Zwei rastlose Nomadinnen auf Geistesreise
Text: Philipp Rhensius aus De:Bug 142

CocoRosie sind Schwestern, sie operieren am liebsten im Zwielicht und hantieren mit Versatzstücken aus HipHop, Rock, Opern und Folk wie Kinder mit Bauklötzen. Im Gespräch zum neuen Album “Grey Oceans” geht es dann um Wurzellosigkeit, XXX-Kultur und Tarotkarten.

Sierra und Bianca Cassady vereinen eine Menge Widersprüche in sich, nicht nur musikalisch. Im Moment drücken sich so tief ins Sofa des Labelbüros, dass man sich unwillkürlich wie ein Eindringling vorkommt. “Das liegt nur daran, dass wir zuviel Kaffee getrunken haben”, versichert Bianca, die Ältere der beiden. Doch ganz nimmt man ihr das nicht ab, das Künstlerimage wird ein bisschen zu offensiv ausgestellt. Beide tragen bunte Filzhüte, Bianca obendrein einen künstlichen Ziegenbart und plakativ maskuline Klamotten. Das demonstrative Gelümmel quer übers Sofa und absurd lange Pausen zwischen Frage und Antwort runden das Bild ab.

CocoRosies Erscheinung und Musik nährt sich von Beginn an aus einer hippiesken Naturverbundenheit und spiritueller Esoterik, die zwischen den Antipoden einer grenzenlosen Infantilität und bleischwerer Melancholie “erwachsener” Ernsthaftigkeit hin-und hertaumelt wie ein manisch Depressiver. Dabei klingt “Grey Oceans” reifer, durchdachter, gleichzeitig aber auch unbefangener als die bisherigen Alben. Wie schafft man es, zwischen den verschiedenen Modi hin- und herzuschalten? “Für uns existiert die Unterscheidung von erwachsen und kindisch einfach nicht. Wir mögen dieses XXX-Ding nicht.” Die Schwestern lachen ausgiebig. Wie bitte? “Diese XXX-Kultur, die es in den ganzen Videotheken und so gibt.”

Das Kindsein ist ein beliebtes Thema der beiden, als Kinder waren sie nie wirklich sesshaft und reisten ständig mit Mutter oder Vater durch die Weiten des mittleren Westens. Nomadisch sind sie auch heute noch, so ist das neue Album an fünf verschiedenen Orten entstanden, darunter Buenos Aires und Melbourne. “Es hilft sehr, an verschiedenen Orten aufnehmen zu können. Wir ziehen es vor, nicht immer nur an einem Ort zu bleiben. Wir haben keine feste Wohnung und sind ständig auf Reisen, wir sind wurzellos.

Unversehens springt Bianca auf und holt Tarotkarten. “Los, du musst drei ziehen”, drängt sie mich. Mit akribischer Leidenschaft beginnen die Schwestern die durchgehend beängstigend finster wirkenden Bilder zu interpretieren. Dabei schauen sie sich immer wieder gegenseitig an, überlegen, knobeln konzentriert an der Auslegung meiner Schicksalskarten. Schön zu hören, dass die zwei Totenkopf-Hälften, die meine Gegenwart repräsentieren, nicht lebensbedrohlich sind. “Aber du solltest deine denkende, praktische und deine kreative Seite besser in Einklang bringen.”

Bianca fixiert jetzt beim Sprechen ständig wechselnde Punkte im Raum, als ob sie mit offenen Augen träumen würde. Derweil erklärt Sierra den Albumtitel und dass das Zwielicht ein zentraler Begriff vieler Songs sei. “Wir mögen die Idee, völlig aufzugehen im Zustand verschiedener Bewusstseinsebenen, bei denen man nicht wirklich schläft, aber auch nicht ganz wach ist. Wir lieben es, in der Natur zu sein, wenn die ganze Welt noch schläft und die Tiere beginnen, miteinander zu kommunizieren und ihre eigene Form von Musik machen”, ergänzt Bianca und bringt CocoRosie damit auf den Punkt. Zwei Frauen, die der Welt zeigen, was die meisten Menschen nicht zu sehen imstande sind, da sie sich an einer kollektiv legitimierten Realität festklammern. Der sich CocoRosie logischerweise genauso verweigern wie einer festen Identität.

“Grey Oceans” ist auf Souterrain Transmissions/Universal erschienen.

http://www.souterraintransmissions.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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