jahr achtetet die Chemical Brothers darauf, nicht zuviel zu remixen, und deshalb kamen nur die Manic Street Preachers, Method Man, Dave Clark und Spiritualized zu der Ehre, ihre Singles mit CB-Mixen aufzuwerten. Auf dem nun erscheinenden dritten Album “Surrender” zeigen sie uns, dass zwischen radiotauglichem Pop und knüppelhartem Dancefloor durchaus mehr Querverbindungen bestehen, als Mensch glaubt und servieren eine eklektische Track-Auswahl, die mehr an ihre Querbeet-DJ-Sets erinnert, als die Vorgänger “Exit Planet Dust” und “Dig Your Own Hole”: Hier geben sich mehr Popstars die Ehre, die Chemical Beats mit ihren absolut wiedererkennbaren Stimmen zu veredeln, als jemals zuvor: Bernard Sumner (New Order), Hope Sandoval (Mazzy Star), Noel Gallagher (Oasis), Bobby Gillespie (Primal Scream) und Jonathan Donahue (Mercury Rev) ergänzen die vielfältigen Tracks und sorgen dafür, daß sich die Hörer nicht immer 100%ig sicher sein können, ob dass nun eine Sammlung unveröffentlichter Remixe ist oder doch Originale. Ist schließlich auch egal, Hauptsache es ist originell und rockt. Nach einem kurzen Geplänkel über Fussball, Bier und Frauen wird mir klar, dass sich trotz goldener Schallplatten und dem zwangsläufig folgenden Rummel nicht viel geändert hat: Manchester United ist immer noch ihr Lieblingsverein, deutsches Bier ist ok und Interviews mit langweiligen Journalisten sind nun mal Scheisse, vor allem wenn man den ganzen Tag, die ganze Woche über über ein Album reden muss, das ob seiner Vielfalt eh für sich selbst spricht. Die Essenz ihrer Musik ist schlicht ihre Musik, und wie die klingt, wisst ihr. Bang! Also plaudern wir ein knappes Stündchen von DJ zu DJ, und die beiden verraten mir dann sogar ein paar ihrer Produktionsgeheimnisse und natürlich jede Menge Tratsch aus Manchester, aber die beiden können mir vertrauen, und deshalb behalte ich den Großteil unseres Gespräches doch lieber für mich. Bang! Bang!

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