Still und heimlich haben sich die Clarks Desert Boots zum verlässlichen Schuhwerk aller Bohemiens gemausert, die Ed Banger hören und die Sonntagsausgabe der FAZ lesen. Ihr Siegeszug durch die Subkulturen begann aber viel früher. Aram Lintzel besuchte den englischen Firmen- und Familiensitz und blättert duch die Chronik.
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 105

Mode

Eine Kreppsohle für allle Fälle
Clarks

“Ich trug einen wadenlangen Trenchcoat im grünen Military-Look mit schwarzer Baskenmütze und dazu meine ausgetretenen Clarks Desert Boots. Ich war schließlich nie beim Bund gewesen“, schrieb Jörg Fauser 1982 in seinem großartigen autobiografischen Drogensexbohème-Roman “Rohstoff“, der in den sechziger und siebziger Jahren spielt. Mit dem legendären Desert Boot konnte der Beatnik damals antibürgerliche Nachlässigkeit demonstrieren; “The off-beat casual for up-beat intellectuals“ lautete denn auch ein offizieller Clarks-Werbespruch jener Zeit. Doch das ist längst nicht alles: Schuhe der englischen Traditionsfirma Clarks sind ein seltener und (pop-)kulturtheoretisch höchst unwahrscheinlicher Fall von “Style-Sharing“. In allen nur denkbaren Milieus und Szenen tauchten und tauchen die Clarks-Kreppsohlen auf. Als smartes und zugleich Scooter-taugliches “Must have“ bei den frühen und späteren Mods. Als bequeme Alternative zu den Spitzschuhen wurden Desert Boots in den frühen Achtzigern dann ebenso von New-Wave- und No-Wave-Typen getragen. In der Indiepop-/C86-Szene diente der Desert Boot als beliebtes Doc-Martens-Supplement. Und ohne den robusteren Clarks-Wallabee wären die Neunziger-Jahre-Styles von Oasis und Britpop undenkbar gewesen. Auch zu tiefer gehängten HipHop-Beutelhosen passen Wallabees immer noch exzellent (weil sie wegen ihres schieren Volumens darunter immer zu erkennen sind). Luxuriöse R&B-Moden setzen diese Linie heute fort, von Usher beispielsweise gab es eine weiße Wallabee-Sonderedition, in Japan kursierten auch schon goldene Wallabees. Desert Treks hingegen erfreuen sich in der elektronischen Frickelkultur und in Post-Post-Rock-Szenen großer Beliebtheit. Wir sehen: Clarks sind mobile Mastersignifikanten aller erdenklichen Jugend- und Subkulturen. Etwas, das immer und überall passt und dennoch genügend spezifische Bedeutung und Besonderheit markieren kann.

Hierzulande wurden sie denn auch eines Tages von einer elitistischen Schnöselfraktion entdeckt. Die von Christian Kracht und Eckardt Nickel herausgegebene Zeitschrift “Der Freund“ druckte kürzlich einen bekannten Text von Desert-Boots-Erfinder Nathan Clark ab, Eckardt Nickel erzählte auch in der Süddeutschen Zeitung die Geschichte des Desert Boots. Gleichwohl haben sie es nicht geschafft, Clarks-Boots zu monpolisieren. Denn auch antideutsche Indie-House-Typen wie David Lieske (Carsten Jost) und Peter Kersten (Lawrence) vom Hamburger Label Dial sieht man selten ohne ihre ausgelatschten Limited-Edition-Desert-Boots aus der Clarks/Jil Sander-Kollaboration. One fits all – vom altlinken Studenten über den Pudelclub-DJ zum neokonservativen Neopopper. Style-Sharing eben – über alle sonst so fixen Systemgrenzen hinweg.

In den Fußstapfen des Lawrence von Arabien
Ob man bei Clarks selbst erkannt hat, dass ihre Schuhe als Kitt zwischen unterschiedlichsten Sub- und Popkulturen funktionieren? Zumindest haben die Kreativdirektoren in den Neunzigern gemerkt, dass Britpop und Clarks zusammengehören wie Punk und Sicherheitsnadel – schließlich stiegen während der Blur/Oasis/Supergrass-Hochzeiten insbesondere die Wallabee-Verkäufe rapide an. Womöglich war das die historische Etappe, in der das heutige popbewusste Clarks-Branding vorbereitet wurde. Die “hippe“ Clarks-Originals-Reihe ist in den letzten Jahren neben den “spießigen“ Casual-Reihen immer wichtiger geworden.

