Sie liebt Paris im Sommer und Le Sud im Herbst: Chloé Thevenin gehört nicht nur zu den meist gebuchtesten DJs aus Frankreich, auch ihre Platte “Erosoft” ist nach wie vor ein Verkaufsschlager. Mit der Katapult/Karat-Crew im Rücken rolllt sie an den Decks und im Studio das deutsche Minimal-Paradigma neu auf. ALT Easy Listening versus Rokno und Minimal-Funk. Softe, aber bissige Tracks gibts von Chloé, dem Aushängeschild der neuen Bewegung französischer, elektronischer Tanzmusik. Mit flotteren Tracks hingegen lockt sie noch immer donnerstags die Leute in den Pariser Club Le Pulp.
Text: Aku Heiser aus De:Bug 85

Lovely Biestigkeit in 4/4

Aus dem Keller ans Licht. Nachdem elektronische Tanzmusik made in France in den letzten Jahren in etwa so aufregend war wie ein in seinen Variationen ausgereizter Legobaukasten, wirbeln ein paar neue Spielkameraden die Steine gehörig durcheinander und fügen allerhand neue Teilchen dazu. Neben Ark, Cabanne, Ivan Smagghe, Sety, Jennifer Cardini, Black Strobe, Freak, Krikor, Mossa, Quentin Dupieux alias Mr Oizo oder Feadz ist es vor allen Dingen Chloé Thevenin, die sich mit launigem Understatement, musikalischer Offenheit und viel Pop-Appeal mehr und mehr zu everybodys Darling entwickelt.

Keimzelle der locker verbandelten Clique ist der von Laetitia Cremadeills und Alex Roger geführte Pariser Plattenladen Katapult und das angegliederte Label Karat. Chloé deckte lange Zeit ihren Vinylbedarf innerhalb Frankreichs beinahe ausschließlich aus dem kleinen Laden am Pariser Place de la République.

“Ohne Laetitia & Alex würde es mich als Produzent nicht geben. Die Kontakte, die Katapult schon Mitte der 90er nach Deutschland geknüpft hat, sind essentiell für uns gewesen. Dieser ganze Kompakt- und Neuton-Stoff. Wir haben diesen Sound adaptiert und auf eine ganz eigene Art und Weise weiterentwickelt. Blackstrobe, Cabanne, Krikor, Jennifer Cardini oder ich fühlen uns der neuen deutschen Minimal-Elektronik verwandt. Nicht umsonst releast zum Beispiel Feadz auf Bpitch. Aber wir haben daraus unser eigenes Ding entwickelt. Wir sind the new french anti-french touch.“

Alles andersrum
Die 28-jährige Anglofranzösin geht gerne umgekehrte Wege. Sie liebt Paris im Sommer, wenn alle Pariser in Südfrankreich sind, und Südfrankreich im Herbst, wenn die Pariser wieder zu Hause sind. So ist das auch mit ihrer Musik. Sie führt dich an einem seidenen roten Faden durch einen Mikrokosmos unterschiedlichster Emotionen. Neben elektronischer Tanzmusik bestimmt ihr Faible für 70er Funk & Rare Grooves, Velvet Underground, Brian Eno, Roxy Music, David Bowie oder die (frühen) Talking Heads ihren Sound.

“Was ich an dieser Musik mag, sind die reduzierten Parts darin. Zum Beispiel die Art, in der die frühen Talking Heads weißen Funk und New Wave zusammenbrachten. Diese Gitarren. Das ist purer Minimal-Funk. Oder Velvet Underground. Sehr minimal. Das ist ein wichtiger Einfluss auf die Art, wie ich produziere. Neue elektronische Musik, wie ich sie verstehe, ist nur die Fortführung dieser Ideen mit anderen Mitteln. Kein Stildogmatismus. Sondern eklektisch. In Between, mein Liebär!“

Ihr Debüt “Erosoft“ amalgamisiert diese Einflüsse mit Charme und leichter Hand. Fünf Stücke. Fünf Stimmungen. Tunes, die mit vokalem Zartschmelz überzogen und melancholischen Gitarrenlicks gewürzt sind. Verträumt. Sehnsüchtig in den Sonnenaufgang tanzend. “Erosoft“ ist die bis heute bestverkaufte Karat-Platte und das darauf befindliche “Blush“ mit seinem scheu gehauchten “All i need is your love“ leckt dir bei zuckenden Tanzmuskeln zärtlich die Ohrmuschel. Auch ihre letzte Karat-EP “Forgotten“ versteht es glänzend, gleichzeitig lovley und biestig zu sein.

Vive la difference!
“Ich bin mit sehr unterschiedlicher Musik aufgewachsen. Das hat mit meinen Eltern zu tun. Meine Mutter ist Engländerin und legte in den 60ern in London auf. Soul. Motown. Mein Vater kommt aus Biarritz und ist Besitzer einer gut sortierten Plattensammlung. Kraftwerk, Rolling Stones, viel Rock, aber auch moderne Klassik. Außerdem habe ich meine Kindheit in Marseille verbracht, der Hauptstadt der Exilierten dieser Welt. Ein Melting Pot der Kulturen. Das hat mich geprägt.“

Beim DJing ist das anders. Da pumpt sie mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks verchromten Rokno und feisten Minimal-Funk auf den Floor. Chloé gehört zu den beliebtesten und dienstältesten Residents im legendären Pariser Le Pulp, einem mittlerweile für alle Menschen und Sounds geöffneten ehemaligen Lesbenclub. Chloé und Jennifer Cardini begannen hier mit ihrer mittlerweile verstorbenen Sista in Crime Sextoy ihre DJ-Karrieren. Chloé führt dort mit ihrer donnerstäglichen “No Dancing“- Residency eine Tradition fort. Schließlich waren es Laurent Garniers eklektische Do-Residencys im Rex, die vor beinahe zehn Jahren in ihr den Wunsch entfachten, DJ zu werden.

