Mit "Everyday" setzen Cinematic Orchestra ihre Reise in die breitwandige Soundtrackwelt fort. Jason Swinscoe heißt der Mann, der die stundenlangen Studiosessions des Orchesters nachts daheim am Rechner zur philharmonisch jazzigen Tapete zusammenschraubt. Der englische Sommerkonsens hat seinen ersten Namen.
Text: stephen lumenta aus De:Bug 60

Voll und opulent

Musik auf Breitbildformat, auf kleinen schwarzen Zelluloid-Schnipseln, die in unserm inneren Ohr (war das nicht eigentlich vor dem Auge?) ablaufen. Einzelne Versatz-Stücke fliegen in Sekundenschnelle an der Beleuchtungsstelle vorbei, bis die kritische Frequenz erreicht und aus dem wilden Flimmern ein klar wahrnehmbares Ganzes wird. Es geht um die Harmonie der einzelnen Teile, deren Einheit, um den Moment, an dem anscheinend alles passt und Zerstreuung sich zu einer Ordnung formiert. Diesen Ort, diese entscheidende Atmosphäre wollen das Cinematic Orchestra um Kopf Jason Swinscoe treffen. Beim Versuch alleine bleibt es nicht – das weiß man schon seit ihrem Debüt “Motion” – mit “Everyday” beweisen sie endgültig und unmissverständlich, wo die Seele der Musik zu suchen ist. Nicht in ausschweifenden Details, sondern in ihrer klaren Ganzheit.

Womit man wohl auch die Essenz eines guten Filmes hätte. Nicht alleine der Hauptdarsteller macht einen Film sehenswert, erst wenn auch die Handlung, die Einstellungen, der Schnitt und die Musik einen gut abgestimmten Tanz zelebrieren, kann man von einem gelungenen Gesamtwerk sprechen. Für Jason Swinscoe, der die Vorzüge der modernen Telekommunikation genießt und mit einem Mobiltelefon in Köln steht, ist ein Beispiel für einen solchen Film “O brother where are thou”. Nicht, dass er jetzt ein großer Bluegrass- oder Folk-Freund wäre, die einzelnen Ingredienzen passen hier einfach perfekt in die Szenerie und darum funktioniert es auch. “Und genau das ist es, was das cinematic bei unserer Musik bedeutet. Es geht nicht nur um Emotionen oder Instrumentierungen, sondern um das Zusammenspiel.” Er will sich nicht nur auf dieses Gefühlsding festnageln lassen, womit seine Musik zumeist beschrieben wird. Obwohl es doch das ist, was einem als erstes auffällt. Als Beispiel wäre da das Intro “All That You Give”, das zusammen mit der Soulsängerin Fontella Bass, die ihren ersten Top Ten Hit 1965 hatte, aufgenommen wurde. Die Intensität, mit der sie singt, hört man auf heutigen Produktionen einfach nicht mehr. “Ich denke auch, dass ihre Stimme etwas Einzigartiges hat. Das Ergebnis ist alleine deswegen erstaunlich, weil sie zuerst keine Idee hatte, wie sie zu dem Lied singen soll. Doch dann kam auf einmal der magische Moment, an dem sie genau wusste, wie es funktionieren muss. Sie sang dann alles in einem Take ein und brach, noch während das Tape zurückgespult wurde, in Tränen aus, denn sie nahm das Lied sehr persönlich. Es erinnerte sie an ihren verstorbenen Mann Lester Bowie.”

