Die Red Bull Music Ademy dient hauptsächlich der internationalen Verständigung zwischen DJs und Produzenten. Diesmal versammelte man sich in Kapstadt, um kollektiv dem weit gefächterten Spektrum elektronischer Tanzmusik auf den Grund zu gehen und vor allem, um sich auszutauschen und zu feiern.
Text: Clara Völker aus De:Bug 77

Es war live und ich war dabei

Clubkulturelle Kontraste
Red Bull Music Academy

Es ist auf den ersten Blick vielleicht eine etwas absurde Idee, aus Promotionsgründen eine Schule bzw. Akademie zu gründen, assoziiert man damit doch in erster Linie unspannende und zumeist eher unnütze, dröge Weiterbildung. Bei der Red Bull Music Academy (RBMA) gestaltet sich dieses Konzept jedoch komplett anders und entpuppt sich als eine clevere und sinnvolle Marketingstrategie. Dabei ist die RBMA weit mehr als bloß ein Werbetool für ihren Sponsor, der hier zudem eher im Hintergrund präsent ist, was vor allem an dem Organisationsteam liegt, das es anscheinend spielend schafft, gleichzeitig den Geldgeber zufrieden zu stellen und seine Ideale zu realisieren. Nicht Sponsorengeklotze auf kurzlebigen Events, sondern nachhaltige Effekte mit Weiterentwicklungspotential stehen im Mittelpunkt der Academy, schließlich ist die DJ-Kultur eine eher hartnäckige Lebensform und nicht so schnell wieder bereit, sich in Luft aufzulösen.

SELEKTION
Einer der größten Pluspunkte der RBMA ist ihre Internationalität. In diesem Jahr gab es wieder zweimal rund dreißig Teilnehmer aus dreißig verschiedenen Ländern, von Russland bis Brasilien, Finnland bis Neuseeland bzw. natürlich Südafrika. Einzig Asien ist kontinentsmäßig nicht vertreten, was sich aber noch ändern kann. Aus den über zweitausend eingegangenen Bewerbungen werden die Teilnehmer nach sorgfältiger Begutachtung mittels Kriterien wie “Aufgeschlossenheit”, “Musikbegeisterung” etc. herausgefiltert und zu einem der beiden zweiwöchigen Workshops eingeladen. Bewerben können sich nicht nur DJs, sondern auch Produzenten, und wenn man zusätzlich Gitarre spielt, ist das nicht schlimm, schließlich ist ja auch elektronische Musik von Menschenhand gemacht.

DRUMHERUM
Nachdem die letzten Academies in Berlin, Dublin, New York, London und Sao Paulo stattfanden, war auch diesmal die Umgebung weise gewählt. Nicht nur, weil Kapstadt eine aufgrund ihrer Lage enorm schöne Stadt ist, umgeben von Bergen mitsamt kleinen Affen und sowohl atlantischem wie indischem Ozean mitsamt Pinguinen plus eigenwilliger aber charmanter Architektur, gerne für Werbespots und Bikinishots verwendet, sondern auch, weil dort clubmusikmäßig einiges passiert, was man u.a. aufgrund der weiten Entfernung ja nicht unbedingt mitbekommt. Neben Kwaito, einem Mix aus afrikanischer Musik mit House und Pop, ist auch House, Drum and Bass (womit gerne TV-Reportagen untermalt werden) und vor allem HipHop im Aufwind. Dass HipHop groß ist, erscheint fast logisch, schließlich wurde Südafrika bis vor knapp zehn Jahren von einem Apartheidsregime regiert, dass die Minderheit des Landes, “Whites”, gegenüber so genannten “Coloureds” und “Blacks” privilegierte, denen sämtliche Bürgerrechte genommen und die brutal in abgetrennte Bezirke verbannt wurden. Diese Townships sind z.B. durch Autobahnen abgegrenzt und somit in die Stadtstruktur eingeschrieben, weswegen es schwer ist, die räumliche Segregation, aber auch das in den Köpfen noch immer vorhandene, konstruierte Gefälle aufzulösen, nicht zu vergessen den krassen materiellen Unterschied. Im nächsten Jahr finden zum zweiten Mal freie demokratische Wahlen statt, wobei man nicht viel Auswahl hat, denn zum African National Congress (ANC) gibt es für die meisten Südafrikaner keine wirkliche Alternative, auch wenn er den immensen Problemen, die es zu bewältigen gilt, nicht ganz gewachsen scheint. Vor einem solchen Hintergrund blüht HipHop gerade in Kapstadt auf, ist es doch eine ideale Art, Relevantem ein Sprachrohr zu geben. Abseits von Ami-Rappern, die wie Talib Kweli, Black Thought oder Jeru einen auf conscious und “back to africa” machen, dann aber, wenn im “Ursprungsland”, nicht bereit sind, neben ihren bezahlten Konzerten in den Townships kostenlos aufzutreten und ihre Worte in die Tat umzusetzen, sondern lieber Chicks checken o.ä., formieren sich eine Menge Rapcrews, Breaker und auch Sprüher, die autonom an ihrem Style feilen.

