Text: peter weiss aus De:Bug 08

Chile. Die große Latino-Connection Folge 1 Welcome!; Cast&Credits; die Tokyo-New York-Connection; Superstars en masse; kulturelle Identitätsfindung; Gonzalo Martinez And His Thinking Congas u.v.m. Achtung, kulturelle Metropolenverschiebung! Im Zeitalter der induktiven Aufklärung, in dem jede bewußt vollzogene, spezialisierte Basics-Analyse via Positionierung und Neuordnung gleich mehrere, musikalisch wertvolle Steine ins Rollen bringt, haben London, Paris, New York schon lange keine Chance mehr. Massenkompatible Medien, die verzweifelt selbstgebastelten Hypes vom letzten Jahr hinterherschnarchen, werden schlicht deklassiert. War in den Achtzigern die ins Fettnäpfchen fallengelassene und vom Zuhörer gähnend quittierte Phrase: “Ich war letzte Woche in New York” fester Bestandteil drolligen Bar-Smalltalks, so trifft man heute auf die lässig in den Raum genebelte Bemerkung: “Ich komme gerade aus Santiago de Chile” – mithin auf Zeitgenossen, die antworten: “Was, schon wieder?” oder “Was, du auch?”. Kurz: Ich habe mich in knapp vier Wochen auf fremdem Boden noch nie kontinuierlich mit so vielen Bekannten auf einem Haufen sozialisiert wie dort. Wie aber konnte es dazu kommen? Am Anfang war Dandy Jack, Chilene, der im Lauf seines Lebens die halbe Welt (inklusive China) bereiste, in Barcelona und auch ein paar mal in Frankfurt Station machte. Diesen Burschen (nebenbei der beste Tänzer der Stadt) lernte ich vor ca. 13 Jahren kennen. Viel später begründete er zusammen mit Pink Elln die Combo “Sieg über die Sonne”. Jack’s Solo-CDs auf Rather Interesting sowie Kollaborationen mit Victor Sol (XJacks), Pete Namlook (Amp) und Atom Heart (Gon) kanalisieren organische Melodik und Nervosität zu paralinearer Elektronenbeschußmusik. Als es ihm dann zu bunt (bzw. zu monochrom) wurde, schnappte er sich seinen Kollegen Atom Heart (den man ungestraft und nicht nur hinter vorgehaltener Hand “Maestro” nennen darf), um im Januar 1997 für unbestimmte Zeit in seine Heimat abzudampfen – mit Sack, Pack und Studios natürlich. Und das im 150sten Jubiläumsjahr deutscher Emigration nach Chile – ein logischer Schritt also. Während sich Martin “Dandy Jack” Schopf im zentral gelegenen Stadtteil Santiagos, Providencia, in der Calle Federico Froebel settlete, fand Uwe “Atom Heart” Schmidt kurz darauf, etwa zehn Häuserblocks entfernt, ein ebenso zweistöckiges Haus, das jedem deutschen Mietpreis spottet. Beide mit geräumigem Garten übrigens. In diesem Nährboden beginnen die Latino-Keime der in Frankfurt digitalisierten Saat innovativer elektronischer Musik sofort munter zu sprießen. (Friedrich Fröbel war übrigens der Begründer des Kindergartens, und man ist schon einigermaßen überrascht ob einer solch treffenden Analogie; dazu aber in der 2. Folge mehr.) Der Reihe nach: Landet man nach einer zwanzigstündigen Klaustrophoben-Flugreise auf dem Airport Santiago im November, wird man glücklicherweise von einer Temperatur so um die 30¡C willkommen geheißen. Der netteste Superstar der Welt, Jorge Gonzalez, von dem der Leser später viel mehr erfahren wird, läßt durch Bekanntheitsgrad und Charme jegliche Zollformalität unter den Tisch fallen, und das geht so: Beamter: “Dieses Paket (elektronisches Equipment) muß geöffnet werden!” Jorge, lächelnd: “Wie wär’s, wenn wir es