text
Text: gerriet schulz aus De:Bug 32

/club2000/berlin ALS MUTTERS KÜCHENUTENSIL ZUM CLUB WURDE Mit dem WMF durch die Berliner Republik Grundlage der Berliner Clubkultur ist die temporäre Nutzung urbaner Residualflächen, eine weitgehende Selbstorganisation und die Schaffung von experimentellen Ereignisräumen innerhalb einer informellen Ökonomie. Waren es von 1989 bis Mitte der 90er die ungeklärten Eigentumsverhältnisse, die De-Industrialisierung, sowie die Aufgabe und der Umbau von Infrastrukturen, sind es jetzt Fehlplanungen und Veränderungen des Bodenwertes, die den Prozess der sich selbst organisierenden Nutzungen bestimmen. Innerhalb einer mit herkömmlichen Stadtplanungsinstrumenten kaum kontrollierbaren Stadtentwicklung sind die Behörden aufgrund ihrer hohen Unflexibilität zur Praxis einer reinen Genehmigungsbürokratie übergegangen. Bei entsprechender Beachtung der Minimalanforderungen nach der Bau-, Steuer- und Lohngesetzgebung sind die Behörden weitgehend kooperativ. Natürlich ist heute kein rein illegaler Club in der Grösse des WMF mehr möglich. Und der Behördenapparat hat sich auch im Ostteil Berlins innerhalb der letzten 10 Jahre gut eingerichtet. Das Vakuum des “rechtsfreien Raumes”, in das wir 89/90 stiessen, wurde kontinuierlich abgearbeitet. Aber während im Westteil weitaus restriktiver mit dem Phänomen der informellen Ökonomie umgegangen wird, hat sich die Bürokratie auf der Bezirksebene des Ostteils in weitaus pragmatischerer und flexiblerer Weise der teilweise extremen Dynamik der temporären Nutzungen angepasst. VERSCHIEDENES VERSCHIEBT SICH Man sollte sich vom liebgewordenen Klischee des “Undergrounds” auf der einen und der “Repression” auf der anderen (staatlichen) Seite verabschieden, zugunsten einer konstruktiven, pragmatischen Verhandlungsstrategie gegenüber den Behörden. Der bürokratische Apparat ist in seinem Umgang mit der vom Üblichen abweichenden Gastronomie nicht unbedingt homogen, denn zwischen Senat, Bezirken und den jeweiligen Verwaltungsebenen herrscht der übliche Kleinkrieg. Letztendlich ist der direkte, offene Dialog zu Amtspersonen entscheidend. Natürlich sind die Erfahrungen der einzelnen Aktivisten aus der Clubszene so unterschiedlich wie ihre jeweiligen Motivationen, einen Club zu machen. Viele haben schlechte Erfahrungen gemacht, ihre Projekte sind durch Behörden behindert worden. Uns war und ist es wichtig, immer einen Schritt voraus zu sein und alles zu tun, um eben nicht der Willkür eines ungnädigen Amtsmannes ausgeliefert zu sein. Im Vergleich zwischen den Weltstädten in Bezug auf die wichtigsten Voraussetzungen für das Enstehen einer spannenden Clubkultur, schneidet Berlin immer noch am besten ab. Die Vergabe von Schanklizenzen, die Einrichtung von Sperrstunden, die Erteilung von Genehmigungen oder die Reaktion auf illegale Clubs ist hier relativ liberal. Das Mietniveau ist niedrig, es gibt hier einzigartige Möglichkeiten der Zwischennutzung von Gebäuden, und das organisierte Verbrechen hält sich weitgehend raus. Ein Blick nach New York, London oder Paris lässt viele der Berliner Probleme klein erscheinen. LEGALE NOMADEN Der “Club” löste 89 die “Diskothek” der 80er Jahre ab, der Begriff “Clubkultur” ersetzte erst Mitte der 90er den Begriff “Underground”. Die selbstverständliche Verwendung dieses Begriffes ist die eigentliche Veränderung: Nachtleben wird ein anerkannter Teil der Kultur. Und das ist die Herausforderung, der man sich als