Mathew Jonson mit Band in der DJ-Schleife
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 117

Hits wie “Decompression” und “Marionette” und ununterbrochenes Touren haben Mathew Jonson in den letzten Jahren zu einem der Superstars der Clubszene gemacht. Jetzt tritt seine Band Cobblestone Jazz in den Vordergrund: Nachdem das Trio im letzten Jahr mit “Dumbtruck” und “India In Me” zwei Hits hatte, ist gerade das Debütalbum erschienen.

cobblestonejazz06.jpg

Mathew Jonson versöhnte mit seinen trippigen, entrückten Techno-Tracks zwischen einem ultraklassischen Detroit-Sound und zeitgenössischem Neo-Trance die verschiedenen Generationen der Clubmusik. Die Musik seiner bereits seit 1998 bestehenden Band, zu der neben Mathew Tyger Dhula auch Danuel Tate gehören, ist nicht weniger originell: Mit elektronischen Live-Acts, die sich entweder an Rock- und Pop-Bands orientieren oder als Powerbook-Solisten arbeiten, haben Cobblestone Jazz kaum etwas zu tun.

Mathew, Tyger und Danuel spielen die klassischen elektronischen Instrumente wie aus der Roland x0x-Serie wie ein Jazz-Trio, wo die gegenseitige Dynamik und das spontane Reagieren die Spannung herstellt. Ihre Musik ist eine endlose, mitreißende Session, die mit Techno und House umgeht, als sei es Jazz oder Krautrock. Die Tracks sind roh, organisch und heterogen, trotzdem haben sie einen gewaltigen, energetischen Flow, der sich seinen Weg durch die Dancefloors bahnt. Paradoxerweise gelingt es der Band gerade durch ihre Offenheit, in den Clubs zu bestehen und die entgegengesetzten Kräfte der Dance-Crowds zu bündeln.

Räumliche Randständigkeit

Die Stücke von Cobblestone Jazz sind oft länger als zehn Minuten, ihr entkoppelter Drive passt zur in den Klängen versunkenen Clubmusik von Ricardo Villalobos oder James Holden. Aber so nahtlos sich Cobblestone Jazz’ Musik in die repetitiven Klang-Kaskaden der Clubs einfügt, so anders ist der Kontext ihrer Entstehung: In ihrer Arbeitsweise orientieren sich die drei Musiker am Jazz. Während elektronische Musik meistens im Raster des Sequenzers konstruiert wird, ist bei ihnen die Interaktion maßgeblich. Während es in der elektronischen Musik mittlerweile üblich ist, an Tracks wochenlang herumzufeilen, nehmen Cobblestone Jazz ihre Musik im Studio live auf, es gibt keine nachträgliche Bearbeitung, kein produktionstechnisches Aufmotzen der Stücke.

aaa.jpg

Ihre stilistische Eigenständigkeit ist auch Produkt einer räumliches Randständigkeit: Cobblestone Jazz haben ihren so speziellen Sound in einer der entlegendsten Städte Nordamerikas entwickelt: In Vancouver am Pazifischen Ozean, das von der Westcoast-Szene in San Francisco und Los Angeles ebenso abgeschnitten ist wie von den kanadischen Szenen in Toronto und Montreal.

De:Bug: Wie verlief die Produktion für euer Debüt-Album “23 Seconds”?

Mathew: Die ersten Sessions waren unbrauchbar. Dann änderten wir unser Vorgehen radikal und fragten uns, wer wir als Cobblestone Jazz sind, trafen eine strengere Vorauswahl im Material und konzentrierten uns auf unsere zentralen Instrumente: Danuel spielte das Fender Rhodes und den Vocoder, Tyger die MPC60 und die Roland TR-707, ich die SH-101, die TR-909 and die TR-606. Danach haben wir das Album sehr schnell aufgenommen: Es ist in vier oder fünf zwei- bis dreitägigen Sessions entstanden.

De:Bug: Worin lagen die Probleme am Anfang?

Tyger: Wir wollten auch Musik einbringen, die wir unabhängig voneinander entwickelt haben. Das hat gar nicht funktioniert, jeder hat bloß auf die anderen gewartet.

