Kunst aus Shanghai über Shanghai. Der demokratisch zusammengesetzte Idealrepräsentant des "New Image of Shanghai" durchlebt einen Multiple Choice Liebesroman im Internet oder wird als huldigende Skulptur zum Verkaufsrenner. Sein Initiator, der Multimedia-Künstler Shi Yong, trägt Designer-Mao-Anzüge.
Text: stephanie tasch aus De:Bug 57

Ein moderner Mann im Multiple Choice Verfahren

Shi Yong ist nicht der einzige Künstler der Volksrepublik China, der mit dem Medium Internet arbeitet, er tut dies aber seit einigen Jahren in einer für nicht sprachmächtige Ausländer erfreulich zugänglichen Form: Seine Arbeiten sind zweisprachig chinesisch/englisch konzipiert und über die Website seiner Shanghaier Galerie “ShanghART” [www.shanghart.com], zugänglich.

Shi Yongs Arbeiten deklinieren immer wieder die künstlerischen und ökonomischen Beziehungen zwischen China und dem Rest der Welt (ergo: dem westlichen Rest) durch, machen sich Gedanken über Identität, Repräsentation und die Formulierung einer eigenen Perspektive. Shi Yong arbeitet seit Anfang der neunziger Jahre multimedial. Es gibt keine Festlegung auf ein bestimmtes Arbeitsmedium, eher Präferenzen für besonders geeignete. Die potentiell unendliche Menge von Benutzern des WWW ist für Shi Yong das angemessene Vehikel für seine Projekte, die stets von anderen Arbeiten, vor allem Fotos oder Performances, ergänzt werden. Die begrenzte öffentliche Aufmerksamkeit für und Zugänglichkeit von aktueller Kunst in der Volksrepublik China spricht ebenfalls für die Nutzung des Internet, das die Arbeiten über Shanghai hinaus rezipierbar macht.

LIEBESROMAN IM MULTIPLE CHOICE-VERFAHREN

“First Date” ist ein hinreißend kitschiger DIY-Liebesroman im Multiple-Choice-Verfahren, geschrieben aus der Perspektive eines namenlosen (männlichen) Protagonisten. In der Rolle dieses schönen, narzistischen Dandy, der sich von Seite zu Seite aufflackernd in den möglichen Antworten auf seine Liebes-Ouvertüren spiegelt, tritt der Künstler selbst auf. Einer von Shi Yongs Shanghaier Kollegen, Zhou Tiehai, stellte in den 90er Jahren eine Reihe Arbeiten unter das Thema “Looking for Love” – über die Unmöglichkeit, Unwahrscheinlichkeit, Hoffnung der Liebe in der Großstadt. Während bei Zhou das Ausschauhalten thematisiert wurde, schreibt der Leser in Shi Yongs Arbeit nach seinen Vorgaben einen Roman, in dem das “First Date” mit dem verzweifelt um Coolness bemühten Gegenüber per Mouseclick mit den Möglichkeiten A-D vorangebracht wird. Alternativ lassen sich auch eigene Ideen unterbringen. Am Ende steht statt “End” allerdings “Send”.
Denn zu erwarten ist, dass Shi Yong die Ergebnisse von “First Date” als Ausgangspunkt für seine nächste Arbeit benutzen wird. Aussehen und Habitus des Liebhabers in “First Date” ist ebenfalls das Produkt einer Internet-Abstimmung über das “New Image of Shanghai Today” (1998). Ebenso wie die Stadt, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren als vor Selbstbewusstsein strotzende Megalopolis neu erfunden hat, unterzog der Künstler sein öffentliches Ich einer Image-Veränderung. Dabei war ihm die Ironie des Verfahrens wohl bewusst: Ein Künstler aus einer marginalisierten Ecke der globalen Kunstwelt fordert ein weltweit auf die Website seiner Galerie zugreifendes Publikum zur Erstellung eines lokalen Idealbildes auf und riskiert damit, dass bestimmte Exotismen von außen weiter festgeschrieben werden.

