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Text: sven von thülen aus De:Bug 32

/Club 2000/ Welcome to Clubland Turn On, Tune in, Drop out PUBLIKUM 1) Stammheim Es gibt sozusagen Feier-“Profis” und -“anfänger”. Wichtig für eine Veranstaltung ist, dass es ein ausgewogenes Verhältnis dieser Gruppierungen gibt, da beide doch unterschiedliche Vorstellungen haben. Wenn das Publikum gut gemixt ist, kann man musikalisch und inhaltlich sehr weit gehen. Experminente sind nur möglich, wenn das Publikum dem Club und seinem Booking vertraut. Generell führt das zu starke Eingehen auf eine Erwartungshaltung zu einer ausschliesslichen Bindung an Reaktionen des Publikums und schränkt daher Innovationen ein. 2) Distillery Es ist immer wieder ziemlich schwierig, genau die Leute im Laden zu haben, mit denen man zum einen als Betreiber was anfangen kann und die man nicht als anonyme Gäste sieht sondern persönlich kennt. Musik, Deko und Image des Ladens ist das eine – was jedoch Clubkultur in meinen Augen ausmacht, ist die Chemie zwischen Betreibern und Publikum. Sobald die Betreiber sich mit ihrem Publikum nicht mehr identifizieren können und in jedem einzelnen Gast eine wandelnde Dollarnote sehen, ist das Konzept Club gefährdet und man etwickelt sich in Richtung Dienstleister und Diskothekenbetreiber. 3) HD 800 Vor einigen Jahren war das Konzept “Club” noch offener: Es lief nicht nur ein Sound, der sich über den ganzen Abend hinwegschleppte, sondern es wurden interessante Platten gespielt, die auch mal ein paar Beats langsamer oder schneller sein durften als der Rest. Trotzdem wurde weiter getanzt und es waren gerade diese Stücke, die den Abend ausgemacht haben. Im Zuge der Kommerzialisierung von Techno, House usw. bewegen sich die Tänzer meist nur noch zu stumpfen, manchmal auch gut gemixten Tracks, die aber keine Höhen und Tiefen haben, oder nur manchmal durch besondere Merkmale wie Trommelwirbel und Bassdrum an/aus aufhorchen lassen. Diese Erkennungsmerkmale führen beim Grossteil der Masse dazu, sich nur noch an solchen Mustern zu orientieren. Die Folge dieser Formeln sind abzusehen: Wenig Bereitschaft, Neues für sich zu entdecken, statt dessen will man möglichst zum Gewohnten die Hüften bewegen, mit den Armen rudern oder mit schäumendem Mund vorm DJ stehen und ‘Weiter!’ schreien. Das führt natürlich dazu, dass es immer schwieriger wird, Neues im Ablauf des Programms unterzubringen, weil die Bereitschaft des Publikums fehlt, darauf einzugehen. Einen Austausch des Personals gibt es aber ständig, zum Beispiel durch das Ausscheiden aus dem Club- und Musikgeschehen aufgrund des Alters oder der beruflichen Situation. Deshalb ist die Aufgabe, dem Nachwuchs das von uns Erlebte wiederzugeben, besonders gross. Wir nehmen sie gerne an. ÖKONOMIE 1) Stammheim Durch veränderndes Ausgehverhalten, unterschiedliche Ansprüche und geringeres Kundenpotential ist es generell riskanter geworden, einen Club zu eröffnen, und zu machen. Die goldenen 70er/80er Diskojahre sind vorbei. 2) Distillery Sobald man ernsthaft einen Club eröffnen will, der auch eine längere Zeit laufen soll, sprich auch alle behördlichen Dinge einhalten, wird es scheisse teuer und selbst mit ESF-Fördermitteln, deutsche Aufbaubank-Startgeldern und EU-Fördermitteln kommt man nicht sehr weit. Die Distille haben wir mit super viel Eigenleistung, Schritt für Schritt aufgebaut und es ist immer eine Gratwanderung am finanziellen Abgrund,da es ungemein schwierig ist, bei DJ-Gagen zwischen 1000DM und 3000 Pfund, sowie Gema, Sozialversicherung und