Text: Sascha Kösch aus De:Bug 12

The Flipside of The Hip Side Chicks On Speed Sascha Kösch bleed@de-bug.de Chicks on Speed sind eine der wichtigsten Sloganmaschinen des ansonsten gerne in Genüsslichkeiten der eigenen Behäbigkeit aufgehenden, sicherlich mit dem Abendland gemeinsam, und keine Sekunde früher, basta, untergehenden Münchens. High Pressure Hooligan Glamrock nennen sie “Warm Leatherette”, die erste Single und der Remix von ihnen von Hells Remix von Daniel Millers Track auf ihrem Label Go Records. Und allein ihr Presse-Info hat schon mehr Killersätze (Chicks On Speed only sleep with art thieves / Not Trash but Cash / Under the Counter Culture) als “Rave”, “Anpassen”, Trabbatoni, und die ganzen sonstigen Lichtgestalten zusammen. Aber vor allem haben Chicks On Speed mehr Ideen, Theorien, Sinn, Musik, Leben und Spaß. Sie sind im Grunde Musterbeispiele von Techno. Als Sublabel von Disko B hätten wir gerne Upstart gefragt, ob er da mit uns einer Meinung ist, ging aber nicht. Melissa, Alex, Kiki (zwei von ihnen Amerikaner, sicherlich gute, vorbildliche) haben München in einem kurzen Angriffskrieg vollkommen verschlafen und überrascht in die Tasche gesteckt, und jetzt wollen sie mit Attitude und dem klaren Willen zur kulturellen Alleinherrschaft mit allen anderen den Rest der Welt erobern. Das ausgerechnet mit einem 7″ Label. In was für einer Welt leben wir eigentlich, wo solche Projekte durchaus erfolgversprechend und umso plausibler scheinen? De:Bug: Was für ein Projekt ist Go Records? Chick1: Jede von uns hat eine andere Idee davon. Wir haben vor, 11 Singles, von Nr. 10 bis Nr. 0, zu machen. Wir sind wahrscheinlich immer auf einer Seite, und für die andere Seite laden wir immer jemanden ein. Entweder remixen wir, oder der Gast, oder wir holen einen ganz anderen Track und machen auf beiden Seiten einen Remix. De:Bug: Woher kommt die Idee für ein 7″ Label? (unidentifiziertes) Chick2: Die Idee war, daß wir so viele Leute getroffen hatten, und wir mit allen zusammen arbeiten wollten. Deswegen. Manchmal arbeiten wir auch auf beiden Seiten zusammen mit anderen. Es geht um Zusammenarbeit. Soviele Leute isolieren sich. Gehen in keine Clubs, tauchen selten auf. Es gibt zuwenig Austausch mit den Leuten und den Ideen. De:Bug: Warum genau dieses Format? Chick 3 (vermutlich die gleiche wie Chick 1): Es erinnert so an Spielzeuge, und wir wollten einen spielerischen Umgang mit Musik haben. De:Bug: Vom Stil her ist die erste ja auch ganz klar eine Punk Single. Chick (???): Wegen der Graphik? Schon, ja, ein bißchen punking, auch weil es Low Budget ist, und wir wollten es so, und auch davon beeinflußt sein, aber dann auch weitergehen. Es ist nicht nur Punk, es hat auch andere Elemente. De:Bug: Es wirkt auch ein wenig wie Anziehpuppen aus Papier. (Melissa?) Chick: Wir werden uns auch nie richtig real darstellen. Wir werden immer Bilder von uns schicken, die Graphiken sind. Das gehört dazu. Wir wollen unsere Welt aufbauen in der Welt. Alex: Melissa und ich sind seit fünf Jahren in München, haben erst uns getroffen, dann Kiki, und wir waren alle ein bißchen gelangweilt. Haben nichts zu tun gehabt, und dann haben wir mit der Seppi Bar angefangen. Einfach um jede Woche ein bißchen Spaß zu haben. Neulich haben wir mit der Bar aufgehört und wollen jetzt ein anderes Medium benutzen. Weitermachen in Richtung Musik. Um etwas aufzubauen, was uns interessiert. Diese Welt sozusagen. Da geht es um Musik, Installationen, alles was um uns herum passiert. Kiki: Wir haben uns nirgendwo so richtig wohl gefühlt. “Social Rejects” meint Melissa grad. Wir haben festgestellt, daß wir unsere eigene Welt kreieren müssen. Es war die Seppiwelt, und jetzt geht es weiter. De:Bug: Ich kann mir