Mathew: Über die Jahre haben sich viele Ideen angesammelt, die nie realisiert wurden, weil sie auf der Bühne nicht funktionierten. Wir sind eine Live-Band. Wir haben nur in Clubs gespielt und sind so gut wie gar nicht ins Studio gegangen. Das hat die Identität unserer Musik ausgemacht. Als wir angefangen haben, am Album zu arbeiten, haben wir uns in Experimenten mit diversen Synthesizern verloren. Die Stücke wurden erst wieder gut, nachdem wir uns Grenzen gesetzt hatten und uns an unseren Livesets orientierten. Dann lief es super.

bbb.jpg

De:Bug: Wie erarbeitet ihr eine Nummer?

Danuel: Es gibt kein vorbereitetes Material. Wir fangen gemeinsam mit dem Stück an und bleiben zusammen im Studio, bis es fertig gestellt ist. Manchmal entwickelt es sich aus der Bassline, manchmal geht es mit den Drums los. Wir improvisieren, bis wir etwas haben, zu dem alle eine Verbindung herstellen können. Von diesem Jam machen wir eine Mehrspuraufnahme, aus der wir die besten Spuren auswählen. Die mixen wir dann live.

De:Bug: Wer macht den Mix?

Mathew: Ich – Tyger und Danuel spielen dazu. Wir machen keine Arrangements, alles entwickelt sich aus dem Zusammenspiel. Im Studio läuft fast alles so ab wie auf der Bühne.

Danuel: Im finalen Mix passiert noch eine ganze Menge. Während Tyger und ich Melodien entwickeln, tweakt Mathew das Drumprogramming und die Bassline. Auf der ersten Aufnahme sind hauptsächlich die basalen Drums, für die zweite Aufnahme haben wir dann meistens schon eine Idee, wohin es bei der Nummer gehen soll.

Tyger: Entscheidend ist, dass alles auf einen Rutsch passiert. Meistens verwenden wir die zweite oder die dritte Aufnahme, danach geht die Spannung verloren.

Danuel: Ja. Thelonius Monk hat seine Musik auch in wenigen Takes aufgenommen, oft hat er sich den zweiten und den dritten Take nicht mal angehört. Ihm war die Spontaneität wichtiger als die technische Perfektion. Musik ist für uns ein Verb, kein Substantiv, eine Aufnahme soll das Gefühl im Moment erfassen.

ccc.jpg

De:Bug: Setzt ihr mittlerweile Computer ein?

Mathew: Als wir in Victoria aufgetreten sind, haben wir hauptsächlich vor Leuten gespielt, die uns kannten. Das Publikum wusste, dass wir jammen und dass dieser Approach dem Zuhörer einige Geduld abverlangt. Wir spielten meistens mehrere Stunden – da waren viele Passagen nicht unbedingt langweilig, aber oft inkonsistent. Seit wir reisen, haben wir nicht mehr so viel Raum, um uns warm zu spielen. Unterwegs braucht man Material, auf das man zurückgreifen kann – etwa wenn man übermüdet ist. Mit dem Computer kann ich dann zum Beispiel eine Bassline auswählen, um von einer improvisierten Passage zu einer anderen zu gelangen.

Tyger: Wenn man nach vier Tagen ohne Schlaf auf ein jazzy House-Set reagieren soll, ist ein vorbereiteter Ausgangspunkt hilfreich.

De:Bug: Seid ihr damit zufrieden, dass ihr hauptsächlich in der Clubszene auftretet?

Mathew: Wir lieben die Energie der Clubs, genau davon handelt die Band.

Danuel: Wir machen Dance Music, wir treten am liebsten auf, wo Leute zur Musik das Leben feiern. Zu einem DJ-Set von Luciano zu passen, ist eine Herausforderung, die uns großen Spaß macht.

