Das Londoner Label deFocus unter der Regie von Clear’s Clair hat etwas Einzigartiges: einen Trackbot mit menschlichem Interface namens Simon Walley – kurz CiM. Der 27jährige Londoner Musiker/Informatiker berichtet über seine Algorithmen, Subroutinen und Programmerweiterungen.
Text: ralf köster, gerd ribbeck aus De:Bug 45

elektronika

Computer Integrated Manufacturing

CiM

Neben zahlreichen Maxis lenkte deFocus vor allem mit den Alben von Lackluster und CiM alle Aufmerksamkeit auf sich. Einfach so. Während Lackluster uns mit warmen Melodien überschüttete, zwirbelte CiM aka Simon Walley Detroit quasi von hinten auf und war fortan der Cityguide einer merkwürdig zischelnden Welt, in der man tief tauchen muss auf dem Weg zum Glück. Solche Platten bleiben länger im Schrank. Das weiß auch Simon Walley. Was vor ein paar Jahren mit straighten Technotracks auf dem englischen Label Headspace begann (Studenten aus Norwich brauchen das als Vorlesungsausgleich), brannte sich mit der ‘Service Pack E.P.’ auf dem holländischen Label Delsin erstmals auf alle Einkaufszettel. Mit seinem Album auf deFocus und zahlreichen Projekten in der Pipeline ist CiM längst eine feste Größe der internationalen Elektronika Szene.

DEBUG: Du hast dich mittlerweile meilenweit von deinen 4/4 Produktionen entfernt. Machst du noch ‘Dancetracks’?

CiM: Ja, das macht mir großen Spaß, weil du sie anders angehst. Normalerweise setzt du dich hin, spielst herum und schaust, was passiert. Der Approach ist ein anderer, und das ist spannend.

DEBUG: Werden diese Tracks auch weiterhin erscheinen oder ist das ein No-Go?

CiM: Doch, das will ich schon. Eventuell unter einem anderen Namen, mal schauen. Früher wollte ich alles unter einem Namen veröffentlichen, aber ich glaube, die Leute mögen das nicht. Wenn sie eine Platte von dir kaufen, soll sie so klingen, wie sie dich kennen, und nicht anders. Wenn man mein elektronisches Zeug mag, sind die Techno-Tracks eigentlich nicht so weit entfernt, aber viele Leute heutzutage möchten einfach keinen 4/4 Beat. Das ist schade, denn den gleichen Track nur mit abgefuckten Beats würden sie mögen, aber 4/4 akzeptieren sie nicht so schnell.

DEBUG: Ist denn deine abstrakte Musik nur für zuhause, oder kann man das auch im Club hören?

CiM: Auf jeden Fall ist das auch Clubmusik. Es ist großartig, alles über eine große PA zu hören, da kommen die ganzen Details erst richtig zur Geltung. Vieles ist auch richtig tanzbar, obwohl du dir es vorher eigentlich nicht vorstellen konntest, dich dazu zu bewegen. Mit Techno ist das anders, weil die Crowd dafür bezahlt, abtanzen zu können.

DEBUG: Mit deinen Fill-Ins auf dem neuen deFocus-Sampler „did you see” zollst du Detroit ja auch Respekt, der Stadt, die uns wahnsinnig gute DJs beschert hat. Gibt es einen Unterschied zwischen dem Produzieren und dem Auflegen von Musik?

CiM: Ich mochte schon immer Techno und gute DJs wie Shake oder Rolando. Ich mag gute Musik und das gut gemischt. Meine Freunde wollten immer erst DJs sein, und nun schreiben sie Musik. Ich habe immer erst Musik gemacht und kam dann zum DJing, einfach, weil ich gerne gute Musik spiele.

DEBUG: Und Live-Gigs?

CiM: Früher ja, nun nicht mehr. Genaugenommen müsste ich dafür mein ganzes Studio auf die Bühne schleppen. Außerdem speichere ich meine Stücke nicht ab. Sobald sie fertig sind, nehme ich sie auf DAT auf. Deshalb kann ich eigentlich kein echtes Live-Set machen. Ich hab’s früher gemacht, aber da musste ich extra Stücke schreiben und dazu improvisieren. Heute ist es viel einfacher, du kaufst dir ein Laptop und kannst direkt auf die Festplatte aufnehmen und dann neue Versionen von dem Track machen. Das ist ganz interessant. Ich möchte das auch mal machen, muss mir bloß noch ein Laptop zulegen. Obwohl es eigentlich ziemlich langweilig für die Zuschauer ist und auch ziemlich langweilig für den Künstler, weil du ja nur die Play-Taste drücken musst.

DEBUG: Ab in deine Biographie. Warum machst du überhaupt Musik?

