Ein Album jenseits der Schemata
Text: Olian Schulz aus De:Bug 116


Dass die Pariserin keine musikalischen Umwege scheut und Musik auch für untypische Umgebungen produziert, beweist ihr Album “The Waiting Room”. Dabei liefert sie auch gleich den passenden Soundtrack, um dem herkömmlichen Wartezimmereinheitsbreigedudel den Kampf anzusagen.

De:Bug: “The Waiting Room“ ist ein recht buntes Stilgemisch: darker minimaler Techno, aber auch Gitarrenstücke, sogar mit ein bisschen Blues-Anklängen, dann wieder Electro. Trotzdem fällt das Album nicht auseinander. Wie hast du das geschafft?

Chloé: Ja, das war ein bisschen problematisch, und deswegen hat es auch lange gedauert, bis ich fertig war. Ich bin zwar DJ, meine eigenen Stücke sind aber nicht unbedingt clubtauglich. Schon auf meiner ersten Maxi “Erosoft“ gab es ein Gitarrenstück, dann ein etwas schwebendes Stück usw. Für mich ist dieses Album die Fortsetzung von diesem Prozess, eine Weiterentwicklung zu etwas Reiferem. Ich habe schon immer sehr viel und sehr unterschiedliche Musik gehört: von Blues und Rock bis zu klassischer und zeitgenössischer Musik, dazu natürlich eine Menge elektronischer Musik. Wenn ich bei einem Stil bleibe, habe ich das Gefühl zu ersticken. Aber wenn ich mich frei und offen fühle, kommt die Inspiration wie von selbst. Es hat mir einiges Kopfzerbrechen bereitet, die Einflüsse zusammen zu bringen und zugleich eine gewisse Einheitlichkeit zu bewahren. Als ich dann ein Stück nach dem anderen bearbeitet habe, ist mir aufgefallen, dass alle Tracks zusammenhängen … das ist ganz unbewusst passiert. Überraschend, selbst für mich.

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De:Bug: Und wie erklärst du dir das?

Chloé: Ich glaube, dass sich die Persönlichkeit in der Musik widerspiegelt. Es gibt musikalische Farben und Vorlieben, gewisse Harmonien und Dissonanzen, die ich mag. Das schimmert in allen Tracks durch. Jedes Stück hat ein wenig von diesem Sound, der dark ist, aber zugleich voller Hoffnung. Ich schätze genau diese Mehrdeutigkeit, denn wenn mir ein Etikett aufgedrückt wird, finde ich das unerträglich. Letztes Jahr haben Ivan Smagghe und ich die Compilation “The Dysfunctional Family“ gemacht, auf der von Club-Tracks bis Folk alles zu finden war. Uns hat das viel Spaß gemacht, manche Leute hätten es aber lieber gesehen, wenn wir eine Club-Compilation gemacht hätten. Aber diese Forderung geht eigentlich nicht vom Publikum aus, sondern vom Marketing. Wenn ich mich danach hätte richten wollen, hätte ich eine andere künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Ich versuche, ehrlich zu bleiben. Ich vertraue den Leuten und hoffe, dass sie mir auch ein bisschen vertrauen.

Warten auf bessere Zeiten

De:Bug: Dein Album heißt “The Waiting Room“. Worauf warten wir da?

Chloé: Da sind ganz verschiedene Deutungen möglich. Bei vielen Menschen gibt es zum Beispiel dieses Gefühl, auf etwas Besseres zu hoffen. Es könnte aber auch um ein nervtötendes Warten gehen. Man kann es auch als eine Anspielung auf die Situation im Club sehen: Alle sind stundenlang zwischen vier Wänden eingepfercht und dabei überglücklich. Allgemein gesprochen beschäftige ich mich gerne mit dem Konzept Zeit, und das hat nicht unbedingt was mit Nostalgie zu tun, weil es mir ebenso viel um Dinge aus der Vergangenheit wie in der Zukunft geht.