nicht öffnen?” Beamter: “Also gut, in Ordnung.” Nach der dennoch – in Relation zum anderen Ende der Welt gesehenen – verhältnismäßig kurzen Reise muß man sich erst einmal gewahr werden, was denn nun so anders ist am Stadtbild. Dann schnackelt’s: Palmen überall, die hier extrem real erscheinen. Hin und wieder ist eine weihnachtlich mit Lichterketten dekoriert, wobei Navidad zum Glück einer gewissen Dezenz anheimfällt – Weihnachten im Sommer ist sowieso Quatsch. Außerdem erstrecken sich die Vororte bis zu den Ausläufern der Berge; also die angeblich zweitdreckigste Stadt der Erde (nach Mexico City), die nicht selten von Smog heimgesucht wird, da die Anden das aufgestaute Klima in die Urbanität zurückdrängen, schmeichelt sich an die Natur, sodaß man schnell mal an die frische Luft flüchten kann, bzw. innerhalb von zwei Stunden ans Meer. Die Sechsmillionenstadt, die in diesem Sommer von ebensovielen Motten heimgesucht wird, ist erdbebensicher: sehr heimelig, niedrig und breit konstruiert. Die wenigen Hochhäuser haben Rundum-Balkone, die ganze botanische Gärten beherbergen. Das Ganze wirkt ein wenig surreal-suppig, wie die größte Kleinstadt der Welt – im Gegensatz zu Frankfurt, der kleinsten Großstadt der Welt. Tausende gelbe Linienbusse, die man – Chilian Style – mit erhobenem Arm notfalls auch mitten auf der Straße anhalten muß, drängeln ihre mit Abgasen vollgepumpten Bäuche durch die Straßen. Bronchien britzeln. Die Metro riecht, klingt und sieht aus wie die in Paris. Nach einem Intermezzo in der Fröbelstraße, zwecks Gepäckentsorgung, wird ,schwupps, zwecks Akklimatisierung, eine standesgemäße Willkommensparty im Stadtrandteil La Florida, im haciendoiden Anwesen von Martins Mutter, organisiert. Im riesigen Wildwuchsgarten tummeln sich Aprikosenbäume, sowie zahlreiche Gäste im Schwimmingpuhl. Schneebedeckte Gipfel sind zum Greifen nahe. Die allgegenwärtige, mobile DJ-Anlage wird herangekarrt. Ein Barbecue wird schneller in Gang gesetzt, als man “Hunger!” sagen kann. Und schon sind alle Hauptakteure versammelt, mit denen man es in den folgenden Wochen fast täglich zu tun haben wird. Ich bin nicht alleine unterwegs: Pink Elln (Sieg über die Sonne, s.o.), sowie Markus Nikolai (Produzent hinter Pile und Perlon-Labelbegründer) bewachen jeden meiner Schritte und umgekehrt. Man ist bewaffnet mit Fotoapparaten und Diktiergeräten. Adrian, Martins kleiner Bruder, hat sich schnell zum Top-DJ der Stadt hochgearbeitet, der allerdings auch mal “Samba de Janeiro” unters tanzende Volk jubelt. Antonio Monasterio entlockt Pflanzen substantielle Geheimnisse und ist eine der treibenden Kräfte hinter Jard’n Secreto, eines bekannten Elektronikprojektes in Santiago. Die beiden bilden mit Martin das Triumvirat von Microman, der Mega-Partyorganisation – bevorteilt durch des letzteren Kenntnisse der europäischen Technoszene, benachteiligt durch dessen via Hypermotorik ausgelöstes Chaosprinzip. Chica Paula, Martins Schwester, schüttelt (im Umfeld des Ocean Clubs zu Berlin) hervorragende Elektro-Sets aus dem Ärmel. Claudia Iglesias rauscht mit einem Filmteam heran, um für die “Deutsche Welle TV” in Santiago ein Intro mit der versammelten Prominenz für ihren Bericht der kommenden Techno-Ereignisse zu produzieren. Jorge Gonzalez, Chilene, und Argenis Brito, Venezuelaner, leben beide in New