Steuern, den Laden immer liquide zu halten, und noch davon zu leben. Will man anpruchsvoll sein, ist es immer schwieriger als einen größeren Laden zu betreiben, wo man natürlich Abstriche in der Türpoiltik machen muss. Einen Club zu betreiben oder eine Party zu organisieren erfordern vor allem Idealismus, dann funktioniert es. 3) HD 800 Aufgrund der Tatsache, dass alleine schon das Bereitstellen von Parkplätzen mehrere hunderttausend Mark verschlingt, die Auflagen der Ämter sehr hoch sind und erfüllt sein müssen (was sich manchmal als fast unmöglich erweist), muss man die ökonomischen Voraussetzungen als katastrophal bezeichnen. BEHÖRDEN 1) Stammheim (Kassel) Der Kontakt ist gut. Wir sehen immer zu, dass Behörden informiert sind. Wenn Probleme auftauchen, versuchen wir immer, die Behörden als erste anzusprechen und zeigen generell immer Gesprächsbereitschaft. Bei korrektem Verhalten legen die Behörden keine Sheriff-Mentalitäten an den Tag. 2) Distillery (Leipzig) Der Kontakt zu den Behörden ist soweit in Ordnung. Ausser den üblichen Routinekontrollen (Hygiene, Brandschutz – was aber legitim ist) gibt es keinen Stress. Im allgemeinen sind die Leipziger Behörden ziemlich umgänglich und selbst mit dem Finanzamt kann man reden. Am Anfang der 90er, als die ganze Bürokratie noch im Aufbau war, hatten illegale Clubs noch reale Chancen, länger als ein halbes jahr zu überleben. Jetzt sind die Behörden relativ fit im Aufspüren ungenehmigter Aktivitäten. Als Hauptgrund dafür sehe ich aber weniger das Verlangen, alles platt zu machen, sondern den Wunsch, alle rechtlichen Erfordernisse einzuhalten; das Hauptaugenmerk liegt hierbei immer auf den Brandschutzbestimmungen. Selbst mit Veranstaltern illegaler Clubs wird versucht, Kontakt aufzunehmen, um zu sehen, was man machen kann, bevor der Laden geschlossen wird. 3) HD 800 (Heidelberg) Mit denen ist es nach wie vor schwierig, da Techno in erster Linie mit planlosem Drogennehmen und hirnloser Musik assoziiert wird. ‘Club’ wird eben immer noch nicht als Kulturgut anerkannt und dementsprechend nicht gefördert, sondern eher als Brutstätte subversiven Gedankengutes gesehen und daher in vielen Bereichen behindert. ZUKUNFT 1) Stammheim Neben Tanzangebot muss verstärkt auf Kommunikation der Gäste untereinander geachtet werden. Das Angebot in den Clubs kann um Dies zu erreichen, stark zugeschnitten werden oder im Gegenteil weiter geöffnet werden. Zum Beispiel durch ruhigere Musik, gepflegte Drinks, aktuelle technische Spielzeuge usw… 2) Distillery Ich denke, einen politischen Anspruch eines Clubs zu formulieren ist schwierig und gehört dort auch nicht hin. Es ist eher ein gesellschaftlicher Anspruch, den man mit einem Club erlebbar machen kann und zwar immer noch nach der einfacher Formel wie vor 8 Jahren: Peace, Love and Unity. Der Anspruch eines Clubs sollte es sein, auch in Zukunft einen Ort zu schaffen, wo sich die Leute so bewegen können, wie sie möchten, wo man Leute kennenlernen kann und wo man sich einfach wohl fühlt. 3) HD 800 Ein Club wird in Zukunft mehr denn je ein Freiraum sein, der erkämpft werden muss. Es ist schwieriger, Leute für in unseren Augen innovative Musik zu begeistern. Natürlich darf die Party nicht zu kurz kommen, zuviel Erziehung ist auch nicht gut. Kulturelle Impulse sollten insofern gesetzt werden, dass man versucht, die Musik voranzutreiben und den Besuchern ein sich ständig veränderndes Environment anzubieten (Sound, Licht und Videokunst, Raumgestaltung).

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Elektronische Lebensaspekte.