BLOCKPARTY
Am Samstag Nachmittag findet in der Township Mitchell’s Plain eine von der RBMA mitorganisierte Jam statt. Die lokale DJ-Größe Ready D, umdrängt von einer Menge neugieriger Kids, spielt allerdings hauptsächlich Amistuff oder Ragga. Das liegt wohl daran, dass es kaum südafrikanischen HipHop auf Platte gibt, denn das einzige Presswerk in ganz Afrika befindet sich in Zimbabwe und ist qualitätsmäßig miserabel, weswegen man wenn überhaupt in etwas weniger schlechten Qualität in der Tschechischen Republik pressen lässt und dann reimportiert, was die Preise natürlich anschnellen lässt und weswegen es eigentlich nur CDs gibt. Zu Ready Ds Set tanzen ein paar Breaker auf der dafür vorgesehenen Matte, die jüngeren versuchen sich daneben in Handständen und anderen Moves, an den nahe liegenden Mauern sprühen ein paar Leute oder supporten die Freestyle-Session, andere chillen in der Sonne oder in dem wenigen Schatten, den es gibt, trinken, rauchen und tanzen – eine klassische Jam eben. Besonders cool ist, dass die meisten superfreundlich und erzählfreudig zu uns Ausländern sind, einige sogar kleine Liebesbriefe mit Bleistift auf Zetteln von den zehnjährigen Mädchen aus der Gegend zugesteckt bekommen. Ein lokaler HipHop-Aktivist erzählt mir über südafrikanischen HipHop: Wegen teurer Dosen gibt es nicht allzuviel Graffiti, jedoch viele Breaker, immerhin war Südafrika schon zweimal unter den ersten vier beim Battle Of The Year, Rap ist in Kapstadt eher conscious, in Johannesburg eher jiggy und insgesamt zunehmend populär (im Fernsehen gibt es z.B. eine Comedy Show mit eher mager scratchendem DJ vor jeder Werbeunterbechung) uvm. Der Vibe ist in jeden Fall sehr peacig, auch wenn die Jam nicht umwerfend gut besucht ist, was wohl an der zeitgleich stattfindenden TV-Übertragung des Rugby Viertelfinales Südafrika gegen Neuseeland liegen könnte. Um sieben Uhr abends ist die Party dann auch vorbei, denn in der Dunkelheit traut man den Townships aus Kriminalitätsgründen nicht.

HAUS
Doch zurück zur Academy, die nicht nur mit dieser Jam, sondern auch mit ihrem Programm die Umgebung einbezog, man hatte sowohl landeskundige Dozenten eingeladen als auch den Ort des Geschehens durch eine Menge lokaler Künstler verschönern und zusammenzimmern lassen. Die RBMA fand in einem schick renovierten, weißen und lichtdurchfluteten zweistöckigen Haus unweit der trendigsten Straße Kapstadts statt, wo man im Erdgeschoss eine Lounge mitsamt acht G4s zum Netz checken untergebracht hatte (was in Südafrika, wo ungefähr 8 Prozent der Bevölkerung ans Internet angeschlossen sind, die Hälfte davon es zu beruflichen Zwecken nutzt, ein schwieriges Unterfangen war), sowie Sitzgelegenheiten und Foodbar, im ersten Stock Übungsräume mit Plattenspielersets und im Obergeschoss den Vorlesungsraum, alles recht stilvoll gestaltet. Nebenan, einmal über einen kleinen Hof mit Palmen und Tischen rüber, war ein Produktionsstudio, das man mitfinanziert hatte und das über die RBMA hinaus Bestand haben wird, soviel zur Nachhaltigkeit. Für die Academy hat man eigens eine Radiostation eingerichtet, wofür man sich wohl aufgrund des monopolisierten Medienmarktes ganz schön ins Zeug legen musste, und strahlt nun einen Monat lang rund um die Uhr DJ-Sets und Interviews aus, das zur Umsichtigkeit. Zudem gab es einen hauseigenen Club – also viele Ideen, die von den Anwesenden ausgefüllt werden konnten.