De:Bug: Kannst du etwas zu einem der Songs sagen, der dir besonders am Herzen liegt?

Chloé: Ja, “Around the Clock“, das ist wohl auch das Stück, auf das du vorher in Sachen Blues angespielt hast. Ganz unbewusst geht es da wieder um das Thema Zeit. Sie geht vorüber, man wartet und hofft. Daraus entsteht eine Spannung und eine Art der Zurückhaltung, die auch in meiner Musik zu spüren ist. Der Name des Stücks sollte eine Anspielung auf den Song “Rock around the Clock“ aus den 50ern sein. Der ist ja sehr schnell und rhythmisch, und es hat mich amüsiert, den Titel auf meine Weise zu interpretieren: schleppend und langsam. Ich wollte das mit Abstand und Humor sehen.

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De:Bug: Liegt dir viel daran, in deinen Stücken Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die dich oder die Leute in deiner Umgebung bewegen?

Chloé: Natürlich gebe ich Eindrücke wieder, die jeder von uns empfinden kann. Aber für dieses Album wollte ich diese Gefühle ein bisschen poetischer in die Musik übertragen und nicht nur Copy & Paste machen. Ich mag Farben, das Zwielicht oder Dichter wie Rimbaud: Diese Schule gefällt mir, weil sie ihre Empfindungen in ihre Kunst einbringen. Das hat mich immer sehr angesprochen, und ich wollte mein Album wie eine Geschichte gestalten, die verschiedene Etappen durchläuft. Deswegen ist das letzte Stück “The Door“ eigentlich ein gesprochenes Stück. Ich wollte mehr in Richtung eines Gedichts gehen, das mit dem Stück kommuniziert und mit ihm gemeinsam wirkt.

Warten auf bessere Musik

De:Bug: Kommen wir noch mal auf das Album als Ganzes zurück. Du hast nie Unmengen Maxis produziert, und jetzt veröffentlichst du gleich ein Album. Was ist passiert?

Chloé: Es gibt eine Tatsache: nach meiner ersten Maxi ist bei mir eingebrochen worden, die haben alles Material mitgenommen, mitsamt der Backups. Ich habe eine Menge fertiger Stücke verloren, das hat mich wirklich geschafft. Daraufhin habe ich ein Jahr lang gar keine Musik mehr produziert. Als ich dann wieder Stücke gemacht habe, dachte ich immer: Das kannst du nicht auf eine Maxi packen, das passt mehr auf ein Album. Irgendwann merkte ich dann, dass mir nur noch zwei oder drei Stücke für ein Album fehlten. Ich könnte mir diese Stücke nicht auf mehreren Maxis verstreut vorstellen.

Jenseits der Popformate

De:Bug: Es heißt, du besuchst jetzt die Musikakademie …

Chloé: Vor drei Jahren habe ich mich an einem Konservatorium für Elektro-Akustik eingeschrieben und nehme dort zusammen mit Krikor an Vorlesungen teil. Unser Professor will, dass wir einmal im Jahr ein Projekt mit einem Musiker machen. Im ersten Jahr habe ich mit einem Kontrabassisten zusammengearbeitet. Ich musste zunächst die Spielweise und die Notation lernen, damit ich eine Partitur schreiben konnte. Dann habe ich das aufgenommen und mit diesem Material ein elektronisches Stück gemacht. Für das Album habe ich zwei Stücke als Interludes verwendet. “Common Cello“ stammt aus meinem ersten Studienjahr. Das Material für “Dead End“ habe ich dann letztes Jahr mit einem Flötisten eingespielt. Für das Album habe ich jeweils nur elektronische Ausschnitte verwendet, aber es basiert auf den Klängen der Instrumente. Diese Arbeiten haben mir erneut gezeigt, dass noch etwas anderes existiert als das Popformat, andere Regeln und Schemata, die eben auch sehr interessant sind.
http://www.dj-chloe.com

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Elektronische Lebensaspekte.