Text: Nico Haupt aus De:Bug 44

In den letzten Wochen gab es einige Unruhe, was wohl eine vermeintliche “Neuordnung” des Internet zu bedeuten hat. Ausschlaggebend war ein Prozessurteil in Frankreich, was sich auf angebliche Zonenindexierungsprogramme berufen hatte, um bestimmte Nationen bei yahoo-Auktionen auszuschließen. Dennoch gibt es verschiedene technische Grundlagen, um dieses Thema aufzudröseln.

Die Internetkartierung
Etwas umstritten ist die neue Monopolisierung der Anmeldestellen von IPs, die nun fast fähig sind, neuere Domains auf Kontinent und Land zurückzuverfolgen. Dazu gehören auch die neuen Top Level Domains (TLDs) wie .museum oder .coop. Eine etwas unkommerzielle Einheit, die sogenannte “Kartierung” wohl gernstens befürworten würde, zeichnet übrigens lieber heimlich auf: Das National Infrastructure Protection Center des FBI mit ihrem Lieblingsmitarbeiter John Vranesevich (Ex-Hacker von AntiOnline.com). In diesem Zusammenhang ist vielleicht interessant, dass eine der Ablehnungen neuerer Domainendungen bei der ICANN .geo war. Der Vorschlag stammte von einer Firma namens Menlo, die weiterhin an einer Stadtkartierung arbeiten. Andere Software-Fimen bieten vermeintliche IP-Sniffer an. Es gibt auch simple Scripts, mit denen man etwa bestimmte IPs tatsächlich beim Einloggen “umleiten” kann. Natürlich spielen auch die Cookies dafür weiterhin eine Rolle.

Die TCP/IP Einloggung
Einige Provider unterstützen bereits diesen neuen Protokollstack. Das sogenannte IvP6-Forum fördert seit einiger Zeit eine technische IP-Adressenwerweiterung auf 128Bit, was faktisch heisst: 3,4 2 10 hoch38 Adressen. Das macht Sinn, weil trotz der letzten dotcom-Pleiten (30 000 Entlassungen: 2000), die User, Webseiten und Programme nach wie vor drastisch zunehmen, zuletzt zählte Nielsen Ratings 70 Millionen Surfer. Einen aktuellen Beweis liefern nach wie vor auch die Zahlen von tucows oder download.com. Dem neuen Orientierungsswahn kommt auch die Demokratisierung von China gerade recht. Nicht nur Schriftzeichen sollen in den Browser bald eintippbar sein, man erwarte sich auch eine hohe Prozesswelle, wenn etwa Dialektformen das Domain Grabbing auf asiatisch komplizieren. Die Kommerzialisierung von China ist domaintechnisch immer noch gespalten. Es gibt com und cn.coms. US-Keyboards brauchen zudem zusätzliche Treiber, um die Zeichen auf den chinesischen Webseiten lesen zu können. Nach wie vor ist jedoch die Anonymität gewahrt. Wer sich nicht auskennt, kann auf Dienste wie anonymizer zurückgreifen. Das Net geht dennoch in die nächste Entwicklungsstufe, die Maschinisierung von verteiltem Rechnen, FileSharing oder (ganz klassisch) als riesige Bibliothek wird weiter ausgebaut. Rein ökonomisch gesehen, wird es eventuell sogar als verlängerter Arm neuerer Witschaftstrends dienen. Dazu gehören mehrere Gebiete, von denen wir wohl verstärkt in den nächsten Wochen hören werden, am schnellsten momentan halt über Netz:

Roboterdesign
Abgesehen von seinen virtuellen Vertretern im Netz (siehe botspot.com) werden Haushalts-, Spiel- und Industrieroboter langsam durchdesignt. IRobot sorgt für den chiceren Botto im Haus, das Robotics Institute in Carnegie baut an Robotern, die Gesichter wiedererkennen können, das Humanoid Interaction Lab in Japan schließlich feilt an Interaktionen zwischen Humanoiden und Menschen an sich. Niedlich auch die ökologische Variante von Stuart Wilkinson (UNI Tampa), die den Gastrobot gebaut haben. Der kann essen und wandelt den Zucker der Nahrung über “eingebaute” Bakterien in elektronische Energie um. Mahlzeit!

Bionik und Gehirn-Interfaces.
Der Traum von “bionic woman” bleibt wohl noch einige Jahre aus, aber die Bestandteile nehmen weiter zu. Im Sauseschritt bastelt Andi Schwartz (Arizona UNI) an bionisch neuronal gesteuerten Armen, Miguel Nicolelis (Duke) experimentiert mit Neuronen im Hirn herum, um Bewegungsbilder zu erforschen, und Marc Madou (Ohio) hat gerade neue künstliche Muskeln gebaut.

Mikrophotonik und adaptives Programmieren
Wavelength Division Multiplexing (WDM) oder optischer Richtfunk schlafen nicht. Das Netz der Zukunft befindet sich schon an mehreren Städten der Welt in experimentellen Stufen. Entscheidende Rolle über die Markteinführung eines Ultraschnellnetz wird der Entwicklungsstand der photonischen Kristalle liefern. Ganz vorne liegen hier Susuma Noda (Kyoto), Nanovation (Miami), UCLA oder Clarendon Photonics (Boston). Die nächste Programmierungsstufe steht bevor. Im Juni kommt nun offiziell AspectJ, eine Untervariante von Java heraus. Schon länger spricht man vom “subjektiven Programmieren”, vielen Technikern wird eingebleut, nur ja nicht zu vergessen, den Trace (Rückverfolgungsspur) “einzubauen”. Was für den einen vielleicht nur sein Copyright oder vereinfachte Automatisierung bedeutet, haben Quantenkryptographiker überhaupt nicht mehr im Sinn. Sie wurschteln am ultimativen unüberwachbaren Code, sozusagen die 1:1 Kommunikation.