York und bilden zwei Fünftel von Gonzalo Martinez, zentraler Bestandteil meines Berichtes. Uwe Schmidt erscheint mit Freundin Cecilia Aguayo, Ärztin und zweites Viertel von Jard’n Secreto. Die restlichen zehn oder so Personen sind alle musikalisch, graphisch, künstlerisch, philosophisch tätig oder scheinbar gar nicht. Washington, durchgeknallter Schneekönig Santiagos, fällt erst mal gar nicht so auf: Ein undefinierbarer Zeitgenosse, über den man an anderer Stelle, unter vier Augen, Stories erzählen könnte, die eh keiner glaubt. Naja, Familie halt… Tetsu Inoue, japanischer Soundscaper, der ebenfalls in New York lebt, materialisiert sich lächelnd mit seinem Tokyoter Kollegen, uff, Haruomi Hosono, vor dem man ehrfürchtig niederknien möchte, denn der experimentierfreudige Superstar vom Yellow Magic Orchestra sitzt nach Jahrzehnten stummer Anbetung zum Plaudern bereit am Pool – und das vor dem gewaltigen Andenpanorama. Das kann nur noch davon übertroffen werden, Kraftwerk nackt zu sehen! Mr. Hosono hat seine extrem charmante Dolmetscherin Michiko mitgebracht (die kokett ihre gegenwärtige Begleitfunktion als “Groupie” bezeichnet) sowie seinen portablen “Daisyworld”-Aschenbecher (begehrtes Merchandising-Objekt seines Labels oder aber maßangefertigtes Einzelstück). Haruomi Hosono ist immerhin ein Mann, der nach eigenen Angaben schon mal an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig gesehen wurde. Sein Großvater überlebte glücklicherweise den Untergang der “Titanic” (man achte also im Kinofilm auf einen Japaner); Hosono ist daher zur Bergung des Wracks eingeladen worden. Das sind Geschichten, aus denen Legenden gestrickt werden… Haruomi, Atom Heart und Tetsu nehmen gerade in Uwes Studio neue Tracks für die zweite HAT-CD auf, leider (noch) nicht für Rather Interesting, sondern zunächst exklusiv für Daisyworld. Erscheinungsdatum wird März ’98 sein; für Hosono – sehr zufrieden mit dem Resultat – viel zu spät: Am liebsten würde er das Ding schon morgen releasen. Immerhin stehen den Herren Produktions- und Distributionsbasen zur Verfügung, die eine prompte Veröffentlichung ihrer Frischeprodukte begünstigen. Nicht zuletzt diesem Umstand ist ihr Vorreiterstatus in der Elektronikszene zu verdanken. Hosono spielt dieses Mal jedoch “nur” die Rolle des akustischen Gitarristen, was er vor Beginn der Sessions selbst nicht erwartet hatte, aber: “It’s Uwe’s house and his machines. I am not touching them.” Wer also auf ethnoelektronische Sperenzien gehofft hat, wird auf zukünftige Konzerte des Japaners verwiesen. Das neue CD-Werk wird eher soft-sommerlich verspielt daherkommen. Determinierte Koinzidenzen, die unsere Musikwelt retten werden: Mr. Hosono ist ein Fan karibischer, kubanischer und afrikanischer Musik, von Loungecore sowieso, ohne daß er gewußt hätte, daß er diese Vorlieben mit denen Uwes teilt, bevor die beiden das erste Mal (in Tokyo) zusammentrafen. Musikalisch perfekt vorgebildet, durch sein Studium an Keyboards, Gitarre, Bass und Elektrizität, lernt er immer noch dazu, um beispielsweise die Fusionierung von afrikanischer Percussion und japanischer traditioneller Musik in einem Live-Kontext präsentieren zu können. Releases sind nicht geplant. Die Balance von Tanzbarkeit/Präzision – die ihre Kulmination durch Techno(logie) erfahren haben – und speziell