Die neue Single "East End Boys" des Hamburgers besingt mit zarten Tönen die Verrohung der Jugend. Sie ist im Oktober auf Dial/Kompakt erschienen.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 137

Christian-Naujoks

Denkt man ja erst mal gar nicht. Dass der, der da so zartfühlend über die Verrohung der Jungs von nebenan singt – und das, während um diese Engelsstimme herum ein minimalstes Gerüst aus eiskaltem R’n’B eher nicht da ist, als dass es Halt gibt. Dass dieses verfeinerte, verhaltene, aber doch irgendwie auch fette Musizieren, all das im Grunde vom Bummsclub, vom Brummen, vom Berghain herrührt?

Bereits auf seinem beachtlichen Debüt-Album auf Dial aus dem letzten Jahr flocht der Hamburger Christian Naujoks minimalistische Kompositionen für Piano und Marimba mit repetetivem Xylophon-Geklöppel, kammermusikalischen 12-Ton-Tracks, Mini-House-Verschneidungen und Shoegazer-Anleihen.

Immer gelegen zwischen Steve Reich und Carl Orff. Immer zwischen atmosphärischem Insichgehen und lauthals Losprusten. Man wusste schon damals nicht genau. Naujoks klärt nun auf: “East End Boys ergab sich aus einem Konzert, dass ich im Berghain spielen sollte. Nachdem mir diese ausnahmslos netten Chefs dort eine Führung gegeben haben.

Nun, die fragilsten Stücke auf meiner Album sind, glaube ich, ‘Two Epilogues’. Das sind dokumentarische Aufnahmen und die gesampleten Streicher bzw. Pizzicato dienen als Ausgangsbasis für das neue Stück. Ich wollte für das Berghain gerne so etwas wie einen Site-Specific-Track machen. In der bildenden Kunst sind Site Specific Works Arbeiten, die sich auf den konkreten Ort ihrer jeweiligen Exposition beziehen und diesen (den Ort, die Site) als Kontext innerhalb der Bedeutungsebene berücksichten.

East End Boys

Von wegen “Site” sind die Gegebenheiten natürlich zunächst stark durch die dicke Anlage strukturiert. Ich wollte unbedingt große, industrielle kalte Beats für das Stück verwenden, die String, der Beat und das Echo ergeben diesen klanglichen Raum. In Bezug auf East End Boys interessieren mich da eigentlich verschiedene Rollenmodelle gleichzeitig. Auf der einen Seite gibt es ganz klar dieses Folk-Motiv à la Bob Dylan. ‘Traditionals’ from the ‘Public Domain’, die umbenannt und in einem anderen Gewand vorgeführt werden.

Auf der musikalischen Seite ist es allerdings so, dass ich mich viel eher selbst zitiere, durch die Melodiefragmente aus meinem Album. Von daher beziehe ich mich hier eher auf die Geschichte des Dub. Über die Strings verbinden sich so mehrere Ebenen: die Gitarre aus dem Folk, das Cello aus der Kammermusik. Das Echo Sample aus dem Dub.“ “Christian, stell dir vor, jemand beschreibt dich als Seidenschal-Feuilletonisten-Pubsi – Was entgegnest du?”
“Sach’ ma, haste eigentlich Haare in der Nase?” – “Wieso?” – “Weil, ich hab welche im Arsch, die könnten wir ja zusammenknoten!”

Der Naujoks, der knotet. Er knotet, dass einem die Ohren schlackern. Die ausgezeichnet eingesungenen, wunderbaren Lyrics, die sich ganz glänzend zur medial aufgepeitschen Debatte um gewaltbereite Unterschichts-Jugendliche zu verhalten scheinen, sie sind die gesungene Rezitation eines Gedichts des 1894 geborenen amerikanischen Volksdichters E.E. Cummings. Cummings hat eine Zeit lang auch eine Zeitschrift für modernistische Literatur herausgegeben, die hieß: The Dial. Da bleiben keine Fragen offen. Der Mix von East End Boys kommt von Labelchef Lawrence, das Instrumental steht für sich, und fürs Berghain.

Christian Naujoks , East End Boys, ist auf Dial/Kompakt erschienen.

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