Aging auf dem Mars
Dann haben wir ja noch den Themenkomplex “Aging”, der die Wissenschaft des verlängerten Lebens an sich umfasst. Neben neurochirurgischen, bionischen oder nanotechnologischen Ansätzen gibt es da noch die Minimalism-Variante: “Finde einfach das Gen zum Leben an sich!” Was oft nur Spekulation war, ist seit Entschlüsselung einiger DNAs nun bewiesen. “Indy” ist ein lokalisiertes Gen in der Fruchtfliege (drosophila melanogaster), die durch Manipulation, zumindest in der California Institute of Technology in Pasadena, die Fliege doppelt so lange leben lassen konnte.
Dass Menschen bald auch auf dem Mars leben können, davon ist wenigstens die Marsscociety.com überzeugt. Als Konkurrent zur NASA wird in diesem Sommer ein Betrieb einer Mars-Station im Haughton-Krater auf Devon Island in Kanada getestet, Freiwillige werden noch gesucht. Vielleicht lässt sich ja eine Mars Brother Variante von Endemol finanzieren?

Security meets MPEG 4
Security bleibt ebenfalls weiter ein heißes Eisen, besonders auf den Rechnern, die ständig (24/7) online sind. Viele Killerapplikationen nehmen nun an Doppeldeutigkeit in ihrem Namen zu. Bekannt ist schon länger, dass trojanische Programme sich über ungestartete Messenger einnisten können, zuletzt war das wieder bei AIM (von AOL) im Gespräch. Die Paranoia nimmt also weiter zu und mit ihr die Verarsche (Hoax). Beliebt wurden die Messengers erneut zuletzt durch neue MP3 Open Nap Varianten. Auch MPEG 4 geht in die nächste Generation. Diese Komprimierungstechnik ermöglicht, immer wieder auftauchende Gegenstände auf einen Code zu reduzieren, so dass man quasi “Standobjekte” hat. Im Video wäre das etwa ein ständig statisches Sofa oder eine gleichbleibende Figur, die ähnliche Bewegungsabläufe hat. Phillips hat dazu ein Pay per View Programm entwickelt, das einen Fußball etwa unsichtbar ausrendert und erst auf Druck eines Pay-Buttons erscheinen lässt. Vorerst gibt es diese merkwürdige Variante jedoch nur in den Niederlanden.

2001 ist auch das Jahr der Spielekonsole. SEGA wird wohl bald Vergangenheit sein, während Sony Playstation nun seit Anfang des Jahres mit Nintendo gegen Microsofts X-Konsole kämpfen muss. Ob mit oder ohne Internetzugang, weiter wird um originelle Inhalte gekämpft.

Wireless
Am Schluss noch der Hinweis auf die Internet World Wireless, die vom 21.- 23. diesen Monats in New York stattfindet. (Cool wäre es für Europäer, ein Yahoo Taxi dafür zu erwischen, um mit deren Messenger während der Fahrt zu spielen)! Die Cell Phone- und PDA-Hersteller haben dafür schon kräftig die Ärmel hochgekrempelt. Egal wie stark M-commerce belächelt wird, der Markt für wireless Geräte macht auch ohne viel eShopping viel Sinn. Zuletzt gab es dazu noch einen spektakulären Kauf vom PDA-Hersteller Handspring, der Bluelark, eine Browser Firma, gekrallt hat. Ebenfalls eventuell vor Ort: Parthus Technologies, die an ersten Designstudien von wireless MP3 arbeiten. Ob NTT in den USA mit viel Wirbel oder eher ruhig auf ihre Konkurrenztechnologie (iMode) zu WAP dort aufmerksam machen werden, bleibt abzuwarten. In Tokyo gibt es übrigens auf dieser Basis seit Ende letzten Jahres Videophones des Dienstes “eggy” (PHS), etwa 20 Pfennig die Minute (4 DM Monatsgebühr), einer der heimlichen Kooperationspartner von NTT: Microsoft Windows Media und AT&T. Beide wussten jedoch angeblich nichts voneinander. NTT baut derweil weiter ihre Dienstleistungen aus. Zuletzt hatten sie im Januar den weltweit ersten Internetdienst für Cell Phones auf Basis von Java in Betrieb genommen. Natürlich in erster Linie für weitere Spiele. Wireless macht auch weiterhin Sinn für Video Streaming (35 Millionen User lt. Nielsen). Für Kabel-, DSL- oder Intranetkunden ist die Qualität fast kaum noch zu bemängeln. War in New York und weltweit noch zuletzt WE LIVE IN PUBLIC ein Kultinsider-Hit wegen der verrückten interaktiven Chatter aus Kanada, China oder Malaysia, ist auch das reine Betrachten von kostenloser Haut zum Voyeurspaß 2001 geraten. Wer glaubt da noch an das “normale” Fernsehen, das alleine für sich langweilig geworden ist oder einfach zu teuer. Zuletzt im Gespräch daher nakednews.com, die etwa Napster- oder Sportnews im Strip vortrugen oder nackt das Wetter von Alaska kommentierten.

Nächsten Monat wird DB&Soft, eine koreanische Firma, einen graphischen Browser herausbringen, der das gleichzeitige Betrachten von Live-Animationen und Statistiken ermöglicht, eventuell ein neuer Quantensprung im Net, daher auch schon Kooperationen eingegangen, bekannt wurde ein Deal mit emusic. Der Kampf um die originellsten Netzinhalte geht also ebenfalls weiter, das Risikokapital verbrennt weiter, wer am Schluss übrig bleiben wird, ist derzeit unklar.

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Elektronische Lebensaspekte.