live/akustisch gespieltem Drum&Bass (!) soll auf einer Tour (auch durch Europa) der Ermüdung technologiefixierter Studiomusik, die sich immer auf einen Träger (z.B. CD) konzentriert, entgegenwirken, was einer Streuung musikalischer Qualität auf verschiedene Medien Vorschub leistet. Sinnlichkeit, Reflexion und Kommunikation lösen also auch hier Konsum und Konservierung – im Zentrum des zukünftigen musikalischen Universums – ab, was gewitzte Beobachter schon seit einiger Zeit als offensichtliches Phänomen goutieren. Meine Suggestivfrage, ob er sich als einer derjenigen verstehe, die die Musik der Zukunft maßgebend mitgestalten, kann Mr. Hosono natürlich keinesfalls verneinen. Wir bleiben dran und verneigen uns tief! Auch Tetsu Inoue, bekannt durch Datacide, Lassigue Bendthaus (beide mit Atom Heart) sowie seine Zusammenarbeit mit Bill Laswell und Jonah Sharp, teilt die Meinung: “Future music is more balance.” und geht mit der Clubkultur-, bzw. ‘Illbient’-Szene hart ins Gericht. Von der Presse oft mißverstanden als “Ambient Artist”, verfolgt er mit seiner Arbeit eher die Renovierung von Elektroakustik (“People have to look at the past and the future at the same time.”) sowie die Optimierung von Computer/Drum Processing und deren unakademischer Verschmelzung mit Pop-Elementen. Der Standort New York scheint ideal, denn man hat dort wenig Auswahl an experimenteller Elektronik, was ihn auf sich selbst und seine eigene Arbeit konzentrieren läßt. Die Szene in Tokyo hingegen, zur Zeit auch elektroakustisch geprägt, ändert sich alle zwei Monate. Tetsu teilt mit Uwe die Bass Drum-Vermeidungsstrategie – beide wünschen sich da eine “Delete BD”-Option in ihrer Software. Gonzalo Martinez offenbart sich für ihn als globales Zukunftskonzept, das seiner Zeit “mindestens fünf/sechs Jahre voraus” ist. Er selbst, scheinbar unbeeindruckt vom Chilenischen Sommer, wird aber keine Latino Electronica generieren, denn: “Uwe, Martin and Jorge are already doing it. I don’t have to do it. I have nothing to say. I just want to hear what I want to hear.” Wer oder was ist jetzt aber Gonzalo Martinez? Well, es begann natürlich, um die Linie zu wahren, alles in New York City, – ein bißchen Metropolennostalgie scheint also doch unvermeidlich – wohin Meisterprogrammierer Dandy Jack im Winter ’96/’97 von seinem Freund Jorge Gonzalez delegiert wurde. Nach Einkauf adäquaten Equipments erstellten beide diverse Basic Tracks, die mittels der Transkription von populär-folkloristischen Cumbia-Klassikern, einem kongenialen Arrangement im Cubase und der Dynamisierung retrofizierender Soundgalaxien ein exclusiv-elektronisches Latino-Feuerwerk abfackeln, als ob in Sicherheit wiegendes Liedgut für die Next-but-one-Generation neu erfunden werden sollte. “Cumbia” ist ein lustiger, südamerikanischer Mid-Tempo-Tanz, bei dem die Hi-Hats, die den Beat hinterherschleifen, betont werden (karibische Referenz, aber auch Disco) – der “Porro”-Rhythmik (harhar!) sehr ähnlich. Für das deutsche Fernsehpublikum interessant: Man kann toll auf die Eins mitklatschen. Im Mai ’97 konzentrierte man sich dann in Santiago de Chile, gemeinsam mit Argenis Brito, Bassist/Vokalist, Pink Elln, Engineer, der aus Frankfurt eingeflogen wurde und Atom Heart, Mambo-Konvertierter, um im Studio von Antonio Monasterio (Monostereo) das Werk zu