eine Seppiwelt nicht vorstellen. Chick: Seppiwelt ist besser. Das war jedenfalls unser Motto. Zu spät. Das war eine Erfahrung, dagewesen zu sein. De:Bug: Zur Zeit ist das neue Medium Musik. Chick: Wir machen aber gleichzeitig auch noch viele andere Sachen. De.Bug: Man trifft euch immer wieder in einem linken Kontext. Chick: No! De:Bug: Was heißt hier no? Chick: Wie kommst du darauf? De:Bug: Neulich war eine von euch auf einer Innenstadtaktionsparty, auf der Beute-Party werdet ihr jetzt schon angekündigt mit: Die Chicks on Speed haben sich angesagt. Chick: Melissa war da, sie muß sich verteidigen. Melissa: Wir haben denen vor drei Tagen einen Brief geschrieben. Wegen einem Streetfight. Aber auf der einen Party, da war ich. Aber eine Freundin von mir war da. Deshalb. De:Bug: Streetfight? Melissa: Ja, ein Krawall in München, aber wir wissen noch nicht, ob der stattfindet. Wir sind alle so friedlich geworden. I dont know. Wir haben es in der Beute angekündigt. Daß wir einfach auf die Straße gehen und einander verprügeln. Mit Leuten aus ganz Deutschland. Aber: We dont have any ennemies anymore, do we? Alex: In linke Sachen, da wollen wir uns nicht soviel einmischen. Wir kennen einfach Leute, weil sie mit uns befreundet sind, aber wir selber sind nicht so in dieser Szene. Wir waren einmal eingeladen, bei dieser Cross the Border Geschichte, aber das war genug für uns. Wir wurden so als Exempel dargestellt, wie es ist, anders zu sein. De:Bug: Und ihr habt keine Feinde mehr? Alex: Ja, weil wir nicht so laut werden. Aber in Wirklichkeit haben wir jetzt mehr Feinde, weil wir nur 500 Singles produziert haben, und nicht jeder eine bekommen hat. Die sind jetzt alle total sauer auf uns. De:Bug: Man kann sich euren Namen so gut merken, daß jeder, der ihn einmal gehört hat, genau zu wissen scheint, wer die Chicks on Speed sind. Alex: Ah, gut, das hat also strategisch funktioniert. De:Bug: Wie ist der Name entstanden? Alex: Das ist auch so eine Geschichte. Wir waren in der U-Bahn und hatten eine Deadline. Wir mußten 20 Bilder fertig malen für eine Company, eine Firma, ich glaube Sparkasse oder irgendsoetwas, und wir haben einfach diese 20 Bilder an einem Abend malen müssen. Daher der Name. De:Bug: Ihr macht noch viele Ausstellungen? Alex: Ja, immer mal wieder, wenn wir grade Lust dazu haben. Neulich haben wir, weil wir keinen Büroplatz hatten, überlegt, ein Büro als Ausstellung zu machen und unsere Regale aufgestellt, Stühle, Typewriter, Telefone. Und es als Recordoffice benutzt. Der Titel der Ausstellung war: “Erste Jahre, die Professionalität”. Und wir waren professionell in unserem Büro. Wir hatten ein Sofa, einen Wartebereich, das hat Spaß gemacht. Wir planen noch eine Sache für Juli. Wir machen eine Tauschbörse, in Ulm. Man kann Sachen bringen und sie mit uns tauschen. In einem Konditoreiladen. Man findet uns dort, das ist eine kleine Stadt. Wir werden richtig persönliche Sachen hinbringen, und die kann man dann tauschen. Aber nicht kaufen. Aber wir wollen gute Sachen bekommen. De:Bug: Gibt es Beziehungen zu andern Künstlern in anderen Städten? Alex: Ja, wir haben überall Freunde. Für Ocean Club Radio z. B. machen wir immer Kassetten. Roughmixe von Sachen, die wir grade machen, oder Gespräche, die wir einfach hinschicken. Auch so ein kleines Projekt. De:Bug: Was wird die nächste 7″ ? Alex: Warte, wir spielen es dir vor, es ist ein Remix von einem FSK Stück. Warum das Orginal keiner kennt, wissen wir auch nicht. (Stück läuft eine Minute oder so) De:Bug: Ja. Chicks: The Return Of The Technogitarre. Und ein weiterer Grund, an den unaufhaltsamen Aufstieg der Chicks On Speed zu glauben.

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Elektronische Lebensaspekte.