Mathew: Bevor wir in Europa aufgetreten sind, haben wir stilistisch vielfältigere Sets gespielt: Nach fünfzehn Minuten Techno konnte eine Jazz-Passage kommen. Lounge Sound folgte auf Drum and Bass, dann kam etwas HipHop. Wir hatten immer auch Gäste auf der Bühne. Wenn ein Saxophonist auftrat, konnten die Drums komplett verschwinden.

Techno oder Ärger

De:Bug: Welche Aspekte eurer Musik vermitteln sich der Dance-Crowd am besten, was ist am schwierigsten rüberzubringen?

Tyger: Wir nehmen die Energie der Crowd auf, aber ein Track, der am Abend zuvor bestens funktioniert hat, kann die nächste Nacht überhaupt nicht gut angekommen.

Mathew: Jedes Publikum ist anders. Auch die Länder spielen eine Rolle: In Deutschland kommen Vocals nicht gut an, in England kann man Breakbeats mitten im Technoset spielen, die Argentinier wollen schnellen, harten Techno hören – sonst wird man da angepöbelt. Tatsächlich habe ich solche Musik, von James Ruskin etwa, jahrelang als DJ gespielt, aber als Band ist man nicht so variabel.

De:Bug: Wie ist euer Verhältnis zum Jazz?

Tyger: Ich habe fünfzehn Jahre lang aufgelegt. Ich habe mit House und Techno angefangen und bin das ganze Spektrum zurückgegangen bis zum Funk und dann zum Jazz. Mich begeistert der Blue-Note-Sound aus den siebziger Jahren und Louis Mitchell, Donald Byrd und ganz besonders Eddie Harris.

Danuel: Natürlich begeistert uns die Zeit, als die elektrischen Instrumente wie das Fender Rhodes aufkamen, aber der neo-klassische Jazz eines Wynton Marsalis interessiert uns auch.

Mathew: Danuel und ich sind jazz-trained, Tyger ist Musik-Kenner. Wir agieren wie ein Jazz-Trio: Unser Zusammenspiel ist immer ein Dialog. Wenn einer die Führung übernimmt, treten die anderen zurück. Was aber unjazzig an uns ist: Bei uns ändert sich über lange Zeit hinweg gar nichts, das haben wir vom House und Techno, manchmal erinnern wir auch an eine Funk- oder Reggae-Band.

Musik für DJs

De:Bug: Obwohl Jazz für euch so wichtig ist, benutzt ihr ausschließlich elektronische Instrumente.

Tyger: Wir gebrauchen die Technologie, um die Sounds zu erzeugen, aber nicht für das Sequencing.

Danuel: Durch die ganzen Geräte gibt es den technologischen Aspekt. Natürlich denkt man darüber nach, was man mit diesem Synthesizer oder jenen Effekt machen könnte – aber im Studio geht es um die Interaktion und um die gegenseitige Inspiration.

De:Bug: Es ist charakteristisch für eure Musik, dass es keine typischen Breaks, Übergänge oder Zwischenpassagen gibt…

Mathew: Tatsächlich sind die Übergänge das Schwierigste … wie man von einer Passage zu einer anderen kommt. Entweder man verwendet ein untonales Element oder man lässt nur die Drums stehen. Aber wenn es eine Bassline und viele Melodien gibt, wird es tricky. Wenn einer die Harmonien wechselt und die anderen nicht drauf einschwenken, klingt es schief. Wir haben diese Probleme, weil wir nicht arrangieren. Da bin bloß ich, der – im besten Fall – spürt, wann die Bassline rausgehen sollte oder das Keyboard reingehen.

De:Bug: Warum sind eure Stücke so lang?

Tyger: Wir machen Musik für DJs. Zugleich sind wir oft auch in der Interaktion gefangen und können nicht zum Ende kommen.

Mathew: Ganz besonders ich verliere mich gerne in der Musik. Wenn ein Abschnitt gut ist, darf er lange andauern. Am Anfang hatten wir oft eher zu viele Elemente. Dabei muss die Musik gar nicht so kompliziert sein. Man denkt immer, man müsste mehr machen – statt dem eigenen Gespür, den eigenen Emotionen zu vertrauen.
http://www.myspace.com/cobblestonejazzmathewjonson

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.