vollenden. Jorge übernahm den Großteil der Gesangsparts. sowie Keyboard-Soli und Dandy Jack alle weiteren Programmierungen. Erteilen wir dem Chef das Wort, das Zielstrebigkeit und Professionalität im Bezug zur Realisation eigener Projekte enthüllt: ”Pop is the thing that happens if you don’t use an Anti-Pop.” (Jorge Gonzalez) JG: Hinter GM steckt der Gedanke, eine Mixtur von lateinamerikanischen, traditionellen Rhythmen – Cumbia, der als klassenlos angesehen wird – mit elektronischer Musik, die zu diesem Zeitpunkt einen exklusiven Status in Santiago hat, herzustellen. Ich glaube, der einzige Weg, elektronische Musik in Südamerika richtig groß zu machen ist, daß sie eine lateinamerikanische Identität bekommen muß. In Chicago haben sie den Funk adaptiert, um House zu kreieren. In Detroit benutzten sie Motown und in Deutschland/Europa kann man sogar Polka heraushören. De:Bug: Wie ist es mit der Wertschätzung des Technovolks von GM? JG: Viele junge Leute würdigen den folkloristischen Aspekt nicht. Sie wollen, daß elektronische Musik wirklich von woanders (“from the outside”) kommt, weil wir am Ende der Welt leben. Jeder will wissen, wie es in anderen Ländern aussieht. Ein Artikel über unser Album sagt, daß es zu trocken für Cumbia-Fans ist, zuwenig Würze hat und zu langsam für Techno-Fans ist. Aber es ist ein experimentelles Werk. Es ist mehr ein Anfang für andere, um über das Experimentieren nachzudenken. De:Bug: Also eine erzieherische Maßnahme? JG: Speziell für Musiker, als Beispiel, daß man seinen eigenen Stil kreieren kann und nicht nur den europäischen oder Detroit-Stil übersetzt. Ich bin 33 Jahre alt und es reicht mir nicht, Platten nur zum Spaß zu machen. Ich will wirklich versuchen, anderen Musikern etwas zu geben, Platten zu machen, die in der übrigen Welt nicht existieren. De:Bug: Bist du von Atom Heart beeinflußt oder umgekehrt? JG: Ich glaube, daß Uwe von Martin und den ersten lateinamerikanischen Platten, die er gehört hat, beeinflußt wurde. Senor Coconut war eine tolle Sache für uns, weil es bedeutet, daß wir nicht alleine sind. Auch Towa Tei macht sehr interessante Sachen. De:Bug: Seltsam, daß sich gerade Leute außerhalb Südamerikas dieser Fusion widmen; auch du lebst in New York… JG: Ich glaube, Martin und ich wurden uns unserer Identität erst richtig bewußt, als wir unser Land verließen. In Argentinien und Chile gibt es eine Menge europäischer Einflüsse und einige Leute glauben, sie sind weiß. Wenn du aber an einen Ort wie die Staaten gehst, realisierst du, daß du nicht weiß bist (lacht). Also beginnst du, dich selbst nicht als Teil der westlichen Hemisphäre zu betrachten. Du bist anders. De:Bug: Was sind die Zukunftspläne für GM? Wird es eine Tour geben? JG: Ja, wir sind dabei, unsere zweite Single “La Cumbia Triste” (siehe CD Reviews) zu vertreiben, die ein Hit werden könnte, und dann planen wir eine Clubtour in Chile. Im März werden wir die Platte in New York veröffentlichen und dann in Mexico. Dort haben wir gute Kontakte. Mexico ist das Land Nr.1 für lateinamerikanische Musik, der größte Markt, um Platten zu verkaufen; dort lieben sie jede Art von Musik. Man kann eine Million Exemplare verkaufen, wenn’s ein Hit ist. De:Bug: In welchen Clubs werdet ihr spielen? Techno Clubs? Lounges? JG: In Chile gibt es so etwas kaum. Alles ist auf Top 