Text: Sascha Kösch aus De:Bug 10

Ökonomische Eliten In Ästhetischen Talfahrten Chocolate Weasel: Warum T. Power jetzt zwei Menschen und einer sein können, oder wie Drum and Bass der großen Albumlüge verfiel. Sascha Kösch bleed@de-bug.de 3 LPs im Jahr produzieren, irgendwo auf dem Land leben, immer die Städte wechseln, vielleicht kann man ja Ninja Tunes dazu überreden, so einen Plan mit einem Netzwerk von Studios rund um den Globus zu ermöglichen. Alle Acts heutzutage würden sich wohl fühlen, mit einem Satelliten-Uplink von Borneo aus Interviews geben zu können. Und während ein gut gestylter HexªProjektavatar in großartig knalligen Sätzen die nächste posthumane Theorie zum besten gibt (an der fleißige Praktikanten-Telecommuter zu Hause (wo das ist, wollen wir lieber nicht fragen) für McDonald Lohn in der Menge von mindestens 20 Pfund gearbeitet haben, bis ihnen alles selber richtig deep vorkam), lungern Typen wie Chocolate Weasel auf glitzerndem Sandstrand in mondloser Nacht neben dem Highdefinition-Beam und frönen bei 26 Grad luftfeuchten Celsius Durchschnittstemperatur ihrem Traumjob: Videospieltester. Mit Sonnenbrillen auf. Bad Taste und Zynismus liegen nah beieinander. Und genau damit wollen T. Power und Chris (der mindestens genausoviel T. Power ist wie T. Power selber, weil ein Engineer heute auch offiziell mehr sein darf, als eine rechte Hand, der man medial den Kopf abhackt, damit der “Autor” glänzen, strahlen, “Pop” sein darf, irgendwie) ihre Identität aufs Spiel setzen. Ihren ganzen schönen Ruf als Drum and Bass-Besserverdienende, die die Avantgarde zu neuen Höhenflügen, die Szene zu neuen Ufern, und die Clubs zu neuen Ekstasen emporhebt, setzten sie aufs Spiel. Und das alles wegen einem eßbaren Kondom: Chocolate Weasel. Dabei kann man heute noch ihre selbsternannt lausigen Drum and Bass-Remixe zu jedermanns Überraschung im schnellsten Musikbusiness seit Countryrock spielen und alles, Verzeihung, rockt. Vermutlich gehen sie, in der kleinen Krisengesellschaft, die Musik heutzutage geworden ist, speziell wenn es darum geht, irgendwo einen Hipnessfaktor herauszudestillieren, der sich über mehr als eine überschaubar global dörfliche Handvoll von Personen verbreiten kann, völlig konform mit Source Direct. Ziehen aber ganz andere Schlüsse. Tätigen andere Investments, haben ihr Kapital komplett aus dem Drum and Bass-Fond gezogen und in HipHop seltsamster Art reinvestiert, wo Geschmacklosigkeiten noch weniger gefragt sind als bei Drum and Bass. Der Rest von 97 war so: Verhandlungen in chromgraulackierten Rauchglasbüros über die nächste T. Power-LP. Wenn dort eine Kopie von “Self Evident Truth”, der ersten T. Power -LP, stand, (immer) ging es nur noch darum, höflich den Weg nach draußen zu finden. Unter welchem Vorwand auch immer. Sich als Suchtgefährdeter der Spieleindustrie erkennen, der beruflich im berüchtigten gefährlichen Remix-Loop gefangen ist (so eine Art Groundhogday für Studiomusiker der Technogeneration). Und inhaltlich wird man auch immer mehr wie T. Power, den man irgendwann mal erfunden hatte, um etwas zum Vorzeigen zu haben. Also lieber doch alles umwerfen, und, um das noch undefinierte neue Konzept im Schatten der Aufmerksamkeit zu halten, erst mal über das reden, was war. Das natürlich (unten im Interviewteil) wie frisch geschiedene Eheleute in klaren Sätzen, wenn auch in von Anwälten einer imaginären Jugendkultur langerpobter diplomatisch und juristisch unanfechtbarer Weise. Drum and Bass in einer Art Literarischem Quartett sofalümmelnd an der Wurzel allen Grundlügenübels gefaßt: “Mit den ersten Alben wird alles erst richtig wahr.” De:Bug: Wer hat es denn damit wirklich in die Charts geschafft? T. Power: Sie verlieren alle Geld. Sie wollen, daß zumindest die zweite LP chartet. Wenn nicht, dann bekommst du Vocals auf der dritten. Du mußt alles machen. Bühnenshow, Sänger, Schlagzeuger! Unglaublich. Sogar Bassisten drehen sie dir an. Der ganze Kram den Roni Size gerade macht. Ich hoffe, er kommt damit durch, aber ich denke nicht, daß wir mit Drum and Bass von einer musikalischen Form reden, die in dieser Art und Weise auf die