Der Themenpark der Casady-Schwestern
Text: Chris Köver aus De:Bug 111


Für das Schwesternpaar Casady ist das Leben ein Themenpark, den man selbst inszeniert. Mit “The Adventures of Ghosthorse and Stillborn” baut es an seinem märchenhaften Musik-Universum weiter, das sie mit dem Hitalbum “Noah’s Ark” entwarfen.

Adam Green ist der Liebling aller schwachnervigen Folk-Hörer, die sich gerne das moderne Antifolk-Etikett anheften, ohne auf eine ordentliche Prise ganz altertümlichen Art&Garfunkel-Geschmuses verzichten zu müssen. CocoRosie stehen genau am anderen Ende des Anti-Folk-Spektrums. Nur für Menschen mit starken Nerven. Mit ihrem queer-burlesken Auftreten und ihren psychedelischen Musical-Versponnenheiten treffen sie aber genau ins Exotik-Bedürfnis von tomboy’ischen Literatur-Studentinnen bis zu damenhaften Etepetete-Modemarken wie Kenzo und Escada, die CocoRosie-Musik in ihren Werbeclips einsetzten. Und auch die Nerds dieser Welt rennen seit CocoRosies Hitalbum “Noah’s Ark“ von 2006 nicht mehr geschlossen hinter Barbara Morgenstern her.

Bianca (23) und Sierra Casady (25) sind auf den ersten Blick ein ungleiches Schwesternpaar. Die eine trägt einen blonden Mohawk, weite Hosen, hat mehrere Piercings und Tätowierungen. Die andere hat die dunklen Haare brav zum Pferdeschwanz zurückgebunden, trägt eine adrette Bluse und sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen.

Wer die beiden kennt, weiß allerdings auch, dass sich das sehr schnell wieder ändern kann. Auf vergangenen Photos posierten die Casady-Schwestern schon als Macho-Prolls mit Haarnetz und hochgerolltem Hemdärmel, als verträumte Indianer-Squaws oder als Hippie-Mädchen mit aufgemaltem Schnurrbart.

Als CocoRosie machen sie seit vier Jahren gemeinsam Musik. Zwei Alben haben sie schon herausgebracht und wurden damit zu Lieblingen der Neo-Folk-Szene. Jetzt kommt das dritte, “The Adventures of Ghosthorse and Stillborn“. Darauf hat sich nun wiederum nicht besonders viel geändert. Gespielt wird nach wie vor auf fast allem, was Geräusche macht, vom Klavier bis zur Fahrradklingel. Bianca krächzt mit kindlicher Stimme ihre Texte, Sierra singt dazu im Opernstil. Und immer noch handeln die Texte von Regenbogenkriegern, Zauberpferden, Sonnenuntergängen und ähnlichem Kitsch. Das alles hört sich zusammen ziemlich gut an.

Wenn man euch auf der Bühne sieht, hat man den Eindruck, eure Bühnenshow sei euch sehr wichtig.

Bianca Casady: Während wir unsere Lieder komponieren und aufnehmen, denken wir noch nicht darüber nach, wie wir sie auf der Bühne darstellen. Das ist ein zweiter kreativer Prozess, der erst folgt, wenn die Lieder fertig sind. Aber wenn man auf der Bühne steht, muss man die Musik auch visuell präsentieren. Wir spielen ja nicht hinter einem Vorhang. Obwohl ich mir das manchmal gewünscht hätte, besonders während der ersten Tournee.

Wieso?

Bianca: Ich wollte, dass die Musik für sich steht. Außerdem habe ich anfangs keine Verbindung zwischen meiner Musik und meinem Körper hergestellt. Die Musik kam von einem inneren Ort und stand in keiner Beziehung zu meinem Äußeren.

Ihr verkleidet euch gerne. Was haben diese Rollenspiele zu bedeuten?

Bianca: Uns ständig neu zu erfinden, ist einfach unsere Art, uns auszudrücken. Die Musik und unsere Kleidung sind nur die Folge daraus. Sie sind die Mittel, durch die wir uns neu definieren.

Und das Spiel mit den Geschlechtern? Wenn ihr euch zum Beispiel Schnurrbärte malt?

Sierra: Wir tun das nicht nur auf der Bühne, sondern auch im alltäglichen Leben. Was man auf der Bühne sieht, ist eine ziemlich gute Momentaufnahme unseres Alltags.

Das heißt, ihr tragt die Bühnen-Outfits genau so auch auf der Straße?

Beide: Absolut.

Wie muss man sich das vorstellen? Steht ihr morgens auf und überlegt euch: Heute fühle ich mich nach Schnurrbart?

