Auf Claro Intelecto können sich zur Zeit alle einigen. Die elektroiden Tracks von Mark Stewart klingen wir eine Liebeserklärung an ein Aufwachsen auf englischen Raves aus der guten alten Zeit. Dabei brachten ihn die Buzzcocks zur Elektronik. Wohnen die Punks nebenan, ist eben Techno dran ...
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 83

Dark und zart
Claro Intelecto

“Bis jetzt habe ich keinen Anruf von Juan bekommen”, schreibt Mark Stewart und schiebt ganz zuversichtlich und mit typisch britischem Humor ein “aber ich bin mir sicher, dass wir uns bald auf ein Bier treffen werden” hinterher. Mit Juan meint er natürlich Atkins, Detroits Technogodfather, zu dessen Tracks von Cybotron und Model 500 er noch heute einen flotten Electroboogie auf sein Studioparkett legt, und die, neben LFO, Mr. Fingers und den wohl unausweichlichen Depeche Mode, ein nicht unwesentlicher Einfluss auf seine eigene musikalische Sozialisation und Vision waren und sind. Der Grund, warum Mark und Juan sich auf ein Pint, wie die Engländer ein Glas Bier nennen, treffen sollten, am besten in einem von Pete Hooks unzähligen Pubs in Marks Heimatstadt Manchester (nur um noch eine Legende mit in dieses fiktive Treffen zu schmeißen. War Juan Atkins wohl je in der Hacienda? Wer weiß.), ist natürlich Musik. Marks Musik, um genau zu sein, die im besten Sinne von einer Zeit erzählt, in der House, Techno und Electro noch eine ähnliche Sprache sprachen und nicht komplett auseinander dividiert in Parallelwelten ihre Bahnen zogen.

Mit Bassdrum gegen die Nachbarn
Seinen ersten Synthesizer bekam er mit acht Jahren zum Geburtstag. Die neu entdeckten musikalischen Möglichkeiten und sein Nachbar, Steve Diggle von der englischen Punklegende The Buzzcocks, der ihn auf der Suche nach neuen Drei-Akkord-Hymnen an den Rande des Wahnsinns trieb, beflügelten ihn, sich intensiver mit elektronischer Musik auseinander zu setzen. Dann kam Acid-House, und alles war plötzlich anders. Vor allem, wenn man in Manchester aufwuchs, dem Epizentrum. Der typische Summer-of-Love-Wahnsinn eben. Ein Designstudium und einige Jobs als Grafikdesigner später schickte er, angezogen von der Website und den musikalischen Samples, die er dort fand, einige Demotracks an das frisch gestartete Manchesteraner Label Ai Records. Zum richtigen Zeitpunkt, wie sich zeigen sollte. Seine erste EP “Peace Of Mind” verschlug allen komplett die Sprache. So zarte Rhodes-Akkorde, so endlos dunkel schwelgende Streicher hatte man lange nicht mehr über einen bouncenden Electrobeat gehört und auch die anderen drei Tracks brachten House, Techno und Electro auf eine sympathisch oldschoolige Weise zusammen, die alles andere als nostalgisch oder angestaubt klang. Vor zwei Monaten kam dann, nach einigen nicht weniger starken Compilationtracks, die zweite EP von Claro Intelecto, auf der er sich von seiner dunkleren, verzerrten Seite, mit viel 808-Geschubber, aber nicht weniger schwelgend, zeigte. Sein Debütalbum “Neurofibro”, das sich jetzt, frisch veröffentlicht, anschickt, eines der Konsensalben des Frühjahres zu werden, vereint alle Facetten der beiden EPs von dark bis zart, bringt deren Hits nochmal mit unter und belehrt alle, die bei Electro von der Insel sofort an Breakin’, Ed DMX und ironisches Zitatspektakel denken, eines Besseren. Mit Ai, die es in kürzester Zeit geschafft haben, die einzelnen Fäden von IDM, Elektronika und Elektro zu einer ebenso heterogenen wie kohärenten Labelidentität zusamenzuknoten und sich gleichzeitig auf erfrischende Art und Weise von den großen Vorbildern und Platzhirschen wie Warp und Rephlex abzusetzen, hat er sich genau das richtige Label ausgesucht, um im Dschungel der Veröffentlichungen Zeichen zu setzen.

Seinen Projektnamen verdankt er seiner Liebe zur spanischen Sprache und seiner Ex-Freundin, die durch ihren Studienaufenthalt im spanischen Murcia ein Übriges dafür tat, dass Mark anfing, spanische Wörter nach Aussehen zusammenzupuzzeln. “‘Claro Intelecto’ heißt ‘klarer Intellekt’, aber wenn es nach mir ginge, hätte es auch ‘Bratkartoffeln’ heißen können, ich hätte es trotzdem benutzt. Die Wörter sehen einfach so gut zusammen aus.” Da spricht wohl der Grafikdesigner, der es sich auch nicht hat nehmen lassen, das Artwork seines Albums selber zu gestalten. Und bis er Juan Atkins tatsächlich gegenübersitzt, träumt er davon, mit Mark Bell zusammen Knöpfe und Regler zu drehen. Die Chancen, dass sein Wunsch in Erfüllung geht, stehen nicht schlecht. Im Gegensatz zu Detroit ist es nach London ja nur ein Katzensprung.

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Elektronische Lebensaspekte.