Als ich den Clarks-Geburtsort und -Hauptsitz in dem Kaff Street in der englischen Provinz Somerset besuche, erzählt mir Nicola Leadley von der Marketing-Abteilung von einer Wallabee-Sonderedition für die Gallagher-Brüder und dass Paul Weller auch gerne Clarks trägt, genauso wie die Ballermann-Lads von den Ordinary Boys. Richard Ashcroft, der in dem Verve-Video zu “Bittersweet Symphony“ den Asphalt in Fetisch-haften Desert Boots entlanggleitet, bekommt immer noch zwei Paar Clarks im Jahr umsonst. Seit dem umfassenden Relaunch der Clarks-Originals-Reihe, der vor etwa einen Jahr gestartet wurde, schöpft die Firma Selbstbewusstsein und Kreativität aber weniger aus Clarks-Celebs als vielmehr aus der eigenen Geschichte. “Unsere neuen Designer haben viel ins Archiv geschaut“, sagt mir der für den Relaunch zuständige (deutsche) Business Manager Rudy J. Haslbeck bei meinem Besuch in Street. Ausführlich werde ich denn auch durch das charmante Museum der 1825 als kleine Schaflederhandlung gegründeten Firma geführt.

Doch trotz der vielen neuen Relaunch-Modelle der 2006er-Originals-Kollektionen, trotz Soft Mid und Tor High, trotz Heritage Black und Manorborn bilden nach wie vor vier klassische Clarks-Originals-Modelle das Fundament der halbjährlichen neuen Kollektionen: der in den 1950ern entworfene Desert Boot, der in den 60ern entstandene Wallabee, der in den 70ern entwickelte Desert Trek (vor einigen Jahren in einer umstrittenen RAF-Modestrecke als Terroristentreter zu sehen) und der Mokassin-artige Natalie, der wohl Mitte der siebziger Jahre entstand, die Experten streiten sich da noch. Diese Patterns werden bis heute variiert und Entwicklungen des Modemarktes subtil angepasst – so gibt es neuerdings zum Beispiel den Chelsea Boot “Desert Chelsea” oder den Stiefel Desert Mali. Die von der Clarks-Promoabteilung gern erzählte und verbreitete Genealogie der Clarks Desert Boots dient dabei der mythologischen Grundierung in den Irrungen und Wirrungen des Modemarktes: Nathan Clark hat sich demnach während seiner Stationierung mit der englischen Westafrika-Brigade in Burma den Pattern des Desert Boots von Schuhen abgeschaut, welche Soldaten der Achten Armee, die nach Burma kamen, auf dem Basar in Kairo hatten schustern lassen. Dieses Modell war wiederum inspiriert von Wüstentretern der englischen Südafrika-Division, die es sich ihrerseits von holländischen Siedlern abgeschaut hatten. Ein bisschen kolonialistischer Kick und British-Empire-Stolz scheint also bis heute noch unter den Kreppsohlen zu kleben, jedenfalls bekommt man Nathan Clarks Narrativ oft zu lesen und zu hören.

Vom englischen Understatement zur englischen Exzentrik
Am Anfang des legendären Wildleder-Kreppschuhs stand das Zitat des Zitats, die doppelte (und dreifache) Referenz. Dieser ursprüngliche eingeschriebene Postmodernismus setzt sich bis heute fort: So verweist der Damenschuh Maggie T., eines der am besten verkauften Modelle der letzten Monate, ironisch auf den tantigen Style der früheren englischen Premierministerin. Nicht nur bei der Damenkollektion, die mit dem Relaunch ausgeweitet und neu positioniert wird, spielen “typisch englische“ Traditionen und Verweise eine wichtige Rolle. Neue Modelle wie Moor Land, Tor Low oder Theatre beeindrucken durch eine altertümlich-gotische Sherlock-Holmes- oder Emily-Bronte-Haftigkeit. Zugleich scheint es, als solle jetzt das klassisch-englische Understatement durch eine andere englische Tradition, die des Exzentrikers und Dandys, ergänzt werden. Ein spektakuläres Beispiel ist der kürzlich produzierte schwarze Desert Boot aus echtem Alligatoren-Leder, der in einer Mini-Edition von 34 Exemplaren, verpackt in einer Mahagoni-Box, auf den Markt kam – Preis: 2.200 Euro. Die meisten Exemplare gingen in Japan über den Ladentisch, bei Colette in Paris hat sie Karl Lagerfeld immerhin interessiert befingert. Übrigens: Die zu kurz gekommenen Fans von Nick Cave/Johnny Cash ohne fettes Konto können weiterhin auf den schwarzen Desert Boot in Samt zurückgreifen. Weniger snobistisch, aber trotzdem nicht unaffektiert gibt sich der ebenfalls “limited“ aufgelegte Desert Brogue aus recycelten edlen Hemdenstoffen, bei dem jedes Exemplar anders ausfällt. Öko-Mod Rules ok! Auch der an die arabischen Wurzeln erinnernde Desert Boot Batik Fabric soll wohl vor allem ein “Hingucker“ sein. Manche mögen ob so viel Exzentrik, Chi-Chi und überkandidelter Dekadenz zu Recht Verrat am ursprünglichen Clarks-Purismus wittern.