Wegfahren

Klangfülle, opulente Arrangements, die aber nicht überladen sind – schwer vorstellbar, wie das eine 6-köpfige Band erreichen soll. “Die meisten Lieder schreibe ich mit meinem Freund Phil France zusammen, der in der Band Bass spielt. Im Studio zeigt er dann den anderen Band-Mitgliedern, was wir uns bei den Melodien, Rhythmen und dem Timing vorgestellt haben. Von da an wird einfach alles aufgenommen, was die anderen spielen. Mit dem ganzen Soundmaterial gehe ich dann zurück in mein Heimstudio und montiere alles zu Liedern zusammen. Aus dem Material, das in den Sessions entstanden ist, könnte man noch mehrere Alben füllen.” Inspiration kommt natürlich ohrenscheinlich (waren das jetzt nicht wieder die Augen?) aus Soul, Jazz und Filmmusik, aber die Idee entspringt viel mehr aus der Distanz. “Am besten ist es, einfach mal alles liegen zu lassen.” Kein Werbespruch für Pausen-Schnitten mit Milch-Honig-Füllung, sondern ein Aufruf, sich nicht mit zu vielen Klangeindrücken verunreinen zu lassen. Die alte buddhistische Lehre, das jemandem etwas am ehesten zukommt, wenn man nicht damit rechnet, findet hier wohl wieder Gebrauch. Einfach abschalten, in den Urlaub fahren und dafür die Zeit später effektiv nutzen. Und sich nicht mit zeitgenössischer Musik herumschlagen. “Actually, I hate music!” Eigentlich ein kleiner Witz am Rande, den Herr Swinscoe nicht überbewertet sehen möchte. “Versteh das jetzt nicht falsch, aber ich habe diesen Kampf mit der Tanzmusik. Ich veröffentliche auf einem eher Dance-orientierten Label (Ninja Tune) und finde einfach, dass Dancemusic zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, obwohl dort so viele uninspirierte, uninteressante Sachen herauskommen. Eigentlich ist dieses Club-Ding nämlich eine sehr positive und atmosphärische Sache, die mit der Massenware zunehmend zerstört wird.”

Er ist kein Prediger, sondern einfach jemand, der die Musik in Wirklichkeit liebt und an seinen Visionen festhält. Die Zelluloid-Rolle wird auf jeden Fall immer weiter drehen. Und wenn der Film einmal auslaufen sollte, hat man hoffentlich den nächsten parat – mit Sicherheit hat man ihn.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 28

