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Text: aram lintzel aus De:Bug 32

/club2000 Club 2000 Was ist der Club? Was wird er? Dieses obskure Objekt der Begierden “junger Leute” setzt sich doch aus verschiedensten Akteuren, Aspekten und Attraktionen zusammen. Als labiles Konstrukt wird er im besten Falle immer wieder neu erfunden, ständig an bis dato unbekannten Orten neu positioniert. DEN Club gibt es nicht, genauso wenig wie DIE Clubkultur. Aber vielleicht gibt es ja DIE Krise des Clubs? Immer häufiger vernimmt man die Lamentos ehemals Ausgehfreudiger, die DJ-Sets, Thekengespräche und Floorbewegungen würden zunehmend steriler und vorhersehbarer – Grund, zu hause zu bleiben und sich anderen Medien (Fernsehen, Buch, Liebe) zu zuwenden. Liegt das nun einfach daran, dass alle um einen herum halt älter werden, oder ist die Clubkultur doch das Opfer ihrer eigenen Professionalisierung geworden? Ist, wenn der Club zum Standortfaktor für das coole Berlin by Night oder die HipHop-Town Stuttgart wird, eh alles vorbei/gegessen/den Bach runter? Denn die kulturpolitische Verwertbarkeit geht ja wohl auf Kosten jener Räume, die sich nicht in den allgemeinen Kommerzialisierungstrend einpassen. Keine Frage: Seit dem Aufbruchsjahr 1988 hat sich einiges verändert. Aber ein nörgeliger General-Pessimismus hilft auch nicht weiter, der ist rückwärtsgewandt und verkennt so die weiterhin bestehenden Möglichkeiten für das offene Projekt “Clubkultur”. Statt abstrakt über Clubkultur zu theoretisieren oder das Ende der mit dem Club verknüpften demokratischen Ideale und Utopien zu betrauern, hat sich De:Bug genauer umgehört und -geschaut. So haben wir uns nicht nur unsere eigenen Gedanken gemacht, sondern ausserdem an verschiedene Clubmacher hierzulande einen Fragenkatalog gemailt. Wir wollten herauszufinden, wie es mit den Bedingungen und Möglichkeiten alternativer Tanzräume an den Rändern der “neuen Mitte” aussieht. Welche Programmatiken sind noch tragfähig? Wie verhalten sich die Clubs zur Restkultur? Gibt es noch ökonomische Freiräume für Experimente? Hat sich das Publikum verändert? Erweitert sich der Club zu einem multimedialen Environment, in dem Musik nur noch eine nebensächliche Rolle spielt? Über all diesen Fragen schwebt natürlich der staatliche Lauerapparat, der die Machtmittel hat, zu erlauben oder zu verbieten, Lizenzen zu gewähren oder zu entziehen. Die interessanten Clubs bewegen sich immer an der Grenze zwischen Legalität und Illegalität, wobei diese Grenze immer wieder aufs Neue auszuhandeln ist. Gerriet Schulz vom Berliner WMF (das dieser Tage mal wieder umziehen muss) beschreibt das labile Rechtsgemenge. In seinen Augen lässt sich die “Wildwest-Wirtschaft” (Jan Joswig in seinem Artikel zu Club vs. Politik) nicht mehr so einfach nach dem Modell von Repression verstehen. Auch die Macher vom HD 800 (Heidelberg), vom Distillery (Leipzig) und vom Kasseler Technotempel Stammheim haben einiges über das Geschehen hinter den von Schliessungen bedrohten Club-Toren zu berichten. Eine Bedrohung, die für den Club Duala in Regensburg skandalöse Wirklichkeit wurde. Der 0711 Hip Hop-Club in Stuttgart lenkt den Blick von den verdriesslichen Behördenproblemen auf die erbaulicheren Publikumsfragen. Man könnte vermuten, dass ihre pragmatische Sicht der Dinge in Widerspruch zu einer abstrakten akademischen Beschäftigung mit “der Clubkultur” steht. Jedoch hat Kerstin Schäfer festgestellt, dass sich auch Uniseminare immer näher an die konkreten Nachtphänomene herantrauen. Ist ja auch kein Wunder, denn die Zielgruppen von Lehrplänen und Clubs bilden einige Schnittmengen. Clubs werden in catchy klingenden Projekten wie dem an der TU Berlin stattfindenden “Sounds like Berlin – Maria, Flyer, Ufos und Tresore. Kulturelle und ökonomische Wertschöpfung in Berlins ‘Neuer Mitte'” als komplexe Netzwerke untersucht; ein Ansatz, der auch Sascha Kösch gefallen dürfte, der den Club als “eine hochkomplizierte Konstruktion aus Verstärkern, Plattenspielern, Couchgelegenheiten, Türstehern und Kühlschränken” versteht. In seinem Text zu Club und Technik spinnt er dieses Geflecht weiter und visioniert den drahtlosen Club, der die Orgie in den nächsten 1000 Jahren radikal umpolen und neu verlinken wird. Denn eins ist trotz aller Widrigkeiten klar: Es gibt eine Zukunft der Clubs. Dafür müssen aber Freiheiten erkämpft werden, ob nun mit technologischen, politischen oder sonstigen Mitteln…

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Elektronische Lebensaspekte.