Es gibt Menschen, die sitzen auf vier Stühlen gleichzeitig, während andere nur dazwischen sitzen. Als leidenschaftlicher Generalist verzahnt Chris Rehberger seine vielfältigen Aktivitäten zwischen Gestaltung und Musik: Mit seiner Agentur Double Standards entwickelt er Print-, Editorial-, Werbe-, Moving Image-, Objekt- und Raumkonzepte und gönnt sich als einer der Perlon-Labelmacher den Luxus des eignen Techno-Labels.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 84

Heute kämpfen wir anders
Chris Rehberger setzt Double Standards

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Deine Aktivitäten liegen zwischen Print-, Editorial, Raum- und Objektdesign, in Werbung und Videomixing.
Zudem warst du auch Teil der Band Pile und bist einer der drei Perlon-Labelmacher. Wie hat sich dieses Spektrum entwickelt und welche Motivation steckte dahinter?
Rehberger:
Ich habe mit klassischem Grafikdesign angefangen. 2D/Print war der Ausgangspunkt. Mein Hauptinteressensgebiet war immer Typographie. Dann habe ich mir überlegt: Wie wäre es denn, wenn man meine Vorstellungen von Typographie in einen Film überträgt. Ich habe angefangen über Film nachzudenken und wiederum den Film als Bild zu sehen. Also ein Denken von guter Komposition zur nächsten guten Komposition. Wie gestalte ich Übergänge? Also kein Blättern, wie in einem Buch, sondern ineinander greifende Übergänge. Das habe ich dann ausprobiert und so kam ich natürlich auch auf die Musik. Ich lernte über meine Frau Moni Markus Nikolai kennen: Ich sagte, ich habe hier ein Grafikprojekt; wie kann ich das jetzt in Musik umsetzen. Das war der Anfang. So kam ich vom Standbild über das Bewegt-Bild auf Musik. Markus hat seine Kritierien für Musik miteingebracht, dann hat er mir Thomas vorgestellt, den Bigod20 Sänger, und auf einmal waren wir eine Band. Man konnte gar nicht sagen, warum und weshalb oder wie das überhaupt kam, aber auf einmal waren wir die Band Pile. Wir hatten einen unsäglichen Platten-Vertrag mit Sony, kamen nach 3 Jahren endlich da raus und haben gesagt: Okay, so eine Scheiße machen wir nie wieder, jetzt gründen wir ein eigenes Label. Und damit ist Perlon passiert. Die Band ist also das Label.

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Steckt hinter deiner Arbeit eine bestimmte Gestaltungsphilosopie?
Rehberger:
Ich glaube, ich kann immer nur das machen, was ich auch machen will. Was uns am allermeisten interessiert, auch als Firma, ist die Abstraktion. Zu sehen, wie stehen Dinge im Verhältnis zur Außenwelt. Ich glaube, das ist die zentrale Philosopie. Ich kann Perlon immer sehr gut anführen, weil wir das gestalterisch am extremsten auf die Spitze treiben können. Das ist unser Ding ist, weil wir da außer uns selber niemandem genügen müssen. Ich kam von bewegter Typographie zu Typographie im Raum. Man sieht bei Perlon, dass sich das aus fast monochromen Dingen zu so einem bunten, aber doch leicht identifizierbaren Corporat Design entwickelt hat. Das Cover ist ja eigentlich immer nur das Logo in einem Anschnitt. Wie ist der Anschnitt in Verbindung mit Farbe, wie steht das in der Beziehung zur Umwelt. Wie sieht’s im Plattenladen aus? Wie sehr fällt das zwischen allen anderen Platten heraus. Also es geht nicht nur um das Auffallen, sondern es geht um das Verhältnis und Missverhältnis zwischen dem Logo, das man einfach kastriert. Das Leitsystem der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ist auch ein gutes Beispiel. Es hat im Prinzip eine Demokratisierung erfahren: Der Ausstellungstitel wird genauso groß kommuniziert wie ”WC Damen”, ”WC Herren”. Es gibt keine Unterscheidung mehr. Nur noch durch den Ort, an dem es angebracht ist. Da ist WC Herren/Damen, da geht‘s zur Ausstellung. Die Wichtigkeit ergibt sich nur durch das, was dem Besucher im Moment am dringendsten ist.

