Der vom Hip Hop-Macker-Saulus zum korrekten Sonic Fiction-Paulus gewandelte Common kurvt mit seinem Album ”Electric Circus“ zwischen Sun Ra, Jimi Hendrix und Wassermann jenseits des normalen Rap-Highways.
Text: Uh-Young Kim aus De:Bug 69

Wo noch nie zuvor ein Rapper ist gewesen
Common

Anfang des Jahres entbrannte auf einen von DJ Spooky weitergeleiteten Beitrag mit dem Titel ”Fuck HipHop“ eine Diskussion auf der nettime-Liste. An ungewohnter Stelle ging es um die gewohnte Frage nach dem Status Quo des totgesagtesten und zugleich erfolgreichsten Genres der Popkultur. Zwischen aktuellen Diskursen (Globalisierung, etc.) und Die-Hard-Fantum (”Ich bin auch DJ“) verfranste sich der Reply-Battle mit der Einsicht, dass eine Verallgemeinerung wohl nicht möglich ist. Auch hier erschloss sich die Mythologie vom Tod einer Musikkultur entlang der Schwarzweißmalerei von Gut und Böse, Erneuerern und Mördern, Underground und Mainstream, Innovation und Standardisierung. Der Tod duldet keinen Widerspruch, er soll Grenzen ziehen und Klarheit bringen. Nach ihm warten auf die ganz frommen Jünger quasi religiöse Heilsversprechen inklusive Wiederauferstehungen. Im HipHop-Sprech heißt das ”Next Level“. Dass jene Gegensatzpaare nicht so einfach mit dem Hackbeil voneinander zu trennen sind, zeigt sich alleine schon daran, dass des einen Kreativität auf dem ”Next Level“ des anderen Ruhestörung an der Zimmerdecke sein kann. Der Raum der Ebenen gleicht mittlerweile eher dem multidimensionalen Spielfeld von Q-Bert im Freispiel-Modus als einem Hochhaus, in dem das Wegbrechen eines Stockwerks gleich den totalen ”Game Over“ herbeiführt. Im postmodernen Gewühl ist es nur mehr eine Frage der Perspektive, ob ein Genre deswegen für tot erklärt wird, weil es keinen Platin-veredelten Hit gibt, oder weil es sich in 500er Auflagen vergräbt.

Erykah steht nicht auf Homophobia

Common kennt sich auf diesem Feld gut aus, hat er es doch seit seinem Debüt ”Can I Borrow A Dollar?“ (1992) ständig beackert. Passend schuf er auf seinem zweiten Album ”Resurrection“, das ihn 1994 als kulturellen Reanimator aus Chicago einführte, mit ”I Used To Love H.E.R. (HipHop Equals Rap)” das allegorische Requiem an die Kunstform, die ausgenutzt im Sterben lag. De La Soul waren so angetan von dem ambitionierten Geschichtenerzähler mit dem Hang zum Seelenstriptease, dass sie ihm mit dem damals ebenso unbekannten Mos Def eine Mitfahrgelegenheit in den Mainstream boten, aber so richtig durchgesetzt hatte er sich auch danach noch nicht. Commons drittes Album ”One Day It’ll All Make Sense“ (1997) ist aus heutiger Sicht als selbst erfüllende Prophezeiung zu lesen. Trotz des schon zu diesem Zeitpunkt nostalgischen Native-Tongue-Styles scheint es, als ob er seinen ganz großen künstlerischen Millenniums-Wurf in paradiesischem Glauben auf ein besseres Leben nach Puff Daddy voraussah. Im Geiste von Afrofunk-Legende Fela Kuti und mit Hilfe des elaborierten Muckertums der Philadelphia-Roots-Connection nahm er ”Like Water For Chocolate“ auf und unterzog HipHop einer Frischzellenkur – handgespielt, reflektiert, historisch bewusst und so über allem erhaben, dass bei mir ein erstes Unbehagen aufkam. Wie kann der Typ alles richtig machen? Als ihn die Pflichten des globalen Stars auf Tour nach Köln führten, ließ er uns erst lange warten und dann ohne ein Wort sitzen, weil die Rassisten bei der Grenzpolizei nicht mit selbstbewusst auftretenden schwarzen Musikern umgehen konnten. Dafür tauchte er beim Konzert von Erykah Badu auf, um sich mit seiner sehr berühmten Geliebten auf großer Bühne anzuschmachten, dass sich manch einer von der Show der echten Gefühle peinlich berührt abwandte. Als größtes Hindernis in der Ausweitung seines Wirkungsradius entpuppte sich das in Interviews und Texten offen verbalisierte Schwulen-Bashing. Wie auch beim 8-Mile-Eminem und dem gezähmten Kool Savas war klar, dass sich der neue Common vom Homophobie-Stigma zusammen mit der misogynen Bitch-Queen-Metaphorik des Eierschauklers, die besonders Erykah nicht gefallen haben dürfte, als erstes distanzieren würde.

