Nach dem "Fightclub" kommt das "Kainsmal"
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 117

Seit Fight Club gilt er als der Hooligan der amerikanischen Literatur. Chuck Palahniuk schreibt so, wie sein eigenes Leben war: ziemlich grausam und bizarr. Sein soeben erschienenes neues Buch “Das Kainsmal” fügt sich da stimmungsmäßig perfekt ein.

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Wenn der Schriftsteller stirbt, dann ist das ein gutes Zeichen. Zumindest im Fall von Chuck Palahniuk. Vor kurzem suchte er in seinem Haus in Oregon, das der Legende nach früher einmal der Sekte der Siebententags-Adventisten gehört hatte, alle seine Aufzeichnungen, Fotos und Gesprächsprotokolle zusammen. Er stopfte sie in seinen Kamin und zündete den Haufen an.

So wie jedes Mal, wenn er ein Buch fertig geschrieben hat. Danach schnitt er sich sein braunes, gelocktes Kopfhaar mit dem Nassrasierer ab, und beendete das Ritual. Chuck Palahniuk (man spricht ihn übrigens Paul-Ah-Nick) war mal wieder tot und neu geboren. Die beiden, die sich da im Spiegel anschauten, kannten sich nicht. Auf der einen Seite ein 45-Jähriger amerikanischer Schriftsteller, der acht Romane veröffentlicht hat und gelegentlich von seinen Lesern mit dem Messias verwechselt wird. Auf der anderen ein kahlrasiertes Baby, ein weißes Blatt. Ohne Text, Zeichen und Geschichte auf dem Papier.

Eine glänzende weiße Knospe

Der Neugeborene hat die Beine auf dem Sessel seines Hotelzimmers in den Schneidersitz gebracht. Sein Rücken ist hart wie ein Brett, auf seinem orangenen Hare-Krishna Rollkragenpullover sitzt eine glänzende weiße Knospe. Zwei kühle grüne Augen ruhen darin. “Zwei Jahre lang habe ich für ‘Das Kainsmail’ mit Menschen gesprochen, die Autounfälle hatten und mir ihre Geschichten notiert“, sagt Palanhiuk. Seine Stimme klingt so weich und spannungslos, als sei er gerade aus einer tiefen Meditation erwacht.

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Palahniuk recherchiert akribisch. Das hat er sich in seiner Zeit als Journalist angewöhnt. Er ruft bei Sexhotlines an, besucht Selbsthilfegruppen und kämpft sich durch medizinische Fachbücher. Wenn es ihn weiterbringt, läuft er sogar als Dalmatiner verkleidet durch die Großstadt. Die Romanwelt, die sich aus diesen vielen Einzelinformationen speist, ist grausam und bizarr. Palahniuk hat ein seltsames Faible für Massenmorde, Sekten, Spukhäuser und Epidemien.

Seit dem Prügelroman “Fight Club“ (und der Verfilmung von David Fincher) gilt Chuck Palahniuk als der Hooligan der amerikanischen Literatur. Bei seinen Lesungen wirft er angeblich mit Plastikeingeweiden und künstlichem Erbrochenem um sich. Der Verlag prahlt damit, dass bislang 108 Menschen (Zählerstand Spätherbst 2007) beim Hören seiner Kurzgeschichte “guts“ das Bewusstsein verloren haben. Seine Fans verehren ihn wie einen Erlöser. Sie schicken Palahniuk Fotos von ihren grün- und blau geschlagenen Gesichtern.

Schreiben als Therapie

Das Leben war nicht besonders gut zu ihm. Palahniuk wuchs in einem Wohnmobil auf, arbeitete in einer Autowerkstatt und als schlecht bezahlter Provinzjournalist. Der Großvater erschoss die Großmutter. Der Vater wurde 1999 vom Vergewaltiger seiner Frau ermordet und verbrannt. Palahniuk sagt, das Schreiben sei eine Form von Therapie für ihn. “Jedes Buch handelt von einem schrecklichen Teil meines Lebens. Alles ist ein Selbstportrait.“

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Der neue Roman ist dem toten Vater gewidmet. Auf der ersten Seite schreibt Palahniuk an ihn: “Schau nach oben. Bitte.“ Im Hotelzimmer erzählt er, dass sein Vater ihm als Kind verboten hat, zu den Spitzen der Hochhäuser zu starren, wenn die Familie in der Stadt war. Er fürchtete, die Leute könnten sie für Hinterwäldler halten.