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Inwieweit ist es dir als Designer wichtig, sinnvolle Dinge zu gestalten?
Rehberger:
Das ist die treibende Kraft. Eher sinnvoll als schön. Das Schöne kommt immer hinterher.
Also wir bewegen uns oft – und ich glaube, das ist auch eine Qualität von uns, zuerst am Scheideweg zwischen Peinlichkeit und Offensichtlichkeit, um dem Ganzen dann im Endeffekt ein Gesicht von Gestaltung zu geben. Das ist natürlich ein gefährliches Spielchen: Wir benutzen die Zeichen so, wie sie eigentlich gedacht sind, versuchen sie aber auch in einen neuen Zusammenhang zu stellen.

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Gibt es bei euch so einen Punkt, an dem ihr sagt: Diese Idee und die wollen wir uns nicht kaputt machen lassen. Wir hören jetzt lieber auf, bevor wir weitermachen und das Ganze verwässert?
Rehberger:
Ja, ganz dringlich. Wir würden eher – haben wir auch schon gemacht – Aufträge ablehnen, wenn wir merken: Jetzt verwässert das Konzept, da hat jemand das Konzept nicht begriffen und wollte nur Style.

DEBUG:
Wie werden denn bei euch hier im Haus Ideen entwickelt?
Rehberger:
Im Prinzip werden Ideen einfach im Vorbeigehen entwickelt. Es gibt nicht so dieses angestrengte Hinsetzen und darüber Nachdenken, denn oft sind die Zeichen schon so da, dass man einfach draufspringen muss. Wir präsentieren auch oft nur eine Idee, weil wir finden, das ist die Idee und damit hat sich‘s.

DEBUG:
Wo findest du Inspiration?
Rehberger:
Wir orientieren uns so wenig wie möglich an anderem Grafikdesign. Meine Beziehung zum Grafikdesign ist eine schwierige, denn Grafikdesign per se finde ich eigentlich eher immer langweilig. Es ist immer schon eine Wegwerf-Ware gewesen, weil‘s im Prinzip oft “nur” die Verpackung war. Manche nehmen sie wichtig, manche nehmen sie nicht so wichtig. Inspiration ziehen wir eher aus Kunst und Literatur. Das ist das, was uns viel mehr begeistert und auch viel mehr Wertschöpfung genießt als Grafikdesign. Grafikdesign ist immer bloß die Reflektion davon und auch wir sind nur eine Reflektion, aber man versucht eben eine Stringenz und annähernd eine Klasse zu erreichen, dass man kein reines Wegwerf-Produkt wird.

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Gibt es ein Traumprojekt, das du unbedingt noch machen musst?
Rehberger:
Traumprojekt … Nein, eigentlich nicht. Die Projekte, die wir machen, sind immer ein kleiner Traum. Das Posterdesign für die Newton-Stiftung oder das Design für die große Dauerausstellung im Hygiene-Museum in Dresden sind lauter Sachen, die einfach unglaublich komplex und dadurch inspirierend sind. Sie verschaffen einfach einem immer wieder so ein High. Die Herausforderungen waren so vielfältig, dass eigentlich jedes Projekt so ein kleines Wunschprojekt oder Traumprojekt war. Also kann man gar nicht mehr sagen: ”Das würde ich gerne mal machen“, weil wir so viele schöne Sachen machen dürfen!

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Kannst du erklären, wie du zu dem Punkt gekommen bist, an dem du jetzt bist?
Rehberger:
Das Einzige, was ich erklären kann, ist die konsequente Grundhaltung: Aus der Kernidee ergibt sich das Design. Auf der Basis dieser Grundhaltung habe ich mich nie besonders arg in eine bestimmte Richtung verbogen. Als direkter Auftragnehmer sag ich jetzt eher: Leute, das geht so nicht, wir müssen jetzt eine Grundsatzdiskussion über das Design hier führen. Heute kämpfen wir da anders.

DEBUG:
Gibt es eine Leidenschaft, die du schon von Anfang an pflegst?
Rehberger:
Typografie, das sieht man ziemlich deutlich. Ich stehe auf eine strenge, klare Typografierung. Ganz banal. Und das Ausforschen der Grenze zwischen Peinlichkeit und Intelligentem Design. Wann wird‘s richtig banal, wo es nicht mehr zeigbar ist und wie weit kann man es intelligent reduzieren, einkochen und flach machen. Denn das ist ja im Prinzip unser Job.

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Elektronische Lebensaspekte.