Reptilien, Referenzen, Raptoren Cinematic Orchestra vs. Hollywood Als elektronische Musik aus den Kinderschuhen des Elephantenpathos und Drogensüchtigendogma hinaus war, kam in jedem zweiten Interview die Frage nach dem Soundtrack. “Wann machst du deinen ersten Soundtrack?”, lautete meist die naive, aber ernstgemeinte Frage. Und der brave Elektroniker sagte: “Ja, jetzt bald”, so als wäre Hollywood nicht eine Industrie mit dreistelligen Börsenkursen und noch mittiger als die neue Mitte es jemals sein kann. Die Nähe von elektronischer Musik und Kino war eine der lustigen Allmachtsphantasien, an die man heute zurecht noch glauben kann – mehr aber auch nicht. Kulturkitsch halt. Im Grunde entstanden aus einer etwas weltfremden Verwechslung von Kino wie es vor Jahrzehnten mal war und in Easy Listening-Kreisen und darüber hinaus immer noch als Kultsoundtrack und Experimentierfeld von merkwürdigen Komponisten der dritten Art gefeiert wird, und dem Wissen um die “gute” Musik, die scheinbar seit damals bis heute in Filmen stattfinden soll. Tut sie natürlich nicht. Soundtracks sind so in ungefähr das Schlimmste was der Musikmarkt zu bieten hat. Dann lieber R’n’B. Mit ständig steigenden Absatzmärkten verbindet sich im Soundtrack heutzutage normalerweise die dämlichste Variante von Compilation, die wie selbstverständlich nix mit dem Film zu tun hat, ausser dass vielleicht ein oder zwei Tracks eher mal so, als liefe irgendwo im Film ein vergessenes Radio, dazudaddeln. Oder es läuft “Klassik”, gespielt von Leuten, die den Film noch nie gesehen haben können; geschrieben von Leuten mit einem Wagner- oder Hochkulturkomplex. Dass irgendwie das eine mit dem anderen zusammengehören und Musik die Intensität eines Films zu überraschenden Teilen mitbestimmen könnte, scheint, obwohl es selbstverständlich ist, und jeder ja dazu sagen würde, irgendwie vergessen worden zu sein. Der Einzige, der dieses Wissen noch hat, ist wohl Ennio Morricone. Defekte Effekte Das Einzige, was noch zählt, sind Soundeffekte. Das kann Kino, meist sehr laut, und vermutlich wird aus dem grossen Elektronikmusikanten eines Tages mal ein ewiger Praktikant im Keller irgendeines Filmstudios. Dort wird er Datenmengen hin und her schieben und einen Monat an einem dreidimensionalen Autotürknallen arbeiten – aber Musik schreiben für einen ganzen Film – niemals! Das machen die Grossen! Also macht man es am besten so wie Jason Swinscoe und sein Cinematic Orchestra Projekt: In einer Verbindung aus Jazz, Elektronik, Improvisation und Programm, deren Bilder sich über bekannte konventionelle Sounds so direkt mit Kino verbinden, dass man mehr Aufmerksamkeit in die Plot-Strukturen legen kann. Und deshalb schreibt man seine Filmmusik schon mal für Filme, die es schon gab. Von Fine-Arts-College und Thrashband kam Jason Swinscoe nach einer seltsamen Logik vor vier Jahren zu Ninja Tunes und begann kurze Zeit später mit seinem Cinematic Orchestra Projekt. Dann begann er, wie man durch die gesamte LP “Motion” mehr als deutlich hören kann, sich sehr intensiv mit Samplen zu beschäftigen. Bands konnte er damals nicht mehr sehen, denn es ging ihm nur noch darum, Musik selber zu machen und Ideen festzuhalten. Nach ein paar Jahren kam er dann wieder dazu, Leute einzuladen. Aber es brauchte auf jeden Fall diese Pause der Konzeption, um herauszufinden, wohin er nun eigentlich überhaupt wollte. Der lahme Score Jason: Die Tracks für Cinematic Orchestra entstehen normalerweise so, dass ich Loops mache, Grundkonzepte, und dann verschiedene Basisstrukturen an die einzelnen Musiker schicke, die ich gerne für den Track dabei hätte. Irgendwann kommen sie dann ins Studio, improvisieren zu den Tracks, jeder in seinem eigenen Raum und ich schneide alles auf ein Harddisksystem. Dann nehme ich das Material als Grundlage für die Stücke, die entstehen. Das ist natürlich ein ziemlich aufwendiger Prozess, hat etwas Langsames und Schweres. Es kann schon mal drei Monate dauern, bis so ein Stück dann fertig ist, was im Kontext elektronischer Musik, wie mir neulich Mark B von Jazz Fudge zurecht erzählte, kompletter Wahnsinn ist. Aber was soll ich machen. Es geht mir nun mal um langwierige Prozesse und darum, etwas zu lernen. Das ist es, was mir Spass macht. Und da ich aus einem Kunstumfeld komme, bin ich es eh gewohnt, in längeren Projekten zu arbeiten. Man muss Ideen entwickeln können. De:Bug: Die Langsamkeit transportiert sich dann sowohl in die Musik als auch in die Filme? Jason: Ja, das sind alles langwierige Prozesse, die die Musik auch etwas deeper machen können. Es ist wirklich nicht spontan, obwohl die Sessions, die dazu führten, sehr spontan sind. Es hat wohl viel mit meinem Charakter zu tun. Wenn es um Musik geht, dann werde ich schnell etwas ernst. Ich möchte, dass die Musik, die ich mache, etwas länger hält. Multilayered. Ich hoffe, man hört das. Ich versuche, die Dinge nicht auf einen Haufen zu werfen, sondern viel mit Auslassungen zu arbeiten. Filmsoundtracks der 50er bis 70er Jahre waren da für mich sehr wichtig. Da hat man noch an der Bedeutung der Szenen mitgearbeitet, an der Bewegung. Es gibt in meinen nach Filmen benannten Stücken meistens ein Sample aus dem jeweiligen Film. Ich mache das so, weil ich das Benennen schwierig finde, denn ein Track dauert so lange, dass man die Stimmungen dieser Monate dann kaum zusammenfassen kann. Ich mag auch lieber multiple Konnotationen wie in “Motion”, dem Albumtitel. Und da ich die Referenzen, die Grundideen nicht verstecken will, heissen die Stücke dann auch gerne nach dem Film. Wie zum Beispiel “Night of The Iguana” – ein Film über Langsamkeit, Hitze, Tiefe und Ideen. Etwas Abgeschlossenes, In-Sich-Ruhendes, Wahnsinniges – aber mit viel Raum…

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