“Das Kainsmal“ spielt in einer verzerrten Version des Milieus, zu dem sein Vater sich nie bekannte. Die jugendliche Hauptfigur Rant Casey ist ein sexuell hyperaktiver Hinterwäldler. Er handelt mit Milchzähnen, verbreitet eine Seuche, inszeniert Autounfälle und stürzt die mit Kondomen und blutigen Binden verzierte Kleinstadt Middleton ins Verderben. Wie die Hauptperson in “Fight Club“ impft auch Rant Casey sich mit Schmerzen gegen den Frust und die Langweile seines Lebens. Er lässt sich absichtlich von schwarzen Witwen und Klapperschlangen beißen. Dann wartet er auf das Gift.

Geschichte mit 56 Erzählern

“Wenn ich schreibe, will ich mich fühlen wie auf einer Party“, sagt Palahniuk. In seinem Arbeitszimmer hört er englischen und italienischen Billigtechno. Am liebsten sitzt er aber mit seinem Laptop unter Menschen. Dann, so sagt er, könne er ihnen heimlich ihrer Gesten und Gesichtsausdrücke stehlen.

Palahniuk hat sich das Schreiben nicht selbst beigebracht, sondern es in einem Kreativseminar gelernt. Auch heute noch diskutiert er seine Texte jeden Montag in einer Literaturgruppe. Als er hört, dass Seminarliteratur bei vielen deutschen Schriftstellern keinen besonders guten Ruf hat, lacht Palahniuk ungläubig. “Diese Leute haben Angst“, sagt er. “Schriftsteller sind wie Zauberer. Sie denken, dass die Leser nicht mehr unterhalten werden, sobald man ihnen erzählt wie es geht. Ich glaube, dass man seine Tricks offen legen muss, damit man gezwungen ist, neue zu lernen.“

“Das Kainsmal“ ist eine Geschichte, die von 56 Personen erzählt wird. Vielleicht ist es das, was Palahniuk mit “Tricks“ meint. Freunde, Feinde, Polizisten und Verwandte berichten häppchenweise über Rant Casey. Die ungewöhnliche Form, sagt Palanhiuk, entstand aus dem Inhalt heraus. Früher kopierte er manchmal medizinische Lehrbücher und Modezeitschriften. Jetzt Dokumentarfilme und Oral History. Der Trick mit den Erzählern hat aber auch eine Funktion. Die vielen kurzen Stimmen machen den Roman besonders schnell und hart. Palahniuk wird nicht müde zu betonen, dass er mit seinen Büchern gegen die Konkurrenz von Computerspielen und Filmen antreten will. “Heute lesen so viel mehr Leute als im 19. Jahrhundert und sie haben weniger Zeit. Man muss die Geschichten in kleine und konzentrierte Dosen packen. So dass die Leser an jeder Stelle unterbrechen können, wenn sie wollen.“

Die Action wird zum Nichts

Palahniuk erzählt einfach und linear. Man könnte auch sagen: etwas trocken und schmucklos. Manche werden die fast manische Angst des Autors vor der Langweile als selbsterfüllende Prophezeiung empfinden. Die blutigen Tampons, die Milchzähne, das Gift, der Sex und die Autounfälle. Irgendwann hebt sich das alles auf. Die Action wird zum Nichts, das Buch versumpft im Nirwana zwischen Tot und Leben. Manchmal möchte man ihm normalere Themen schenken. Eine Liebesgeschichte. Ein Abenteuer. Irgendein Ding, das sich Zeit nimmt für Gedanken. Lächelnd erzählt Palahniuk, das nächste Buch sei bereits fertig. Natürlich hat der Autor in seinem Sektenhaus bereits alle Unterlagen vernichtet und sich eine Glatze geschnitten. Worum es geht? Inzest, Suizid, Gang-Bang-Weltrekord.
http://www.chuckpalahniuk.net

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Elektronische Lebensaspekte.