Fidget-Erfinder und Dirtybird-Zampano Claude VonStroke führt uns einmal mehr aus der Klemme minimaler Effekthascherei in die nächste große Bewegung auf dem Dancefloor. Zurück zu "einfach nur Musik". Gruselig, wenn´s nicht VonStroke wäre.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 135

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Barclay Crenshaw aka Claude VonStroke hat uns mit Dirtybird und seinen eigenen Produktionen seit 2005 ja einiges an Überraschungen geliefert. Hits wie “Deep Throat”, “Beware Of The Bird”, “The Whistler”, ja sogar Rückseiten (“Who’s Afraid Of Detroit”) waren bei ihm Hits. Von dem Aufruhr auf dem Housefloor durch Fidget ganz zu schweigen.

Im Schulterschluss mit Jesse Rose hat er das Genre damals ganz allein aus der Taufe gehoben und hing dann damit für immer in einer schwierigen Adoleszenzphase. Deepness? Nö. Albernheiten waren lange Zeit sein Thema. Dreist sein, die Kids in den Wahnsinn treiben, so lange ins Hirn tröten, bis der Rest des Körpers willenlos wackelt. Wenn es nur richtig merkwürdigen Krach macht, dann war alles gut. Sounds müssen überraschen, einen aus dem Ruder laufen lassen, dann war das Fidget.

Genau so überraschend ist er auch zu seinem Namen gekommen. Zu drüber auf einer Party zur Freude des ausgelassenen Brüllers alberne DJ-Namen erfinden. Und Claude VonStroke blieb hängen. Wir vermuten fast seine nicht sonderlich oft benutzten Pseudonyme wie Pedro DeLaFaydro, The Grizzl und Burnto Bertolucci stammen aus der selben oder einer ähnlichen Session.

So kann das gehen. Passt aber auch zu gut. Ähnlich war es mit dem Produzieren. Klar, VonStroke war immer schon ein Musiknarr. Cellospieler seit früher Kindheit mit eigenen Kompositionen, HipHop-Fan und mehr, einer, der sein eigenes Rap- Album in der Schule in Connecticut gemacht hat, und den Kurs in “elektronischer Musik” für seine Tänzer und Konzerte umdefiniert hat, eigene Radioshow im Collage, Drum-and-Bass-Fan und Producer zwischenzeitig.

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Dann im Studium erst mal ein Schwenk auf Filmproduktion (mittlerweile war er von Detroit über Cleveland und Connecticut nach New York gekommen), damit fertig der Sonne nach San Francisco hinterher gezogen und dann Gelegenheitsjob im düsteren Filmrandfeld durchgezogen. Tourguide für Paramount, Cutter für Werbespots. So viel Langeweile führte logischerweise dazu, dass VonStroke irgendwann ein DVD-Label aufmachte.

Eine DJ-Dokumentation (aus der er gleich noch sämtliche Infos gezogen hat, wie man überhaupt ein Label macht) und eine DVD, die Kindern beibringt, wie man auflegt, waren die großen Würfe. Natürlich alles mit geliehenem Equipment. Und als es an den Soundtrack ging, war glücklicherweise Justin Martin da und mit ihm entstanden dann seine ersten Housetracks, erstmal als Untermalung. Aber da hatte es ihn schon voll erwischt.

Schon sein erstes eigenes Release auf Dirtybird war so ein Hit (11.000 verkaufte 12″s. Davon träumt heutzutage noch jeder), dass klar war, Label und House-Musik machen, ist seine Berufung. Später schnappte sich sogar noch T-Mobile “The Whistler” und dann wusste einfach jeder, der nur einen Hauch von House gehört hat, wer Claude VonStroke ist, und warum man immer mit ihm rechnen muss.

Dirtybird führt er seitdem (auch die Lektion, dass man ein Label zunächst mal in Deutschland vertreiben sollte, hat er von seinen DVD-Interviews mitgenommen) alleine, in der letzten Zeit erst mit Chris Martin, Teil der Martin Brothers und (logischerweise) Bruder von Justin Martin. Knapp zwei Jahre später war es dann schon Zeit für das Sublabel Mothership, dessen Definition auch im ständigen Wandel ist. Mothership ist die europäische Seite von Dirtybird.

Technoider, deeper manchmal, dunkler und ohne den bei Dirtybird immer noch starken Einfluss von HipHop-Grooves und klassischeren House-Stilen in einer tiefen Basswelle. Nichts von diesen Definitionen hält Claude allerdings davon ab, seine Tracks für Mothership einfach mal als Jungle Techno zu bezeichnen. (Wahlweise auch Kokosnuss-Techno.) Und jetzt erst beginnt bei beiden Labeln die Phase der Künstler.

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Nicht mehr “neu, schnell, raus”, sondern in die Tiefe gehen ist für die kommenden Monate angesagt. Das Aufbauen der Acts. Die es von Tim Green über die Italoboys, Catz’n Dogz bis Itzone & J.Phlip alle verdient haben. Der bekennende Reason-Freund (Software, nicht Lebensart) ist bekannt dafür, mal eben einen Remix über Nacht für die nächste Party zu produzieren, nicht nur ständig den Ort (San Francisco bleibt aber die Homebase, da kann Berlin einpacken) zu wechseln, sondern auch das Genre.

Aber es ist nicht mehr das verrückte Hüpfen in den Tracks, der Fidget-Irrsinn, der seinen Sound prägt, sondern der fast tänzelnde Übergang von einem Genre zum nächsten. Was sich schon vor zwei Jahren auf dem deepen breakig detroitigen “Groundhog Day” ankündigte ist mit dem neuen Album richtig klar geworden. Claude kann Drum-and- Bass-Tracks machen, die keine sind, aber in ihrer Tiefe plötzlich Source Direct mit House vereinigen, oder ruhige gewobene Ambient-Tracks, die den Floor aus den Angeln heben.

Oder eben Funk, bei dem Bootsy Collins mal eben als Gast die Ehre gibt, der aber dennoch auf einer smashend dunklen Technoparty perfekt aufgehoben ist. Stand er vor einer Weile noch für die flirrend aufgeregte, fast spleenig irre Variante von House, dann bringt Claude VonStroke uns auf seinem zweiten Album, “Bird Brain”, bei, dass man mit Deepness slammen muss.
Dass selbst die ausgefeilteste harmonischste Melodie noch so produziert sein kann, dass niemand stillsteht, niemand aber auch nachher behaupten kann, dass es nicht die Musik, das Musikalische, das Arrangement gewesen ist, das ihn erwischt hat.

Claude VonStroke führt uns einmal mehr aus der Klemme (minimale Effekthascherei) in die nächste große Bewegung auf dem Dancefloor. Zurück zu “einfach nur Musik”. Eine Richtung, die mir bei jedem anderen Angst machen würde, bei Claude VonStroke aber eine Rettung ist.

Claude Von Stroke, Bird Brain ist im Oktober auf Dirtybird Records erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.