Erleuchtete Glatze

Ein paar Musikfernseh-Hits später scheint er angekommen zu sein. Die Wandlung vom hypermaskulinen Underdog zum progressiven Netzwerk-Nukleus, vom rappenden Angeber zum messianischen Prediger, vom einsamen Wolf zum politisch korrekten Panther ist vollbracht. Sein letztjähriges Duett mit Badu – ”Love Of My Life“ – war eine Fortsetzung von ”I Used To Love H.E.R.“, in der er die Notwendigkeit von Zugeständnissen an die Industrie für seinen Erfolgsdrang legitimierte. Und jetzt so ein Album – ”Electric Circus“. Der Titel ruft hierzulande in schwarzlichtgetauchte Hippie-Goa-Szenarien hervor, das Cover mutet wie ein ”Seargent Pepper’s“ der Black Music an, zitiert aber eher die Friends&Family-Collage von A Tribe Called Quests ”Midnight Marauders“ und könnte stilistisch glatt von Diedrich Diederichsens Afrofuturismus-Reader ”Loving The Alien“ inspiriert sein. Vor der versammelten Sippe inszeniert sich Common mindestens als Moses, mit Isaac-Hayes-Chef-Bart und erleuchteter Glatze. Seine Posse ist kein bedrohlicher Mob, sondern die bunte, lebensbejahende Bohème des Black Pop, die mit dem Mode-Bewusstsein aus der ersten Hälfte von Spike Lees ”Malcolm X“ und der politischen Consciousness aus der zweiten ausgestattet ist.

Für die Produktion zeichnet das Soulquarian-Team um den Jaki Liebezeit des HipHop Ahmir Thompson, Detroits Beatkubist Jay Dilla und den Nu-Soul-Komponisten James Poyser verantwortlich. Seit Mitte der Neunziger arbeitet das Philadelphia-Kollektiv erfolgreich an der Übersetzung von Black Pop in die Gegenwart. Waren es bisher klassischer Soul und Afrofunk, die mit musikalischer Sophistication besonders Rap wieder belebten, dreht sich das historische Recycling auf ”Electric Circus“ um ein paar Zyklen weiter. Gemäß den psychedelisch futuristischen Verbindungen des Covers klingt es, als ob Sun Ra, Jimi Hendrix und der Wassermann persönlich Paten für das Album gestanden hätten. Die Sonic Fiction, die ”Electric Circus“ in seinen besten Momenten entwirft, führt ins Jenseits der Straße. Sie verlässt den zentralen semantischen Ort für HipHop auf einem schwebenden Bataillon aus Vintage-Synthesizern gen Weltall, taucht mit nassen Drexciyanischen Snares tief unter den mythischen Meeresspiegel nach Atlantis, und wenn Laetitia Sadier von Stereolab sirenenhaft den Refrain der ”New Wave“ anstimmt oder gar Prince ein laszives Feuer aus dem Moog zaubert, werden die Sphären eins.

Bodenhaftung statt Broadway

Für die Bodenhaftung sorgt aber doch noch der Meister selbst. Zwar mag sich sein geschmeidiger Flow in den klanglichen Exodus einfügen, aber die Texte sind so straight HipHop, dass Beats und Rhymes manchmal um Lichtjahre voneinander entfernt scheinen. Wenn die großen Soul-Themen Liebe und Sex nicht gerade spirituell überhöht werden, gilt Commons Blick dem irdischen Leben – dem Leiden, der Gewalt und der Revolution. Am deutlichsten wird diese Diskrepanz in den HipHop-Rettungs-Stücken, die seit jeher Commons Spezialfach sind. Das Produzenten-Team aus Virginia Beach, das mittlerweile den Hit-Maschinen-Status von Motown erreicht hat, liefert auch die eingängige R’n’B-Formel für das Rotations-Duett mit Mary J. Blige, welches ausschlaggebend dafür gewesen sein dürfte, dass MCA grünes Licht für dieses ansonsten Grenzen sprengende Album gegeben hat. Es scheint, als ob Common einerseits hoch hinaus wolle – nämlich in die elektronische Galaxis, wo noch nie zuvor ein Rapper gewesen ist -, uns dabei aber immer noch weismachen möchte, dass er der alte Haudegen geblieben sei, um auch im Mainstream, wo die Ernte für Fleiß und Entbehrungen wartet, Kredibilität zu wahren. Ein Subtext der Rechtfertigung zieht sich durch die Texte: Avantgarde aber Street, kommerziell aber original und verantwortungsbewusst trotz Coca-Cola-Spot.

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Elektronische Lebensaspekte.