Sierra: Das kann sich von Tag zu Tag oder sogar von Stunde zu Stunde ändern. Meistens gehen wir aber durch Phasen, die einige Wochen oder sogar Monate andauern. Das betrifft dann nicht nur unsere Kleidung. Wir schaffen uns in diesen Phasen eine ganze imaginäre Welt mit bestimmten Themen und Farben.

Durch welche Phase geht ihr im Moment?

Bianca: Ich habe das Gefühl, dass ich vom Geist eines französischen Soldaten aus dem ersten Weltkrieg besessen bin. Sierra war während der Aufnahmen zu dem Album stark von zwei Siamesischen Zwillingen beeinflusst, wir nennen sie die blutigen Zwillinge. Vielleicht sind sie Witwen, auf jeden Fall sehen sie immer aus, als würden sie trauern.

Diese Charaktere stellt ihr auch auf dem Cover des neuen Albums dar.

Bianca: Das Gefühl kam ungefähr um die Zeit herum auf, als wir die Bilder für das Albumcover gemacht haben. Seitdem hat es sich noch weiterentwickelt und gewandelt.

Gibt es Vorbilder aus der Kunst oder Literatur, die euch zu euren Rollenspielen inspiriert haben?

Bianca: Um ehrlich zu sein habe ich schon seit einer Weile kein Buch mehr gelesen. Die meisten Bücher können meine Aufmerksamkeit nicht halten. Die einzigen Geschichten, die es können, sind lustigerweise die, die ich schon als Kind gelesen habe. Ich lese viel Roald Dahl (The Witches, Charlie and the Chocolate Factory). Bei Sierra ist es ähnlich. Sie mag die Chroniken von Narnia.

Was haltet ihr von anderen Künstlern und Bands, die auf der Bühne und in ihrer Musik mit Geschlechterrollen spielen, zum Beispiel Le Tigre, Peaches oder Antony and the Johnsons?

Bianca: Ich denke, dass alle erwähnten Künstler sehr frei mit ihrer Identität umgehen. Aber das ist nicht notwendigerweise als politisches Statement gedacht. Sie spielen diese Rollen nicht nur für das Publikum und auf der Bühne. Sie zeigen dort einfach das, was sie auch im alltäglichen Leben sind. Es ist eine authentische Darstellung ihrer selbst.

Ihr habt eure Musik einmal als “utopisch“ bezeichnet, weil die Trennung zwischen den Geschlechtern, den verschiedenen Ethnizitäten und sozialen Klassen darin keine Rolle mehr spiele.

Bianca: Uns ist die Idee der Freiheit sehr wichtig. In unserer Musik versuchen wir vor allem, verschiedene Geschichten zu erforschen. Wenn wir das auf der Bühne mit anderen teilen, dann ist das kein politisches Statement, sondern eine Einladung an andere, es uns gleichzutun. Es soll die Menschen dazu ermutigen, sich jenseits der Grenzen von Kultur, Geschlecht oder sozialer Klasse auszudrücken.

Das hört sich nach einer feministischen Idee an. Gleichzeitig betont ihr, dass ihr im Gegensatz zu zum Beispiel Le Tigre keine feministische Band seid.

Bianca: Das Konzept des Feminismus scheint uns einfach nicht angemessen. Der Begriff ist ein Widerspruch in sich. Für mich liegt ein Großteil des Problems in der Trennung zwischen Männern und Frauen. Der Feminismus baut aber nach wie vor auf dieser Trennung auf …

Sierra: … und trägt damit dazu bei, diese Trennung aufrechtzuerhalten. Das wollen wir in unserer Musik nicht tun.

Ihr werdet als Teil der neuen Folk-Szene gehandelt. Während ihr aber viel mit digitalen Verfahren und Samples arbeitet, verwenden einige der anderen Musikerinnen und Musiker, die unter diesem Label laufen, hauptsächlich traditionelle akustische Instrumente. Seht ihr das als Rückschritt?

Bianca: Wir finden es nicht schlimm, dass wir zu dieser Szene gezählt werden. Aber ästhetisch fühlen wir uns damit überhaupt nicht verbunden – gerade weil sie uns so rückwärtsgewandt erscheint. Joanna Newsom sehe ich da als Ausnahme. Ihre Texte und ihre Kompositionen sind so komplex, dass ihre Musik in meinen Augen auch dann fortschrittlich ist, wenn sie traditionelle Instrumente verwendet.

Was glaubt ihr, wieso ihr zu dieser Szene gezählt werdet?

Bianca: Ich vermute, das liegt am Timing. Ich beschreibe uns gerne als kleine Küken, die alle im selben Frühling geschlüpft sind. Aber seitdem sind wir alle auf sehr unterschiedliche Weisen aufgewachsen.

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Elektronische Lebensaspekte.