Text: venus dreiunszwanzig aus De:Bug 26

Kaum zu glauben, aber wahr: Alex von den Chicks On Speed hat es wirklich hinbekommen. Im Namen der alles sanktionierenden KUNST! findet im Foyer des historischen Rathauses der bayrischen Landeshauptstadt tatsächlich ein Konzert unter dem unübersehbaren Banner “SAVE THE PLANET. KILL YOURSELF” statt. Der Slogen schneidet wie ein Messer in mein Stammhirn. Puh. In Echtzeit: Eine Frau. Ein Computer-Monitor. Die verrückte Sekretärin. Mit Mouseclick und MIDI-Modulator in der ewigen Mittagspause. Der Soundtrack: Digitale Orgelmusik. Wanderprediger im 21.Jahrhundert spielen Techno. Im Zentrum: Chris Kordas eigentümliche Transmission. Am Anfang war das Wort, deshalb die Aufkleber. Ein ganzer Tisch voller schwarzer Rechtecke mit klaren weissen Buchstaben. Kleine Botschaften flankieren die Bühnenperformance. Was zum Nachdenken. Provakationen in Dada. Reaktionen auf konservative Normen. Oft herber Stuff. JA ZUM LEBEN? Chris Korda empfängt mich als junger Mann. Ungeschminkt. In Jeans und T-Shirt. Höflich bietet er mir etwas Ginseng zum Kauen an; schmeckt herb, bitter, intensiver als Lakritze. Die Ginseng-Wurzel aromatisiert das Gespräch auf magische Weise. ”Der Gig gestern abend hat mir sehr gut gefallen. In den Staaten wäre sowas einfach unmöglich gewesen. Wenn man in Boston gefragt hätte: ‘Wie wär’s, wir machen im Rathaus eine Kunstaustellung mit DJs und einem Liveact, hängen da Banner mit Botschaften wie SAVE THE PLANET KILL YOURSELF! auf, bauen noch eine Theke hin und feiern dann noch bis der Doktor kommt, hätte man mich ausgelacht und nichts wäre passiert. Und selbst wenn ich eine Genehmigung bekommen hätte, wären Bouncer und Wachleute nötig gewesen. Gestern abend waren die Leute so brav und nett! In den Staaten hat man immer Ärger mit irgendwelchen Gangs, die Trouble machen, und man muss höllisch aufpassen, das nichts geklaut wird.” Chris Korda ist entspannt. Kaum zuglauben, das der College-Boy, der mir jetzt mit Baseballkappe, T-Shirt und Jeans gegenübersitzt, dieselbe Person ist, die gestern abend von aller Welt für eine scharfe Lady gehalten wurde. “Ja, in Amerika muss ich um mein Leben fürchten, wenn ich als Dame bekleidet über die Strassen gehe. Hier sind die Leute wesentlich toleranter.” Der Softwareprogrammierer Begeben wir uns erstmal auf eine rein technische Ebene, bevor es intim wird. Bei Kordas Performance fiel die eigenartige Benutzeroberfläche deutlich ins Auge, die auf seinem Computermonitor die zahlreichen Fachleute im Publikum in Erstaunen versetzt hatte. ”Von Haus aus bin ich Software-Programmierer. Als ich zum erstenmal in München war, fiel mir die Steuersoftware für die Lichtanlage im Ultraschall auf. Sowas hatte ich noch nie gesehen! Aber ich wusste, dass ich ein vergleichbares Tool haben wollte, um meine Musik zu organisieren. Tja, ich brauchte etwa ein Jahr, um das Programm zu erstellen, und bin verdammt zufrieden. Es ist nun sehr einfach, echtes Live-Arranging zu betreiben. Tatsächlich unterscheiden sich alle meine Shows, denn sie sind immer verschieden arrangiert. Mit Cubase oder Logic ist das kaum möglich. Auf meinem System sind alle Spuren permanent angezeigt, und mit der Two-Click-Mouse kann ich mit dem rechten Button Events aussuchen und dann mit dem linken Knopf starten bzw. stoppen. Alles läuft synchron und sauber ab: Sektionenwechsel, einsteigen