Guter, sauberer Spaß
Text: Jan Joswig aus De:Bug 114


Chromeo sind der good clean Fun im Gegensatz zur dreckigen Langeweile von Justice.

Die exaltierte Maschine, das ist es, glänzend, exakt, jede Lötstelle präzise gesetzt, aber nur heiße Synkopen unter der Haube. Diese Maschine produziert eine Hitze, die weiß statt rot glüht, keinerlei Ruß oder sonstige Schmutzpartikel absondert. Heißes klares Wasser. Das Cover des “Electric Boogie“-Samplers von 1984 trifft genau den Geist des kanadischen Duos Chromeo (und mit Dazz Band, Cameo, Talk Talk, Midnight Star oder Deele die musikalischen Referenzen, auf die sie so gerne zurückgreifen). Einen Geist, der das Gegenteil zu Ed Banger und Co. markiert, das Gegenteil zur krachigen Dreckschleuder der Franzosen mit Ami-Basecaps.

Chromeo und die Ed-Banger-Blase haben den gleichen Stallgeruch – HipHop. Mit Ed Bangers DJ Mehdi haben Chromeo schon in der Sandkiste über Breaks und Rhymes gestritten. Uffie-Produzent Feadz ist ihr Tour-DJ. Aber von der Basis HipHop haben sich die Lager in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt. Dave 1 (die Bohnenstange im Anzug) und Pee Thug (der quadratische Bandana-Träger) haben sich immer mehr auf die Musik kapriziert, aus der der Macho-HipHop seine Sample-Quellen zieht, die selbst aber immer als Radiogeträllere für Mädchen vor dem Schminkspiegel runtergemacht wurde.

Aber mit der Häme ist Schluss. Das Justice-Album lässt keinen Zweifel: Jetzt hat die Stunde von Chromeo geschlagen. Während Ed Banger und die anderen Party-Hop-Kracher immer bierseeliger und eindimensionaler werden, loten Chromeo die ganze Ambivalenz eines slicken Electrodancepops mit ewiger 80s-Liebesaffaire aus: Sie wollen den Geist und Sound des Electro-Boogies mit Umhängekeyboard und Falsettrefrain auferstehen lassen, ohne zu kopieren. Sie wollen ausschließlich über Frauen singen, ohne Macho zu sein. Sie wollen sich aufstylen, ohne tuntig zu wirken.

Eigentlich ist es aber ganz einfach: Im Zielvisier haben sie so geil ambivalente Popmusik wie Robert Palmer, Rick James, Hall & Oates, wie den frühen R&B von First Edition, Boys II Men oder En Vogue, nur übersetzt in die 2000er. Zoot Woman sind ihnen dabei leuchtendes Beispiel. Chromeos Logo ist zwar eine mehr als offensichtliche Hommage an das Logo der 70er-P-Funkband “Cameo“, sie würden aber nie mit Cameo zusammenarbeiten wollen. Genauso wenig würden sie Klamotten aus den 80ern tragen. Dadurch würde das Konzept viel zu plattgebügelt. Ihre historischen Vorbilder kann man auf ihren beiden Mix-CDs nachhören. Auf ihrem eigenen Album wollen sie lieber die Jetzt-Situation einfangen, damit man sie später selbst als historische Vorbilder zitiert. Denn, so Pee Thug: “Cameo sind wahre Meister. Und wahre Meister erkennt man daran, dass sie nicht zurückblicken, sondern den nächsten Schritt machen.“ Chromeo machen den nächsten Schritt über Ed Banger hinaus.

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Elektronische Lebensaspekte.

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