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Text: janko röttgers aus De:Bug 31

/Ecommerce Micropayment: Musikverkauf per 0190er-Nummer Und wie man drumherumkommt Musik Online kaufen heisst bis heute meist noch: CD bestellen, CD bekommen, Rechnung bezahlen. Digitaler Musikverkauf, sei es als MP3 oder in einem anderen Format, mag zumindest hierzulande noch niemandem so recht gelingen. Ein Grund dafür sind die Abrechnungsverfahren: Beim Kauf von ein, zwei Songs geht es nur um Kleinstbeträge. Bezahlen per Bankeinzug oder Kreditkarte ist dafür viel zu kompliziert und zu teuer. Virtuelles Geld wie Cybercash, Digicash & Co. hat sich einfach noch nicht durchsetzen können. Schliesslich gibt es noch T-Online. Damit rechnet die Telekom seit den ersten BTX-Tagen Kleinstbeträge über die Telefonrechnung der Kunden ab. Früher waren dies meist virtuelle Schmuddeldienste, seit einiger Zeit versucht sich die Telekom auch selbst im Online-Musikverkauf. Der Nachteil: All das steht eben nur Kunden des Onlinedienstes zur Verfügung. Und weil geschlossene Netze eh out sind und sich alle nur noch im Internet rumtreiben, stellt T-Online zum Jahresende sein Inkassoverfahren ein. Ruf mich an! Natürlich nicht, ohne ein neues As aus dem Ärmel zu ziehen: Net900 heisst das neue Kind trendy, und es wird als wahre eCommerce-Wunderwaffe gehandelt. Auch mit Net900 werden Kleinstbeträge über die Telefonrechnung abgebucht, jedoch ohne Beschränkung auf T-Online. Überall, wo im Netz etwas verkauft werden kann, soll es zum Einsatz kommen: Datenbanken, Online-Spiele, und vor allen Dingen Musik, Musik, Musik. Audio on Demand soll damit das grosse Ding werden. Die Net900-Technik ist ziemlich simpel. Um auf kostenpflichtige Inhalte zugreifen zu können, muss ein Plugin installiert sein. Es sorgt dafür, dass im entscheidenden Moment die Telefonleitung gekappt wird. Eine Verbindung zu einer 0190-Nummer wird aufgebaut und nach dem Download automatisch wieder beendet. 0190-Nummern lassen dann doch wieder an Schmuddeldienste denken. Passenderweise ist einer der ersten Referenzkunden eine Beate Uhse-Tochterfirma mit verstecktem Imperativ im Firmennamen: Com Online. Egal ob mit Musik oder Sex: Net900-Entwickler “in medias res” verspricht auf jeden Fall schon mal saftige Einnahmen: Bisher werden über T-Online-Inkasso jährlich 100 Millionen Mark umgesetzt, mit Net900 sollen es schon im ersten Jahr 250 Millionen sein. Bei solchen Zahlen sehen nicht nur Manager die Sonne aufgehen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel verkündete bereits: “NET900 bringt die Informationsgesellschaft voran. Das ist E-Business für den Alltag.” Doch der Teufel steckt bekanntlich häufig im Detail. Und das haben wir uns mal angeschaut. Click & Pay im Praxistest Und zwar bei TV Movie Online. Seit kurzem lässt sich dort digitaler Musikeinkauf ausprobieren. “Click und Pay” heisst der Test übrigens, nomen est omen. TV Movie Online bietet während einer Testphase ein knappes Dutzend Songs von 3 Bands zum kostenpflichtigen Download an. Nach erfolgreicher Plugin-Installation fällt die Wahl des Testobjekts auf das Dancefloor-Sternchen Sheyelle. Sie wird von TV Movie nicht wirklich schmeichelhaft mit den Worten angepriesen, dass sie “neben den nötigen optischen Qualitäten auch die entsprechende Musikalität” besitze. Also den richtigen Button anklicken, einen Warnhinweis wegklicken (“Die nachfolgenden Dokumente werden mit 0.81 DM/Minute übertragen”). Die Verbindung wird beendet, das Modem wählt eine ziemlich lange Nummer. Jetzt bloss nicht an die nächste Telefonrechnung denken. Verbindungsaufbau. Dann startet der Real Player. Richtig gelesen, Click und Pay setzt auf Real Audio. Sheyelles Song “It is the time” scheppert unter zugegebenermassen nicht ganz optimalen Testbedingungen mit gerade mal 20.7 kbps aus den Boxen. Warteschleifenmusik per Ferngespräch anhören kommt deutlich besser, und billiger ist’s auch. Zumal ein Abspeichern bei Click & Pay offensichtlich nicht vorgesehen ist. Nach etwa 30 Sekunden bricht die Leitung zusammen, das Modem legt auf. Also wieder mit dem normalen Provider ins Internet. Der Real Player ist allerdings immer noch geöffnet. Wer jetzt probeweise mal auf Play klickt, erlebt sein blaues Wunder: Das Programm connected ordnungsgemäss und setzt Sheyelles Song fort. Allerdings jetzt zum Ortstarif. Ist das schon Diebstahl? Und darf Diebstahl so einfach sein? Neugierige Naturen werfen jetzt natürlich einen Blick auf die URLs der angebotenen Songs, und siehe da: Mit ein bisschen Handarbeit lassen diese sich auch ganz normal aus dem Internet saugen, ohne dass das Plugin irgend etwas davon mitbekommt. Abspeichern ist so plötzlich auch möglich. Warum Click & Pay, wenn Copy & Paste es auch tut? Offenbar liegen die Songs völlig ungeschützt auf einem Telekom-Server herum. Von Sicherheit keine Spur. Und warum sollte man Click und Pay benutzen, wenn es mit Copy & Paste auch umsonst geht? Das also ist E-Business für den Alltag: Kostet nix und fördert den Spieltrieb. Zugegebenermassen liesse sich das mit einer halbwegs vernünftigen Serverkonfiguration sicher ändern. Doch diese Schlamperei ist nicht das einzige Problem: In der bisherigen Form verlangt Net900 vom User keinerlei Authentifizierung. Ein einfacher Klick zur rechten Zeit, und das Plugin startet die teure Verbindung. Was aber, wenn der Klick gar nicht vom User kommt? Wenn dieser vielleicht nicht mal an seinem Rechner sitzt, sondern ihn im Energiesparmodus oder beim Backup wähnt? Mit ein bisschen krimineller Energie und rudimentären Programmierkenntnissen sollte das alles kein Problem sein. So ist Net900 nicht zuletzt eine interessante neue Geldeinnahmequelle für Makroviren-Programmierer. Auch eine Methode, auf 250 Millionen Mark Umsatz zu kommen.

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Elektronische Lebensaspekte.