in die jeweiligen Editoren, Soli versetzen usw. Mein Programm heißt BONGO, ich habe es auf DOS geschrieben. Windows ist einfach zu instabil, selbst die NT-Version ist ein regelrechter Albtraum. Da ich Spezialist für DOS bin, bin ich auch bei BONGO einfach bei der klassischen Plattform geblieben. Die Software ist übrigens auf eine bestimmte MIDI-Karte abgestimmt, die besonders leistungsfähig ist.” Hört, hört! Da entpuppt sich Chris Korda als abgebrühter Programmierer, dem Mensch kaum ein X für ein U vormachen kann. Seinen relativ hohen Bekanntheitsgrad verdankt er aber nicht unbedingt seiner Musik oder seinen Informatik-Skillz, sondern vielmehr der Tatsache, das er mit der Church Of Euthanasia eine der vielleicht eigenartigsten Religionen unserer Zeit gegründet hat. Der Kirchenführer Ein deutsches Nachrichtenmagazin widmete ihm und seiner ‘Kirche’ schon 1996 eine vier-seitige Story. Immerhin. “Im Prinzip ist die Church Of Euthanasia eine ganz einfache Sache. Das Ziel und der Zweck ist es, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt wieder herzustellen. Deshalb ist der Zugang zu unserer Organisation auch denkbar einfach: Jeder, der gelobt, keine Kinder zu bekommen, kann theoretisch Mitglied werden. Das klingt zwar einfach, aber gerade diese Entscheidung fällt doch den meisten Menschen sehr schwer. Offenbar möchten viele Leute, obschon sie momentan nicht daran denken sich fortzupflanzen, nicht ausschliessen, dass sie es doch noch tun werden. Naja. Immerhin haben wir knapp 300 Mitglieder.” Was hat es denn mit den sogenannten vier Säulen der Church Of Euthanasia auf sich? Da war doch mal die Rede von ‘Suicide, Abortion, Cannibalism & Sodomie’? Das ist doch schon verdammt harter Tobak… ”Diese Prinzipien sind unseren Mitgliedern absolut freigestellt. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Hintergrund für diese vier Säulen liegt übrigens in der amerikanischen Geschichte. Um die Bevölkerung der Vereinigten Staaten schnell wachsen zu lassen, wurden all diese Gesetze von wegen widernatürlichem Sex usw. erlassen, die teilweise bis heute gelten. Die Church Of Euthanasia will darauf natürlich aufmerksam machen und die Leute zum Nachdenken anregen. Ausserdem möchten wir, dass die Leute Methoden erforschen, Sex zu haben ohne sich gleichzeitig fortzupflanzen. Das kann homosexueller Sex sein, Masturbation, was auch immer. Was Abtreibungen angeht, unterstützen wir das auf der ganzen Linie. In den Staaten wird die Abtreibungsdiskussion auf einem sehr harten Level geführt, teilweise werden die Ärzte, die diese gynäkologischen Eingriffe durchführen, zusammengeschlagen oder beschossen. Die Kontroverse ist bei uns wesentlich durchgedrehter, als hier bei euch! Die Church Of Euthanasia antwortet diesem Fanatismus auf christlicher Seite mit ihren verrückten Kampagnen. Deshalb machen wir auch diese Aufkleber, veranstalten Demonstrationen usw. Solange sich die Frauen und Männer, die Abtreibungen durchführen, verstecken müssen, können wir nicht gewinnen. Mit unseren Aufklebern reagieren wir praktisch nur auf die Aufkleber der Gegenseite, denn die Slogans ‘Ja zum Leben’ oder ‘Abtreibung? Nein Danke’ klebt sich jeder Pilgrim auf seinen Mittelklassewagen. Die Church Of Euthanasia kontert eben mit Provokationen. Warum nicht? Sex ist gut.”

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Elektronische Lebensaspekte.