Bühne gebracht werden sollte. Coldcut machen es mit den Visuallinks besser. Sie versuchen es nicht, es hat sich so entwickelt. Roni geht aber nicht mit Musikern ins Studio und jammt ein paar Tracks zusammen, die werden vorher programmiert und hinterher nachgespielt. Chris: Ich denke, er wirkt mehr eingeschaltet als die meisten in der Szene. Er hat einen Plan und versucht, den durchzuziehen. Der Rest folgt doch immer nur dem nächsten Mann der Stunde. Das ist keine besonders neue Idee. T. Power: Ich persönlich denke nicht, daß “New Forms” eine aufregende LP war, aber es hatte zumindest Konsistenz. Es war gut gemacht. Ich fand es langweilig. Aber Roni ist da, wo er jetzt ist, weil er das, was er macht, gut macht. Chris: Was Drum and Bass betrifft, hat es das LP-Format einfach nicht gebracht. T. Power: Photeks Album war eine große Enttäuschung. Einfach alles zu gleich. Keine Überraschungen. Genau was jeder erwartet hatte. Ich mag die Art, wie er seine Tracks styled, er hat eine großartige Technik. Aber alles klang wie eine zu lange EP. Er muß doch mittlerweile Templates für jeden Groove haben. Dabei kann er mehr. Vielleicht auf seinem Label. Allerdings hat er in Interviews verlauten lassen, daß er jetzt “emotionslose Musik” machen will. Und das geht ja nun gar nicht. Es sei denn, er will Langeweile provozieren, und das ist keine gute Reaktion, wenn man möchte, daß die Gelangweilten die Platten kaufen sollen. De:Bug: Vielleicht eine neue Zen-Ideologie? T. Power: Langeweile ist doch kein Zen! Na vielleicht bei der nächsten. Wenn Virgin ihm eine Chance gibt. Chris: Ich denke, Virgin sind glücklich. Die haben genau das bekommen, was sie eingekauft haben. Photek-Tracks. T. Power: Aber er hat einen 5-Alben-Deal unterschrieben. Mit dem, was er macht, wird er nicht die Einheiten verkaufen, die er braucht, um den Vorschuß zu rechtfertigen, den er bekommen hat. Chris: Nun, vielleicht wird er uns alle noch vom Gegenteil überzeugen. De:Bug: Mit Pianos wie auf dem letzten Track. T. Power: Das sind die silbernen Zungen, die all ihren Kitsch auf uns ergießen. Ich muß sagen, ich mag diesen Cyberchromiumravesound. Aber Cutting Edge ist das nicht. Cutting Edge bewegt sich immer, und wenn es mal nach einer Position sucht, in der es sich ausruhen kann, dann werden sich einige Leute schnell in neue interessante Richtungen bewegen. Ich glaube, es wird eine ganze Menge langsamer als Drum and Bass werden. Wie es jetzt ist, da kann man nur entweder absolut albern klingen oder es rollen lassen. Der Temposhift kommt. Aber wissen kann es wie immer niemand, weil sonst wäre es ja nicht Cutting Edge. De:Bug: Und Goldie? T. Power: Goldie? Chris: Ha ha, Goldie, Mamma. (beide liegen fast unter dem Tisch) De:Bug: Wie reagiert die englische Presse auf die LP? T. Power: Sie waren alle sehr diplomatisch. Jede einzelne Review begann mit: “Eigentlich sollte man diese LP runtermachen, aber…”. Sie lassen dich alle wissen, was sie wirklich darüber denken, aber schreiben eher über die Gründe, warum man sie doch noch gut finden darf. Chris: Alle versuchen ganz verzweifelt etwas darin zu finden, was nicht da ist. Vermutlich sitzen sie alle angstvoll herum und befürchten, daß ihnen London Records das Werbebudget unterm Hintern wegzieht. T. Power: Vielleicht sind wir aber auch nicht die richtigen, um über Musik von anderen zu reden. Es gab immer schon mittelmäßige Musik, und das ist auch OK, solange man sie nicht selbst macht. Ich habe zur Zeit eine ziemlich niedrige Toleranzschwelle. Ich brauchte Ewigkeiten, um zu akzeptieren, daß Ronis LP gut gemacht ist. De:Bug: Langsamer als die Reviewer von Goldie. T. Power: Nein, nein. Das ist wirklich schlecht. Temper Temper ist kein guter Song. Das ist nicht stark. Durch Temper Temper könnte Punk jetzt noch einen schlechten Ruf bekommen. Highlighten: ”Durch Temper Temper könnte Punk jetzt noch einen schlechten Ruf bekommen.” ”Plattenfirmen sind nicht wirklich erfunden worden, um künstlerische Freiheit zu ermöglichen.” ”Warum können wir auf der Bühne nicht einfach N64 spielen?”

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Elektronische Lebensaspekte.