Shoegazer-Pop aus dem Geiste von Minimal-Elektronika, das ist das Projekt von Christopher Willits. Dafür hat er zwischenmenschliche Bedürfnisse aufgegeben.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 108

Elektronika

Der musische Mönch
Christopher Willits

Am Anfang war die Liebe. Eine Liebe, die Christopher Willits mit voller Wucht traf. Unvorbereitet, heftig und schnell. Wie ein Rausch. Alles, was bislang als sicher und ausgemacht galt, geriet ins Wanken. Am Ende dieser Liebe stand eine Entscheidung: Entweder eine dauerhafte Beziehung, Kinder und Familie, oder ein Leben, ganz der Musik gewidmet. “Eine andere Möglichkeit gab es nicht”, sagt Christopher Willits. “Unsere Ansprüche waren grundverschieden.” Ein Kompromiss kam nicht in Frage. Kompromisse sind immer faul. Zumindest, wenn es um die Liebe geht.

Christopher Willits entschied sich für seine Unabhängigkeit und die Musik. “Die Reise ins große Unbekannte”, ergänzt er. Seine neue Platte “Surf Boundaries” trägt die Spuren dieser bittersüßen Liebesgeschichte. Es ist ein Album wie ein Rausch, voller sehnsuchtsgetränkter Gesangs-Melodien, massiver, schwebender Gitarrenwände und fiebrig treibender Schlagzeugrhythmen. Trotz der Vorzeichen, unter denen “Surf Boundaries” entstand, ist es keine nostalgische oder traurige Platte geworden. Statt sich im Elend der verpassten Chance zu suhlen, richtet Christopher Willits seinen sehnsuchtsvollen Blick nach draußen, in Richtung Zukunft – dahin, wo das Leben spielt. Seine Energie sollte hundertprozentig in die Kunst fließen, sagt er. Und diese Energie sei “Devoted to the love for all”. Schmerzvoller Abschied und euphorisch erlebte Selbstbefreiung fallen auf “Surf Boundaries“ in eins zusammen.

Für Christopher Willits musikalische Entwicklung leitet das Album eine neue Ära ein. Bislang war er vor allem für sein delikates Gitarrenspiel bekannt, das er durch ein kompliziert verzweigtes System aus Computer-Effekten wandern ließ. Wie Christian Fennesz fusioniert Christopher Willits Gitarre und Laptop zu einer symbiotischen Einheit. Doch wo Fennesz im episch ausgewalzten Wall of Sound aufging, war Christopher Willits sein feinsinniger Gegenpart. Barock, sanft, minimal und fragil. Christopher Willits hat es gemieden, sich den breiten Shoegazer-Sehnsuchts-Soundscapes eines Christian Fennesz hinzugeben. Neben Taylor Deupree, mit dem er bereits auf mehreren Alben kollaboriert hat, gilt Christopher Willits als der wichtigste Vertreter der subtil minimalistischen Post-Clicks´n´Cuts-Elektronika rund um das stilbildende 12k Label. Aber wie gesagt: bislang.

Die massiven Wall-of-Sound-Gitarren, die treibenden Schlagzeugparts, die schmuckvollen Bläser-Arrangements und vor allem Christopher Willits Gesangs-Duett mit der samtig hauchenden House-Chanteuse Latrice Barnett erweitern sein musikalisches Spektrum grundlegend. Und nicht nur das: Shoegazer-Pop erfunden aus dem Geist der Minimal-Elektronika. Das hört sich nach einer spannenden Perspektive an, nicht nur im Fall von “Surf Boundaries”, sondern ganz allgemein.

Christopher Willits selber sieht in dem Album jedoch keinen grundlegenden Umbruch in seiner Musik: “Wie bei meinen vorherigen Platten habe ich Gitarrenparts improvisiert, Sounds zufällig entstehen und vergehen lassen. Meistens höre ich erst mal nur dem Prozess zu – wie sich die eingespielten Gitarrenteile zusammen mit dem Rechner entwickeln. Dann vertraue ich ganz meiner Intuition, ob etwas fertig ist oder ob ich Teile ergänzen oder weglassen sollte. Der einzige Unterschied bei Surf Boundaries war für mich, dass ich mich nicht mehr ausschließlich auf meine Gitarre beschränkt habe. Mein Verhältnis zu Sound wächst andauernd und sehr natürlich. Oft einfach durch die Menschen, die ich treffe.”

Im Einklang mit seinen musikalischen Visionen wuchs auch Christopher Willits Output in den letzten Monaten beträchtlich an. Ein Arbeitstier unterwegs im Namen der Musik: Die Kollaboration mit Taylor Deupree geht in den nächsten Monaten in eine neue Runde, ein gemeinsames Album mit dem Elektronika-Paten Ryuichi Sakamoto ist bereits im Kasten. Gerade wurde ihm ein Job als Sounddesigner beim Film angeboten und das musikalische Gerüst für sein neues Solo-Album steht ebenfalls. Etwas mehr funky als “Surf Boundaries” soll es werden. Stehen bleiben mit nostalgischem Blick zurück ist für Christopher Willits eben keine Option. Und die Musik ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger als Arbeit und Liebe. “A love devoted to all.”

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Elektronische Lebensaspekte.