Der puristische Melancholiker im Gespräch
Text: Nina Franz aus De:Bug 160

Für Christian Naujoks ist vor drei Jahren die Sparte Zwölfton-R’n’B in der Diskursabteilung eingeführt worden. War sein Debüt aus dem Jahr 2009 noch eine Art Manifest über die kapriziöse Verwandlungsfähigkeit eines genussvollen Poseurs, der beim Record-Release im Berghain die Worte “institutional critique” und “dancefloor” über einen dodekaphonischen Beat hauchte, erscheint er nun in den reduzierten Stücken auf “True Life / In Flames” im Gewand des puristischen Melancholikers.

Zwei Instrumente, Klavier und Marimba, bilden die reduzierte Palette, nichts daran ist elektronisch. Reine Klavierstücke wechseln sich mit schwelgerischen Klanggebirgen ab, wo sich Ton auf Ton, Akkorde und Tonlagen dicht aufeinander häufen. Aufgenommen im kleinen Saal der legendären Laeiszhallen in Hamburg und makellos produziert von Tobias Levin, bedient sich hier jemand lässig der Bezüge von Raum, Historie und reinem Klang und zieht dabei alle Register des schönen, einfachen Klavierakkords. Naujoks lebt seit einiger Zeit in Berlin, aber seine musikalische Heimat Hamburg ist ihm anzumerken, wenn er ganz ohne die selbstgewichtige Verbissenheit eines Nabel-der-Welt-Bewohners von seinen letzten Entdeckungen plaudert.

Debug: Auf deinem neuen Album ist instrumentale Musik für Klavier und Marimbaphon zu hören, auf zwei Stücken gibt es Gesang. Es ist ein sehr ruhiges Album geworden. Gehörst du jetzt zu der Riege der most-relaxing-Piano-Pop-Player?

Christian Naujoks: Ich bin beim Pianospielen gar nicht so relaxed, muss ich sagen, weil es für mich jedes Mal eine Herausforderung ist, mit dem Instrument umzugehen.

Debug: Wir kennen dich als jemanden, der mit allen möglichen instrumentalen und elektronischen Klangerzeugern experimentiert. Auf dieser Platte gibt es nur zwei Instrumente. Was für ein Konzept steckt dahinter?

Naujoks: Das ist für mich sozusagen die reduzierteste Konstellation, um meine Vorstellungen umzusetzen. Gleichzeitig sind es zwei Instrumente, mit denen musikalisch viel möglich ist. Ich mag das Marimbaphon, weil es sich sowohl für Rhythmen als auch für Harmonien sehr gut eignet. Man kann es in gewisser Hinsicht mit einer Beatmachine vergleichen. Wenn ich für dieses Instrument Musik schreibe, versuche ich dabei dementsprechend auch eher in harmonischen Blöcken zu denken, statt an narrative Melodieverläufe wie auf dem Piano.

Debug: Der Raum, in dem die Musik dann tatsächlich eingespielt wurde, scheint wichtig zu sein, er ist ja auch auf dem Cover deines Albums abgebildet. Klang definiert ja einen Raum und umgekehrt. Das unterscheidet so ein Vorgehen wie deins von einer rein elektronischen Art der Klangerzeugung. 

Naujoks: Ja, der Raum war für mich sehr wichtig, etwa so wie die Instrumente, er ist eben auch Teil des Materials. Wenn man in so einen tollen Raum geht wie den kleinen Saal der Laeiszhalle in Hamburg, dann schwingt natürlich auch ganz viel Geschichte mit. Der Saal ist nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten eingerichtet und renoviert worden und als Konzertsaal, später aber auch ziemlich lang als Radiostudio genutzt worden, da wurden zeitweise 60.000 Jazz-Schellackplatten gelagert. Es macht für mich einfach einen Unterschied, an welchem Ort der Welt man etwas sagt, denn jeder hat eine andere, spürbare Resonanz.

Debug: Töne und Geschichte?

Naujoks: Ja, wörtlich im Sinne von Akustik, dass Räume unterschiedlich klingen. Aber auch wie man sich in einem Raum fühlt, was da geschehen ist. Wenn ich mich auf das Resonieren mit einer bestimmten Örtlichkeit einlasse, dann ist das schon Teil der Musik.