Clubmacher stellen muss: Die legale, kommerzielle Rolle ist nur ein neues Kapitel in der Verwirklichung einer unabhängigen Lebensform. Das erwirtschaftete Geld wird in den Club-Kreislauf reinvestiert, macht musikalische und technische Innovationen möglich. Der legale Status ermöglicht erst ein internationales Booking. Durch das “nomadische Prinzip” des WMF sind wir ständig gezwungen, unseren Freiraum zu erkämpfen. Jedesmal aufs Neue müssen der Behördenapparat und das Publikum überzeugt werden. Durch das unkalkulierbare Risiko jedes Umzuges ensteht eine Dynamik steten Wandels. Die Clubroutine hat keine Chance. Noch nie bot das Nachtleben so viele Möglichkeiten zur Existenzgründung für sonst Scheiternde. Der Club ist das Experiment einer spontanen, selbstbestimmten und gemeinschaftlichen Arbeit. Der politische Impuls, der von diesem Freiraum ausgeht, definiert sich in erster Linie durch den sozialen Ort, den der Club darstellt. Der Club kann Modell einer vielfältigen, globalen Kultur sein, gerade weil die jeweilige persönliche Interpretation des Begriffes “Clubkultur”, sei es als Gast oder DJ, die regionalen und nationalen Eigenheiten einerseits hervorhebt, andererseits in den Kontext des Gemeinsamen aufnimmt. Das Bewusstsein von den verschiedenen Wahrnehmungsebenen und urbanen Realitäten kann im besten Falle so etwas wie Toleranz und Neugier wecken. Der Club als Plattform für alle Arten von Kunst, natürlich insbesondere Musik und Video, aber auch Design und Architektur, bis hin zu Installationen, deren Schöpfer den White Cube der Galerie gegen den sozialen Ort des Clubs tauschen, hat die Möglichkeit, als Produzent oder Mentor aufzutreten. Ein Club muss, um zu überleben, einen Kompromiss zwischen kommerzieller Programmgestaltung zur Befriedigung einer bestimmten Erwartungshaltung bzw. einem roten Faden, einem Wiedererkennungswert, einer musikalischen, manchmal ideologischen Farbe einerseits und dem bedingungslosen Experiment andererseits formulieren: Eine Art Quersubventionierung vom straighten zum experimentellen Floor. KONTINUITÄT UND KOMMUNIKATION Um einen Club zu betreiben oder zu eröffnen, reicht es nicht mehr aus, einen Raum zu finden, ihn quasi zu besetzen, und sich so gut es geht ohne Genehmigung durchzukämpfen. Wenn aus Furcht vor Entdeckungen keine Promotionarbeit möglich ist, da nach der Entdeckung die Schliessung droht, ist auch keine kontinuierliche Clubarbeit möglich. Hat bis Mitte der 90er Mundpropaganda ausgereicht, ist man jetzt auf teilweise massive Unterstützung der Medien angewiesen, da der selbständig denkende Teil des Publikums kleiner geworden ist und die meisten relativ orientierungslos vor dem immensen Überangabot der Clubkultur bzw. der elektronischen Musik stehen. Das gilt vielleicht nicht für kleinere Events unter 300 Personen, will man aber ohne staatliche Unterstützung ein internationales, hochwertiges Booking machen und ein gewisses Budget für Experimente im visuellen und konzeptionellen Bereich bereit halten, muss eine entsprechende Anzahl von Gästen da sein. Der Club der Zukunft bezieht seine Attraktivität zunehmend aus der Synergie der verschiedenen Veranstalter und Teams. Der Club tritt zunehmend als Moderator und Initiator von eigenständigen Entwicklungen auf und schafft die ökonomische Plattform unter Einbeziehung der neusten digitalen Medien und Kommunikationsmittel. http://www.wmf-club.de

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.