40-Musik oder Tropical Music fixiert. Also wird es ein rechtes Abenteuer werden. De:Bug: Du warst in den 80ern mit deiner Band Los Prisioneros berühmt. JG: Ja, wir waren die Nr.1-Band. Los Prisioneros waren in Chile so was wie die Beatles in Europa. Wir haben hier etwa eine Million Alben verkauft, und die Goldene Schallplatte liegt bei 50000 verkauften Exemplaren. De:Bug: Was sagen deine Fans dazu, daß du jetzt mit GM einen komplett anderen Stil repräsentierst? JG: Sie sind ein bißchen verwirrt, aber ab dem zweiten Album von Los Prisioneros haben wir auch alles programmiert – die Drums, Bass Lines etc., also ist es eigentlich keine große Überraschung. Wir haben nur ein Album mit Gitarren und echtem Schlagzeug aufgenommen. Ich und Miguel Tapia, der Drummer, waren von Anfang an von elektronischer Musik begeistert. Unser größtes Album (1989) war ein Mix aus House und lateinamerikanischer romantischer Musik. Unser Manager organisierte eine Tour durch Europa 1987/88 und kehrte mit einer Menge Acid House-Platten zurück. Das war auch die Zeit, in der ich Acid und Ecstasy genommen habe; es gab also eine starke Verbindung zwischen dem Anfang von Acid House und unserer Arbeit. Ende der Achtziger wurden in Santiago auch Parties organisiert, zu denen Platten von Lil’ Louis, Todd Terry etc. gespielt wurden. Martin lebte hier und machte elektronische Musik. Chile ist in dieser Beziehung anderen südamerikanischen Ländern weit voraus. Damals gab es auch eine kleine Szene in Argentinien. Ich glaube, in jedem (südamerikanischen) Land gab es eine Handvoll Leute, die das verfolgten, aber es hat für eine Weile nachgelassen. Seit letztem Jahr ist das Interesse wieder da, ist aber kommerzieller ausgerichtet. De:Bug: Wie sieht die elektronische Musik der Zukunft aus? JG: Ich glaube, Maschinen müssen physischer werden, um mit ihnen zu arbeiten. Computer sind zu starr und das Konzept von Tasten und Knöpfen wird verschwinden. Man muß praktischere Interfaces zwischen Mensch und Maschine entwickeln. De:Bug: Ein Brain-to-MIDI-Konverter? JG: Nein, physischer, wie wenn du etwas quetschst und einen Sound daraus generierst. Wenn du Tonhöhe und Notenlänge verändern kannst über Vorgänge, die dir Spaß bereiten – perkussiver, sinnlicher Natur. De:Bug: Die TB-303 ist ja so beliebt, weil das sinnlichste Instrument, an dem man herumschrauben muß. JG: Wir brauchen mehr davon, aber Keyboards haben ausgedient. Wie Pink Elln neulich sagte: “I’m key-bored” (lacht). Keyboards waren exzellent im letzten Jahrhundert, der neueste Stand der Technik. Aber heutzutage brauchen wir mehr interaktive Interfaces, weil die Zukunft zeigen wird, daß jeder Musik machen kann. Du brauchst dazu kein Musiker zu sein. Jeder ist dazu imstande, solange er/sie Ohren hat. Vielen Dank für das Gespräch. Argenis Brito, ehemals Pop-Musiker und immer noch professioneller Bassist mit charmanter Bühnenpräsenz, ist vor drei Jahren von Caracas nach Brooklyn gezogen, wo er Jorge (und Tetsu) kennenlernte und sich alsgleich für Techno und Musikcomputer begeisterte: “The roots I have fit very good with all the electronics.” Auch er verschreibt sich dem Stilmix aller Einflüsse, der aber nicht zu kompliziert ausfallen soll; gerne experimentell, aber gleichermaßen nett zum Zuhören: “Gonzalo Martinez is weird and nice.” Die positive Akzeptanz