Das Kölner Sangestechno-Duo Closer Musik sucht in autarker Klausur nach der Unmittelbarkeit der Stimme, der Magie des Momentes, dem Subtilen im Mehrdeutigen, dem Hören als Fühlen. So haben sie mit "After Love" ein Technoalbum von entrückter Sinnlichkeit eingespielt (und –gesungen, voilà), dass George Michael die Spucke raubt. Verflüchtigende Verführer, die nie kleine Karos tragen würden.
Text: kerstin schäfer aus De:Bug 60

Gelassen auf tiefem Grund

Subtilität, darauf bezieht sich Closer Musik gern und zentral. Das meint die Qualität, jene kleinen Gesten aufspüren zu können, die Uneindeutigkeit zwingend erscheinen lassen. “Das Subtile ist unheimlich schwer auszudrücken. Wir hoffen natürlich, dass die Leute das hören. Denn in der Musik im Gesamten als auch mit Text und Titeln ist nichts konkret eindeutig formuliert. Wichtiger ist, dass jeder eine eigene Möglichkeit für sich entdeckt, den Inhalt zu entschlüsseln”, illustriert Dirk Leyers, neben Matias Aguayo Closer Musik.
Der klaren Transparenz im Klang, die bei Closer Musik auf einem technoiden Grundgerüst baut, steht die Mehrdeutigkeit, durch die Kombination der verschiedenen Inhaltsebenen Text, Stimme oder Arrangement gegenüber. Closer Musik können und wollen das bewusste Fehlen zweifelsfreier – und das wäre eben auch unsubtiler – Einfachheit erst mal nicht erklären, denn einen allzu musiktheoretischen Zugang zur eigenen Musik finden sie in mehrfacher Hinsicht bedenklich.

Matias Aguayo: “Es ist nicht gut, ständig theoretisieren zu müssen, was man macht. Wenn wir andauernd das Konzept hinter der Musik erklären sollen, wozu braucht man dann überhaupt noch die Musik an sich?”

Wie aber innerhalb eines bestimmten Feldes agieren und dabei noch die Wahrnehmung schärfen und auf das Wesentliche konzentrieren?

Matias Aguayo: “Mein Eindruck ist oft der, wenn man sich auf Debatten und Diskurse wie eben über das Musiktheoretische innerhalb kleiner Grüppchen einlässt, dass man letztendlich kleinkariert wird. Für Außenstehende ist das gar nicht mehr nachvollziehbar. Das versuchen wir ganz klar zu vermeiden, indem wir uns einfach in eine Klausur begeben, in der wir frei unser Ding entwickeln. Das hat sich zuerst in ‘One Two Three (No Gravity)’ (Kompakt 16) geäußert und jetzt in unserem Album “After Love”. Das ist unsere Art des Befreiungsversuches.”

Und auch die Zuweisung einer Pop-Attitüde, die schnell nach dem offensiven Hitpotential der Debut-EP “One Two Three (No Gravity)” aufkam, ist gar nicht im Sinne von Closer Musik:

Dirk Leyers: “Erstmal wird der Begriff Pop geradezu inflationär gebraucht. Wir haben zusätzlich versucht, uns von ästhetischen Kriterien fernzuhalten, die gerade modisch sind. Man hört ständig diese Geschichte, dass jetzt wieder gesungen wird. Und auch die Frage nach dem Popaspekt durch den Einsatz von ungesampelter Stimme in Techno können wir für uns nur einfach beantworten. Wenn wir an der Musik arbeiten, ist es das Letzte, woran wir denken. Es ist eher so, dass man an einen Punkt kommt, wo der Text und die Stimme dem Stück noch eine ganz andere Seele verleihen. Und dieser Punkt ist wesentlich.”

Noch näher dran

Closer Musik zielen eher darauf, durch das Einziehen einer anderen Ebene Kontrapunkte im Gesamten zu setzen. So soll der Gedanke, Sound und Vocals zu kombinieren, nicht illustrativ betrieben werden, sondern dient mehr dazu, mit Gelassenheit Tiefgründigkeit einzufügen. Das aber bitte schön mit variablen Bedeutungen. Wie gestaltet sich diese Verbindung? Musik wird primär zum Panorama des Alltags, das ist eine bekannte These. Im Kontrast dazu ist es wichtiger, dass es um “das eigene Leben geht, also die Verarbeitung der Gefühle und Sehnsüchte, die man hat”, sagt Matias Aguayo. “Ich vermisse das extrem bei vielen Technosachen – man kann den Mensch dahinter beim Hören nicht mehr fühlen.” Closer Musik sind dagegen so fühlbar, dass selbst sie den Eindruck haben, mit “After Love” eine fast intime Sache preiszugeben.
Vielleicht ist die Veröffentlichung von “After Love” auch deshalb ein so persönlicher Moment für Closer Musik, da ihre Musik bis dahin zum größten Teil nur live gespielt existierte. Bis auf die EP “One Two Three (No Gravity)”, mit der Closer Musik im Jahr 2000 in alle Ohren Einzug hielten, war nichts veröffentlicht. “After Love” greift nun die alten Ideen auf. Die wurden neu bearbeitet und leben besonders vom langen Live-Entstehungsprozess der Stücke.

Dirk Leyers: “Es ist extrem wichtig für uns, live zu spielen. In diesem Miteinander ist auch schon der Ansatz zum Bandgedanken drin, wo jeder seine Plattform hat. Wenn man aufeinander trifft, lernt man zu improvisieren. Genau dadurch haben die Stücke konkrete Formen angenommen. Das hat den großen Vorteil, dass wir die Stücke schon mal im Club gehört haben, ihre Wirkung spürten. Da merkt man dann, wie es funktioniert, ob ein Gefühl da ist, ob man sie weiterentwickeln kann.”