CiM: Mir hat es schon immer Spaß gemacht, Musik zu schreiben. Früher habe ich mitten auf dem Land gelebt, da war wirklich nichts los. Also kam ich nach Hause und habe Stücke geschrieben. Ich hatte einen alten Amiga-Computer und eine Menge Spiele. Ich stellte fest, dass die Musik echt gut war. Dann hat mir ein Freund Tracker-Software besorgt, und ich habe damit herumgespielt. Ich war sofort darin gefangen, fast schon süchtig, und fing an, Tracks damit zu schreiben.

DEBUG: Tracks, die ihren Ursprung in Computerspielen hatten?

CiM: Nein, das war es nicht. Musik von solcher Qualität in einem Computerspiel zu hören, hat mich nachdenklich gemacht. Ich dachte, okay, ich kann Musik auf einem Computer machen und muss nicht Synthesizer im Wert von mehreren tausend Pfund kaufen.

DEBUG: Nicht nur Musik machen ist einfacher geworden, auch die Labels schießen wie Pilze aus dem Boden. Vor 5 oder 6 Jahren gab es ja eigentlich nur Warp und Rephlex für diese Art von Musik…

CiM: Labels sind heutzutage viel spezialisierter. Eigentlich können nur Labels vom Kaliber Warp wirklich das machen, was sie wollen. Alle anderen veröffentlichen entsprechend nur die Musik ihres jeweiligen Genres, was gut, aber auch schlecht sein kann. Für mich ist dieses große Angebot an Labels natürlich gut, schließlich habe ich eine Menge Platten da draußen. Unübersichtlich ist es aber schon. Das ist wie bei MP3.com, du findest dort einfach keine gute Musik. Sie ist zwar da, aber wie willst du sie finden? Das ist echt frustrierend. Man braucht eine Art Vermittlung, und das ist, glaube ich, was ein Label zukünftig sein wird. Nimm MP3.com, schmeiß den ganzen Scheiß weg und behalte das gute Zeugs. Das sind die Labels der Zukunft, wenn man keine Platten oder CDs mehr braucht.

DEBUG: Oder sind schon alle Tracks geschrieben?

CiM: Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal Bochum Welt hörte. Da habe ich bereits Musik gemacht. Das hat mich damals umgehauen, weil es genau meine Musik war. Da habe ich echt gedacht, dass es überhaupt keinen Sinn mehr hat, noch weiter zu machen, schließlich hat schon jemand genau das gemacht, was ich immer erreichen wollte.

DEBUG: Also stimmt das?

Es ist ein interessantes Thema. Es gibt Nachmacher, die keine Grenzen kennen, die einfach nur auf das reagieren, was sie von anderen hören, und sich sagen, okay, das kann ich ebenfalls, und es dann auch veröffentlichen. Meiner Meinung nach ist es absolut wichtig, seinen eigenen Stil zu haben. Ich mag eben diese klickigen Drum Machines Sounds, Akkorde und Melodien. Und ich hoffe, dass es den Leuten gefällt, wie ich meine Sounds mache. Das ist wichtig. Wenn du keinen eigenen Stil hast, macht es keinen Sinn, Musiker zu sein, und es wäre auch nicht richtig. Aber es ist schwierig, das herauszufinden.

DEBUG: Welche Zukunft erwartet dich denn?

CiM: MP3 ist die Zukunft, aber ich sehe keinen Spielraum, um damit Geld zu verdienen. Die Leute haben im Internet alles umsonst, Software, Information, alles gratis. Selbst wenn sie ein Abo-Modell wie Napster und BMG installieren, besteht ja keine echte Notwendigkeit, Musik zu kaufen, wenn ich sie auf einem anderen Server umsonst bekomme. Früher habe ich mir zum Beispiel Zeitschriften für Videospiele gekauft, nun nicht mehr, weil ich schließlich alle Informationen umsonst im Internet bekomme. Ich muss nichts abonnieren und muss auch keine Musik kaufen, weil es all das auch gratis gibt.

DEBUG: No future? Der Markt setzt sich doch fast immer durch, weil dort das Geld steckt, und vielleicht wird er auch hier das Spiel machen?

CiM: Ich hoffe wirklich, dass das ganze MP3-Ding funktioniert und dass die Leute auch etwas kaufen, aber ich bin sehr zynisch, was das angeht. Ich glaube nicht daran, da draußen gibt es mittlerweile eine ganze Open-Source-Kultur, und ich sehe nicht, warum künftig bezahlt werden sollte. Ich bin jetzt wirklich zynisch, denn eigentlich denke ich ja auch, dass es eine großartige Kultur ist. Ich unterstütze natürlich das ganze MP3-Label-Ding. Schließlich haben wir Lackluster gesigned und zwei weitere neue Künstler, die im Sommer rauskommen, und sie alle kommen von MP3-Labels.

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Elektronische Lebensaspekte.