Denn sind es nicht gerade die schlichte Funktionalität und der Verzicht auf Spirenzchen, was an Clarks-Schuhen begeistern sollte? In der neuesten Kollektion gibt es aber sogar spitze (!) Desert Boots, als Reaktion auf die nimmer enden wollende Fashion-Hegemonie der Achtziger. Und auf dem hypertrophen japanischen Markt werden abseitige Materialien immer wichtiger, Ballistic Nylon zum Beispiel, auch gibt es Leder, das bewusst nach Knoblauch riecht. Gut möglich, dass die direkt hinter dem Firmensitz auf einem pittoresken Familienfriedhof begrabenen Clarks-Gründer – allesamt hochreligiöse Quäker (und damit spirituelle Puristen) – über die Mutationen des Desert Boots genauso dächten wie über die Tatsache, dass im Pub am Firmengebäude heutzutage wieder Alkohol ausgeschenkt wird: “Oh, my dear!“, dürfte es bei genauerem Hinhorchen aus der Gruft hallen.

Storytelling und Älterwerden
Business Manager Rudy J. Haslbeck ist sich des Problems bewusst, mit den Limited Editions wolle man es deshalb auf keinen Fall übertreiben. Um im Auf und Ab des Modemarktes die Tradition wach zu halten, dienen angelsächsische Anekdoten als Überbau zu vielen Modellen der neuen Kollektionen. Zu fast jedem Schuh wird ein historistisches Storytelling mitgeliefert. Zum Gentleman-Sport Cricket beim Modell Cricketer, zur englischen Fischer-Ausrüstung aus Filz bei diversen neuen Boots, zu den aristokratischen Tapeten- und Stoffentwürfen des sozialistischen Schriftstellers William Morris bei aktuellen Damen-Schuhen … Bei der Lektüre der Clarks-Kataloge fühlt man sich manchmal an die Ortserkundungen in W.G. Seebalds “Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ erinnert. Dennoch agiert Clarks natürlich längst auf globalem Niveau und hat spezifische Märkte detektivisch ausgespäht. In vielen heißeren Ländern zum Beispiel kommen Kreppsohlen gar nicht so gut an, weil sie auf dem Asphalt mit komischem Geräusch haften bleiben, weshalb man dort mit anderen Sohlenmaterialien arbeitet. In Zusammenarbeit mit Partnern in karibischen und südamerikanischen Ländern entstand so der recht klobige Desert Spirit, der unverkennbar auf die dortige Reggae-Kultur eingeht. Manchmal sind länderspezifische Strategien auch weniger nachvollziehbar: Den Desert Boot in grauem “Wolfe Suede“ gibt es kurioserweise nur in Italien.

Zu beobachten sind – ganz wie im Grundkurs Cultural Studies gelernt – je spezifische kulturelle Aneignungsformen der Clarks-Schuhe. Dasselbe gilt übrigens auch für unterschiedliche Altersstufen. Im Clarks-Museum sind kleine Arbeiten aus Clarks-Schuhen von britischen Künstlern wie Terry de Havilland, Shaun Leane oder Tracey Emin zu sehen, mit denen Kindheitserlebnisse mit den ersten Paar Clarks thematisiert werden sollen. Vielleicht ist es aber auch so etwas wie Trauma-Bewältigung. In der Ausstellung sind daneben nämlich opulente Maschinen zu sehen, mit denen Kinderfüße vermessen werden. Viele britische Kids haben sich bis heute auf der Suche nach den passenden Schuhen zur ersten Schuluniform diesem Zurichtungsapparatus zu unterwerfen. Dies sei auch der Grund, weshalb man bei den britischen 20-Jährigen wenig verkaufe, erzählt mir Nicola Leadley. Wer von der Schule komme, sei erst mal froh, keine Clarks mehr tragen zu müssen. Erinnert wohl doch zu sehr an Disziplin und Dressur. Erst als Spätzwanziger entdecken viele die Clarks wieder, um im besten Falle stilvoll mit ihnen zu altern. Während Turnschuhe irgendwann berufsjugendlich wirken, lassen sich Clarks auch noch weit jenseits der 40 tragen. Dann können sie als Memorabilia funktionieren, die an eine glorreiche Jugend erinnern, oder noch besser: diese unter anderen Vorzeichen, auf ruhigeren Pfaden, fortsetzen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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