Matias Aguayo: “Das war ja auch so das magische Ding. Man hat Musik gehört, die man außerhalb dieses Moment nicht bekommen konnte. Bei der Entstehung von “After Love” war genau das die Schwierigkeit. Wie macht man es fest? Wie packt man die Stücke in eine Form?”

Dirk Leyers: “Der gesamte Entstehungsprozess des Albums mittels der Live-Situation geht mit Erscheinen und der Planung des neuen Liveacts in einen Loop. ‚After Love’ existierte so bereits schon über einen Zeitraum von zwei Jahren. Da kamen wir dann an den Punkt, an dem wir entschieden, dass diese Phase abgeschlossen ist. Ein fertiges Produkt gab es also nicht in dem Sinne… Jetzt haben wir diese Phase materialisiert und gehen damit an die breite Öffentlichkeit. Damit wird es wieder Zeit für etwas Neues.

Das Zusprechen einer neuen Qualität setzt genau da an. Wo andere Liveacts häufig hundertprozentige Reproduktionen ihrer Platten sind, beginnt für Closer Musik schon das nächste Kapitel. Einen Schritt voraus sozusagen. Aber Closer Musik wollen nicht missionieren. Es ist ihnen egal, was die anderen tun. Hauptsache das eigene Universum stimmt und bleibt so autark, dass auch die Zukunft noch magische Momente produziert.

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Elektronische Lebensaspekte.

Ein Astronaut im Kompakt-Fach: Closer Musik. Eine EP, drei Hits. Matias Aguayo und Dirk Leyers erklären, wie man mit kleinstem Budget die grössten Effekte erzielt. Erste Voraussetzung: am linken Niederrhein Popstar sein wollen.
Text: Michael Müller aus De:Bug 37

/köln/house Planet E aus Astronautensicht Closer Musik Köln Mühlheim, Berliner Strasse, auch Little Italy, vom Kulturgürtel der Stadt aus gesehen also jenseits des Rheins. Hier sind die Bestrebungen aus Köln ein zweites Düsseldorf zu fabrizieren, noch nicht angekommen. Über der Eisdiele, in der es die beste Espressomischung der Stadt gibt, befindet sich die Wohnung und das Studio von Matias Aguayo und Dirk Leyers. Kommt man in Ihr Studio, kann man über Musik von Larry Heard, David Bowie, Ornette Colemann, oder auch einige Kabel stolpern und den Amiga vom Tisch reissen. Schade um den Track, aber Giana Sisters geht noch. Puhh…Glück gehabt. Die Platten quillen aus Matias Plattenkoffern,welche er schon seit einigen Jahren in die Kölner Clubs trägt. Durch das Auflegen hat er wohl auch das Timing und Gefühl dafür, wie was funktioniert. Diese Erfahrung kommt dem Produzieren sehr zu gute. Dirk Leyers: “Unser Equipment ist wirklich Low Budget. So stossen wir ständig an Grenzen und wachsen durch die Ideen, die uns helfen sie zu überwinden.” Dann singt man das Delay eben selber, wenn man kein besseres hat. Dirk kommt vom linken Niederrhein, was soll man da auch anderes tun, als den Mädchen mit dem innigen Bestreben, mal ein Popstar zu werden, zu imponieren? Also beherrscht er neben elektronischem Sound auch die Gitarre. Matias: “Dirk kommt mit den Chords und ich habe eine grobe Idee, worüber ich singen will. Am Anfang sind die Texte lang und verworren. Dann wird es immer weniger und klarer.” Die Vokals sind in einfachem, zeichenhaftem Englisch gehalten. So, wie man früher bei Popsongs mitgesungen hat, bleiben jeweils die wenigen Zeilen, die man verstanden hat, übrig. Und in ihnen verbirgt sich das Rätsel. Matias erste Veröffentlichung war Zimt auf Ladomat. Ursprünglich ein reiner Vokaltrack, bei dem er Beats und Melodie auf Dirks 8-Spur gesungen hat. Der Track ist dann mit Michael Mayer rund und dick gemacht worden und war 1997 sowas wie ein Clubhit. Jetzt ist ihre erste gemeinsame Platte auf Kompakt erschienen. Closer Musik. Drei Tracks gibt es. Einer anders als der andere. Die Platte lässt sich zwischen Club und Zuhause nicht richtig einordnen. Sie wird auf jeden Fall im Club gespielt und funktioniert. Sie geht so ins Ohr, dass du die Vocals nach kürzester Zeit auch Zuhause mitsingst. Neben der Gitarre hört man die Beats aus den Amigas, darüber Matias Stimme. Grosser Sound. Minimal und poppig. Die Musik klingt spontan und sessionartig, aber hinter jedem Track steckt viel Arbeit und ein ausgefeiltes Arrangement. Und vor allem immer eine irgendwie besondere Idee. Die beiden Musiker selbst geben sich ein wenig wortkarg, was die Beschreibung ihrer Musik angeht, und legen lieber eine Platte auf, die Ihnen besonders viel bedeutet. Matias: “Mir ist nicht immer klar, was wir da machen. Ich weiss nur, dass wir da weiter machen müssen. Es gibt noch verdammt viel zu entdecken von dem wir noch gar nichts wissen.” Entsprechend des Konzeptes von Kompakt Neukommern grösstmögliche Freiheit bei Ihren Veröffentlichungen zu geben, gibt es zum erstenmal ein eigenes Coverartwork. Sucht einfach nach dem Astronauten im Kompaktfach. Between the stars there is no night or day, planet e is far away, where i am is where I stay, i won’t return, i’m here to say: floating free, one two three, eternally, no gravity.

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