DER NEUE SHANGHAIER

Wenig überraschend ist der Siegerentwurf, kombiniert aus zwölf Vorschlägen für Haarschnitte und –farben und vier für Anzüge, ungefähr so hybrid, wie man es Shanghai seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert unterstellt: Eine blondgefärbte (im Ergebnis kastanienbraune) Poppertolle (im Anschluss an die von Hugh Grant favorisierten Haartrachten ließe sich auch von “floppy Hair” sprechen), Pilotenbrille und schwarzer (nicht blauer!!) Sun Yat-sen-Anzug (dies nur als modehistorisches Nebenbei: Der sogenannte Mao-Anzug, auch beim Großen Vorsitzenden übrigens stets von ausgezeichneten Herrenschneidern maßgearbeitet, war kein solcher, sondern verdankte seine Entstehung den Vorlieben des Gründers der kurzlebigen chinesischen Republik von 1912, Dr. Sun Yat-sen, Arzt, Politker und Dandy). Der Anzug siegte mit großem Abstand in der Publikumskunst, während man sich bei den Haaren auf schulterlang oder seitengescheitelt kurz und leicht verrauft hätte einigen können. Der neue Idealtypus ist seitdem Shi Yongs Alter Ego für Performances und andere Auftritte und hatte seine Shanghaier Premiere als Skulptur. Ein Multiple aus Fiberglas, auf einem weißen Sockel mit der Aufschrift “Made in China” und mit huldreich zum Gruß erhobener Hand, wurde zum Verkaufsschlager der mittlerweile legendären Ausstellung “Art for Sale” in einer Shanghaier Shopping Mall im Frühjahr 1999.
Während in seinen früheren, konzeptuellen Arbeiten die Erkundung des urbanen Raums Shanghai zum Thema hatten und formale Erwägungen eine untergeordnete Rolle spielten, erhält die optische Aufbereitung und eine aus der Werbeästhetik entlehnte Glätte der Präsentation eine größere Bedeutung, seit Shi Yong die Frage der Repräsentation des Stadtbildes, des “New Image of Shanghai”, und seiner Bewohner nach außen zum zentralen Thema gemacht hat. Für die Ausstellung “Cities on the Move” (1997) konzipierte Shi Yong ein Projekt für die Imagewerbung Shanghais. In diesem nicht-realisierten Projekt, das die Schnittstelle zwischen seinen vorigen konzeptuellen Arbeiten und den Online-Projekten bildet, konzipierte Shi Yong eine Werbekampagne für das ideale Shanghai. Shanghais auch von der realen Tourismusindustrie endlos reproduzierte Attraktionen wie etwa der Fernsehturm wurden zum dekorativen Hintergrund für die Figur des “New Image of Shanghai Today”. Im öffentlichen Raum, auf Postern, Postkarten und im Internet, in Shanghai wie im Ausland hätten die Reproduktionen zur Vervielfältigung des Bildes beitragen sollen, während eine gleichzeitige museale Präsentation ihren Wert als Kunstwerk manifestiert hätte.

SHANGHAI BABY

“First Date”, die aktuellste Arbeit, ist bisher die leichthändigste Übung in seinem Repertoire. Wenn Shi Yong den zuckrigen Ton und den Gefühlsüberschwang des klassischen Frauenromans persifliert, ist der Text eher “Shanghai Baby” als “In The Mood For Love”. Die kurzen Texte lesen sich wie eine Parodie zu dem in diesem Jahr auch auf Deutsch erschienenen Roman von Wei Hui über ein Shanghaier “Bad Girl” (na ja), der in einer Kritik sehr treffend als endloser “Cosmopolitan”-Artikel charakterisiert wurde (ja, “Cosmo” gibt es auch auf Chinesisch). Shi Yong dreht das Spiel mit den Geschlechterrollenklischees um und präsentiert einen koketten asiatischen Mann, dessen weiteres Schicksal und Liebesglück in der Hand der Leserin liegt. Kein Stereotyp der Cosmo-Welt wird ausgelassen, es gibt kein Entkommen aus der Platitüdenfalle – es sei denn, man nimmt das Angebot an und dichtet ihm selber etwas.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.