gegenüber der Exotik dieses Projektes überrascht. Man hatte hohe Erwartungen, die auch noch übertroffen wurden. Man erkannte, daß gerade die Europäer offen für Alternativen sind und daß es eine Menge Leute gibt – “hungry for new stuff” -, mit denen man seine kosmopolitischen Interessen teilen mag. Also riefen er und Jorge ein Label ins Leben, um einer spontanen Idee, sowie den Fertigkeiten unbekannter, aber talentierter Latino-Fusionisten, die vorher noch nie etwas aufgenommen haben, eine Grundlage zu schaffen. Nachdem beide festgestellt hatten, daß die mal eben für eine Compilation eingeladenen Musiker (aus Chile, Venezuela, New York, Miami, Boston) so brillant wie Gonzalo Martinez selbst sind, betreiben sie das Projekt seriös. Die meisten Musiker können es sich mangels Equipment nicht leisten, eine adäquate Produktion anzubieten, also kommt der Prophet mit seinem Aufnahmegerät zum Berg, um die beste Qualität zu konservieren. Etwa 10-14 Künstler sind beteiligt, und schon jetzt kann man verraten, daß wohl auch der eine oder andere Perlon-Artist eine Perle abliefern wird. Releasedate wird ca. Juli ’98 sein. De:Bug wird die Spur natürlich weiter verfolgen. ”Are you looking for treble, man?” (Jorge Gonzalez) Das Initiations-Konzert fand am 29.11.97 im Club Planet statt. Dort präsentiert die Organisation Microman alle paar Samstage die Veranstaltungsreihe “Encuentro con la Technocultura”. Zunächst beheizt Adrian den großen Tanzflur, was wie üblich gut funktioniert. Man fragt sich aber schon ab diesem Zeitpunkt bange, wie die Menge den kompletten Bruch in der Musik wahrnehmen wird, wenn GM die Kohlen ins Feuer schmeißen. Bei der Masse nämlich regiert das Prinzip “Ausflippen auf Kommando” im “Bass Drum off/Bass Drum on”-Modus, der regelmäßig mit viel Gekreisch quittiert wird. Die Bühnenpräsentation von GM ist jedenfalls Stars würdig; etwas Professionelleres könnte man sich nicht einfallen lassen (Riley berichtete in der letzten Ausgabe). Auf erhöhtem Posten, v.l.n.r.: Pink Elln – Sounds/Rhythmus-Programme, Dandy Jack – Zentrale/Sequenzen, Atom Heart – elektr. Percussion; davor, die Weite der Bühne beherrschend: Jorge und Argenis – Gesang/Keyboard/Bass. Die Assoziation mit Kraftwerk möchte ich jedoch nicht teilen – eher thront da eine ökonomische/ironische, auf jeden Fall berechtigt eingesetzte Megalomanie über den Technoiden. Eine perfekte Inszenierung, die jeden elektronischen Act, den man hierzulande kennt, degradiert, verspricht großes Vergnügen. Letztendlich versumpft aber – um es lakonisch zu beenden – die Feuertaufe in der miserablen Akustik, die der Brillanz der Sounds und des ausgeklügelten Arrangements nicht gerecht wird. Die Mehrzahl der Technoiden verläßt verwirrt den Saal. Das tägliche, konzentrierte Rehearsal in der Fröbelstraße, das uns alle schon beim Zähneputzen begleitet hatte, bleibt nur als Erinnerungsnachhall erhalten. Wie sagte Jorge noch: “It’s gonna be a real adventure”. Das genau hier und jetzt beginnt… In der nächsten Folge: Massenplasmen in der Fröbelstraße; Putsch& Parties; Clubs& Caipirinas; Politik& Pisco Sour; Microman vs. Euphoria; die Berlin-Köln-Connection; Jard’n Secreto; Atom Heart: Musik für das Jahr 2000; die Hunde von Las Condes u.v.m. 08

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Elektronische Lebensaspekte.