Das Londoner Internetlabel "Clevermusic" geht raus aus dem Netlabelklüngel und stürzt sich rein in die neue Minimal-Club-Bewegung um Nächte wie "Minimal London".
Text: Thomas Hoeverkamp aus De:Bug 96

Clevermusic
Neues Leben in London

In London gab es immer eine Szene mit kleinen Clubs, die jenseits des großen Hype ihr eigenes Süppchen gekocht haben. Hier arbeiten die Clevermusiker an der Schnittstelle von konzeptuellem Technoverständnis und funky Minimalhouse. Sie gehören auch zur neuesten Generation von Netlabels. Weit davon entfernt, nerdige Internet-Kids zu sein, legen Mark-Henning und Alex Stephen im brodelnden Londoner Underground auf. Eine EP von Mark ist gerade auf “Freude am Tanzen“, der Jena-Connection, erschienen. Es scheint keine Berührungsängste zu geben mit einer Musikindustrie, die im Internet oft für eine “Economy non grata“ steht. Zeit für einen Statuscheck.

Mark und Alex, wie steht es um Minimal Techno & House in London?

Der Szene geht es gut. In der Vergangenheit steckte die Londoner Szene abseits der Major-Clubs in einem Dilemma. Die Protagonisten drehten sich nur um sich selbst und teilten sich in exklusive Techno-Cliquen. Wir nannten das scherzhaft die “Technocracy”. Die Leute waren zu überheblich und es ging nichts vorwärts. Jetzt gibt es ein paar neue Promoter, DJs und Künstler, die offen sind und nichts mit diesen Egotrips anfangen können. Wir sind stolz, ein Teil dieser neuen Szene zu sein. Diese neue Offenheit wird in den Clubnächten Run, Multivitamins, Digital Beanbag und Minimal London ausgelebt. Vor allem Minimal London ist ein großer Erfolg und zeigt den Leuten, dass es ums Feiern geht – und nicht darum, Teil eines exklusiven Zirkels zu sein.

Ihr bekommt gerade durch die neuen EPs von Jonathan Traffic und JPLS sehr viel Aufmerksameit. Läuft die Entwicklung des Labels nach euren Wünschen?

Es ist schön, die Früchte des Erfolgs zu ernten. Wir investieren sehr viel Zeit und Anstrengung, um die besten Talente zu finden und mit dem Label zu promoten. Diese Produzenten sollen die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Langsam kommen wir diesem Ziel immer näher. Mittlerweile sind es nicht nur DJs und Produzenten, sondern vor allem die Musikfans und Clubber, die unsere Musik in ihr Herz geschlossen haben.

Bei euren letzten Veröffentlichungen sind auch eure Releasetexte in Erinnerung geblieben. Was steckt hinter den schrägen Geschichten?

Wir wollen mit unseren Texten die vorgefassten Meinungen widerlegen, dass unsere Musik dumm und leer ist. Statt zu beschreiben, wie toll die HiHats oder die Basslines programmiert sind, erzählen wir lieber eine interessante Geschichte. Unser schwarzer Humor spielt dabei natürlich eine große Rolle. Wir wollen unseren Veröffentlichungen so einen zusätzlichen Wert vermitteln.

Eins eurer Netlabelreleases wurde ja von einem Plattenlabel gesigned …

Ja, wir haben uns sehr für Ali Khan gefreut. Gerade ist seine EP bei Kahlwild, dem Sublabel von Platzhirsch, veröffentlicht worden. Wir werden auch zukünftig Sachen lizenzieren. Da ist schon einiges in der Pipeline, worüber wir aber noch nicht reden können. Von Mark-Henning kommen demnächst Sachen auf Freude am Tanzen, Frankie Records und Foundsound raus. Außerdem produzieren wir beide gerade selbst ein paar Remixe für Clevermusic.

Sind Remixe bekannter Künstler dazu geeignet, Aufmerksamkeit für die Netlabels zu erzeugen?

Netlabels brauchen jede Aufmerksamkeit, die sie kriegen können. Wir leben von Mund-zu-Mund-Propaganda und Online-Promotion. Ohne Budget ist etwas anderes nicht möglich. Wenn bekannte Künstler für unser Netlabel einen Track remixen, erzeugt das einen zusätzlichen Anreiz, auf die Website zu kommen. Demnächst werden Remixe von [A]ppendix Shuffle, der auf Orac veröffentlicht, und Mike Shannon von Cynosure bei uns erscheinen.

Man hat manchmal den Eindruck, dass mittlerweile Plattenlabels einen besseren Stand im Internet haben als Netlabels. Haben sie den Anschluss verpasst?

Nein, definitiv nicht. Trotzdem sollten die Netlabels sich mit anderen Onlineangeboten messen. Das kann in Bezug auf die kulturelle Bedeutung, Technologie oder Musik passieren. Die kulturelle Relevanz und die damit verbundenen Chancen werden von den meisten Netlabelbetreibern unterschätzt. Die Labels im Netz sind manchmal zu selbstbezogen, weil sie keine kommerziellen Ziele erfüllen müssen. Das hat Vorteile, was die künstlerische Freiheit anbelangt. Der Nachteil liegt dann aber in einer geringeren Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für ihre Musik. Wir wollen vor allem diese Aufteilung von Netaudio und der “anderen” Szene aufheben. Für uns gibt es keine Trennung. Wir haben uns einfach einen anderen Weg ausgesucht, Musik zu veröffentlichen.

Was kann man demnächst bei Clevermusic erwarten?

Es gibt bald Releases unserer neuen Künstler: Dataman, der bereits auf Legoego im Netz bekannt geworden ist, und Raganova. Die beiden passen perfekt zu unserem Sound. Es wird Remixe von Pheeks “Magda has a Troll” geben und bald auch Clevermusic auf Vinyl. Wir planen zwar für nächstes Jahr eine große Clevermusic-Party in London mit unseren Künstlern, wollen uns aber wieder mehr um das Label und eigene Produktionen kümmern. Unsere Tätigkeit als gestresste Promoter wollen wir deutlich zurückfahren.
http://www.clevermusic.net

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Elektronische Lebensaspekte.