Chloé arbeitet intuitiv: “Ich kann nicht mit der Vorgabe ins Studio gehen, einen Dance-, Listening- oder Sound-Track zu produzieren. Ich folge meinen Launen, Gefühlen und spontanen Eingebungen. Das heißt, dass das Resultat meiner Arbeit auch für mich unberechenbar bleibt. Manchmal gehe ich gut gelaunt ins Studio und komme mit einem traurigen Stück wieder heraus. Deshalb sammle ich meine Tunes. Die Listening Tracks fürs erste Album, der Rest für den Floor.“

Sampling ist ihr verpönt. Sie spielt ihre Gitarre und singt selbst. Zuletzt hat sie auch zwei Soundtracks produziert. Da kann sie ihre dunkle Seite in cineastischen Soundscapes ausleben.

Früher lebte Chloé im Pariser Szeneviertel Montmartre. Vor einem Jahr zog sie mit Freunden in ein altes Haus vor den Toren der großen Haupstadt. Ländliches Idyll. Von Donnerstag bis Samstag legt sie auf. Hetzt durch Clubs, Hotels, Flughäfen. Von Sonntag bis Mittwoch labt sie ihre Seele an der Natur. Sie hat (zu) viele Freunde in der Großstadt-Hysterie kaputt gehen sehen, sagt sie. In memory of Sextoy. Früher produzierte Chloé im gleichen dunklen Katakomben-Loch wie Ark. Jetzt hat sie ihr Studio im ersten Stock ihres Landhauses. Ein heller, sonninger Raum mit Blick in den verwilderten Garten. Vom Keller ans Licht.

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Elektronische Lebensaspekte.

Chloé kommt aus Paris und beeindruckt gerade mit ihrem Debut auf Karat. Gefühlvoller Minimal Techno ohne Stildogmatismus.
Text: Olian Schulz aus De:Bug 64

Abteilung Lovely Techno
Chloé

Natürlich gibt es DJ-Lieblingsplatten. Ganz ohne große Welle, aber es ist zu sehen und zu hören. Der Fall liegt vor, wenn zwei Plattendreher am selben Abend drei Mal Chloés ”Blush” mit dem unwiderstehlich gehauchten “All I need is your love” mixen. Verfielen sie der spielerischen HiHat-Verzierung des geraden und dennoch weichen Beats? Vielleicht reizt sie das Geknarze, das sich wie ein wohliger Schauer darüber legt. Oder sie erfreuen sich an dem zuckersüßen Thema des E-Pianos – kurz bevor als emotionaler Höhepunkt die Stimme einsetzt. Kaum zusammengekommen, verfliegt das Stück: Leicht wie ein verführerischer, im Vorübergehen wahrgenommener Duft. Vielleicht müssen es die DJs deshalb mehrfach hören. Die Französin Chloé ist seit vielen Jahren selber DJ. Regelmäßig rockt sie das Batofar, L‚Alcazar oder Le Pulp mit einer Bandbreite von Deephouse bis Electro. Dort trifft sie beim Auflegen ihre Bekannten Jennifer und Feadz, der bei BPitch Control releast. Zusammen mit der inzwischen verblichenen Sextoy produzierte sie als “Dirty Cristal”. Nun remixte sie für FCom den in Paris sehr angesagten Avril.

DJ und eigene Produktion, für Chloé sind das zwei unterschiedliche Welten. Das Auflegen: Ein spontaner und kurzweiliger Rausch, in den sie die Menge mitreißen kann. Die eigene Musik ist dagegen ein auf lange Sicht angelegter Schaffensprozess. Ihre Debüt-EP “Erosoft” vermittelt eine sehr private Atmosphäre. Chloé erklärt sie aus ihrer intuitiven Art zu komponieren: “Wenn ich ein Stück mache, lasse ich mich von meinen Launen tragen, von dem, was in meinem Leben passiert.” Unterschiedlich wie die Stimmungen an einem Apriltag sind auch die fünf Stücke auf der Platte. Das melancholisch-meditative Gitarrenstück “Paradise” würde jeder Opium-Höhle zur Ehre gereichen. Der Titeltrack “Erosoft” könnte dagegen von einem Berliner oder Kölner Minimal-Techno-Label stammen. Das ist freilich keine große Überraschung, denn ihr Label Karat gehört zum Pariser Plattengeschäft Katapult. Hier stehen alle deutschen (und natürlich auch internationale) Referenzlabel schön aufgereiht. “Ich bin von Rock, Groove, Indie, Electro und Pop beeinflusst. Wenn ich produziere, greife ich sie alle auf, ohne mich in einem Stil einzuschließen”, meint Chloé. “Ich wollte die Platte wie ein Album machen: Mit verschiedenen Schattierungen und Klängen, so dass man sie ohne Überdruss von Anfang bis Ende durchhören kann.” Machen wir, und nicht zu knapp.

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