BOOT
Ein Tag an der RBMA fängt für die meisten Students gegen zwölf Uhr mittags an, wobei Pünktlichkeit nach durchgerockten Clubabenden nicht unbedingt eine Tugend ist und sich die “Lectures” meistens nach hinten verschieben. Nach kollektivem Mailschreiben und Plaudern in der Foyerlounge versammelt man sich so gegen eins im obersten Raum, lümmelt sich auf die Sofas oder macht es sich auf den Sitzkissen am Boden bequem, Aufputschgetränk in der Hand und irgendein Aufzeichnungsmedium neben sich. Niemand ist hier schlecht vorbereitet, die Students z.B. nutzen die Academy gerne als Chance, um den anderen ihren Stuff in Form von Mix-CDs unterzujubeln. Für die Lectures nehmen auf der Couch frontal zu den Students zwei Leute Platz, wovon der eine die Funktion des Moderators hat und der andere folglich der Dozent ist, d.h. eine im Musikbusiness und nach Meinung der Organisatoren zu Ruhm und Ehre gekommene Person mit bildlich eigenem Kopf. Diese/r erzählt dann trocken bis sehr lebhaft Schwänke aus seinem Leben mit und um Musik, die Students fragen nach und man tauscht sich aus. Daneben gibt es auch Workshops zu Programmen wie Reason oder Live, bei allem hat Praxis Priorität vor Theorie.

YOU CAN FIND ME IN THE CLUB
Zu Musik- und DJ-Kultur gehört bekanntlich nicht nur Wissen ansammeln und verbaler Austausch, sondern auch das Nachtleben. Kapstadts Clubs wirken so ambivalent wie die Stadt an sich, die im Ruf steht, die europäischste Stadt oder auch das L.A. Afrikas zu sein. An einem Abend spielt Seiji im “Zutra”, einem schicken Laden mit gepflegtem Interieur, u.a. Broken Beats, die Anwesenden zippen ihre Getränke und bewegen sich ein wenig im Takt. Drei Häuser um die Ecke und am selben Abend hüpfen im “Uhuru”, einem Reggealaden, Rastas zu den Dancehalltunes von einem italienischen Academy-Student, hinter der Bar ein zwergenmäßig weißhaariger, verschmitzt blickender Barmann, im Hinterteil des Clubs liegen neben müffelnd an der Seite schlafenden Jungs Batzen von Gras und Dope auf den Tischen, ein verpeilt-vollgepumpter Zehnjähriger läuft mit einer Art Bauchladen, in dem pro Forma kleine Chipstüten, in Wirklichkeit jedoch große Grastüten zum Verkauf rumliegen, herum, ein kleiner Plattenladen ist angebunden. Eine komplett andere Party als um die Ecke, und solche Kontraste sind nicht nur für Kapstadt typisch, sondern auch für die Teilnehmer der Academy, die eben nur relativ homogen sind. Das Clubleben in Kapstadt lässt ansonsten zumindest im Frühjahr noch viel Platz, auch “The Lounge”, ein kleinerer Laden mit viktorianischer Cowboy-Veranda mit Ausblick im ersten Stock und einem winzigen Dancefloor, bei dem der Holzboden zu den alten Junglehits mitfedert, ist nicht gerade überfüllt, dafür aber sympathisch und vergleichsweise günstig. Ein anderer Club ist eher schick und steril, wiederum ein anderer, etwas abseits vom Clubzentrum, eher rotten, dafür aber rockend. Tja, die Sache mit den Clubs ist doch überall recht ähnlich.

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Elektronische Lebensaspekte.