Debug: Nach deinem letzten Album und eindeutig R‘n‘B-inspirierten Stücken wie “East End Boys” oder auch deinen oft ziemlich lustigen Live-Auftritten werden manche Hörerwartungen nun nicht erfüllt. Hast du dich vom Pop abgekehrt zu einer kammermusikalischen, “ernsten Musik” oder wirst du dich irgendwann wieder mit Beats beschäftigen?

Naujoks: Rhythmus spielt in meiner Musik ja nach wie vor eine große Rolle. Das zweite Stück, “On To The Next”, orientiert sich an der tollen Rhythmusfigur aus einem Stück von Jay-Z. Dieser Rhythmus ist sozusagen das Grundmotiv für eine Marimba-Ouvertüre geworden. Es entspricht diesem Instrument sehr gut, ein reduzierter Rhythmus, der gleichzeitig viele Klangharmonien durchläuft.

Debug: Es heißt in dem Track von Jay-Z: Niggas want my old shit, buy my old album. Niggas stuck with stupid, I gotta keep it moving. Niggas make the same shit, me I make the blueprint. Ist das programmatisch zu verstehen?

Naujoks: Ja, on to the next eben.

Debug: Also hast du eine extreme Fokussierung gesucht, indem du dich auf ein bestimmtes Element reduzierst, einen bestimmten Sound, den man ja schon im ersten Teil deines ersten Albums heraushörte? Auch die ersten vier Stücke deines letzten Albums arbeiten mit Marimba und Klavier – ist das schon so eine Art Blueprint für das, was nun kommt?

Naujoks: Ja genau, ich sehe es darum auch gar nicht als eine Abwendung von irgendwas. Ich habe einfach den mir naheliegendsten Aspekt herausgegriffen und daran weitergearbeitet. Alles andere, was ich auf diesem Album noch gemacht habe, kann später wieder kommen. Vielleicht mache ich auch noch mal ein Gitarrenalbum, eine Platte für Sologesang oder nur synthetische Klangcollagen.

Debug: Für den dritten Titel, “Moments”, hast du ein Gedicht von E. E. Cummins neu vertont, das schon von John Cage mit Robert Wyatt und Brian Eno verwendet wurde, dort allerdings für Solo-Gesang. Das Lied kehrt dann am Ende der Platte noch einmal wieder, aber in dunklerer Tonart, Eingang und Abgang – fast hat man das Gefühl, du würdest versuchen, über die Struktur des Albums eine Art Geschichte zu erzählen. Genau in der Mitte ist das Titel-gebende Stück “True Life / In Flames”, wo die Musik im Gegensatz zu dem sehr leichten, harmonischen Rest des Albums plötzlich fast auseinander bricht.

Naujoks: Ich wollte eine Platte machen, die konkret auf das Format des Albums eingeht. Die klassische Länge von circa 45 Minuten ist ganz maßgeblich, oder auch eine Stückaufteilung, Side-Splitting nennt man das, von 5:4. Ich habe versucht, diese blockhafte, aus verschiedenen Kontexten zitierende und dann wiederum synthetisch zusammengefügte Struktur in eine sehr organische Form einzupassen. Die Mitte des Albums ist so eine Art Schwellenpunkt, wo die Dinge an ihre Grenzen geraten, die beiden Instrumente sich stark aneinander reiben und eine Dissonanz entsteht.

Debug: Ich weiß, dass du dich sehr für den Künstler Paul Thek interessiert hast und ein Lied auf dieser Platte heißt “Diver”, wie die gleichnamige Retrospektive, die es letztes Jahr im Whitney Museum gegeben hat. Bei dieser Aufnahme denkt man fast automatisch an Wellen – Paul Thek war übrigens Rettungsschwimmer. Zudem bezieht sich Theks Bild “Diver” auf das antike Fresco eines Tauchers, das in Paestum, nicht weit von Theks damaligem Aufenthaltsort auf den pontinischen Inseln, gefunden wurde. Mich interessiert das, denn es scheint hier Verbindungen von im weitesten Sinne sinnlichen und kontextuellen Bezügen zu geben, ähnlich dem, was du vorhin über den Raum gesagt hast.

Naujoks: Das freut mich. Diese Art des Eintauchens in die Werke anderer, des sich vermengenden Umarmens dessen, was man bewundert und von dem man gerne Teil sein möchte, das finde ich unter anderem auch bei Paul Thek.

Fotos: Tom Plawecki

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4 Responses

  1. ronny

    mit verlaub :
    was für ein gewichse.

  2. Bobby

    David Hasselhoff war übrigens auch Rettungsschwimmer.