Nico Haupts monatlicher Datenwust
Text: Nico Haupt aus De:Bug 43

Commuterworld 01/2001

Adressen & Namen
Cworld geht stolz ins 4. Jahr und wird weiterhin versuchen, die verschiedensten Technologie-Kommunen rund um die menschlich-künstliche Vernetzung emotional zu halten, huch hätte ich da doch fast e-motional getippt. Ob uns 2001 z.B. weitere Zehntel-Cyborgwesen beschäftigen werden, ist noch ungewiss. Eins ist aber sicher, der Datenwust wird größer. Suchmaschinen, darunter die unter Erfolgsdruck stehende Google.com, werden noch mehr zu kämpfen haben als zuvor, zumal uns neue Domainendungen (TLDs) ins Haus stehen: äro, biz, coop, info, museum, name, pro. Schade, dass es nicht mehr wurden, aber dafür kann man sich jetzt mit mehreren Agenturen rumschlagen, um sie anzumelden. .biz bei Melbourne IT/ NeuStar, .info bei Afilias, name bei Global Name, coop bei Registry/IBM und .pro bei Register.Com/Virtual Internet.
Eine neue Variante, um im Adressendschungel unterzutauchen, dürften auch die neuen Zeichensätze werden, die in den Browser eingetippt werden können. Im Dezember starteten die ersten Testläufe für Internet-Domainnamen, die andere Zeichen als diejenigen aus dem normalen ASCII-Zeichensatz enthalten. Zunächst kann man bald chinesisch eintippen, danach sind arabische Zeichensätze geplant. Es leben die multiplen Textprogramme.
Etwa 4,2 Milliarden IP-Adressen gibt es mittlerweile. Sie werden immer systematischer erfasst, von RIPE NCC (Europa, Afrika), ARIN (Amerika), und APNIC (Pazifik, Asienstaaten). Und nun geht das Geographisieren im Netz los. Auf Grund von Schmuddelnazikram hat ein französischer Richter durch Geographiefilter Nazigüter bei Yahoo-Auktionen für Franzosen verbieten lassen. Das ist nichts Neues, Ebay hat solche Sperren schon seit langem für Deutsche. Tatsächlich ist das aber nur bedingt realisierbar. Beispielsweise kann man den Ausschluss austricksen, indem man die Proxis umgeht. Außerdem gibt es noch Scrambler oder den Anonymizer. Mehrere Firmen arbeiten außerdem für technisch unversierte an dem IP-bezogenen Filter, Quova “Geopoint”, infosplit.com oder digital island. Ein Ende des omniglobalen Netzes? Zum Glück haben wir ja AOL, denn beim AOL-Browser ist jedes Providermitglied erstmal “technisch” amerikanisch.

Neuigkeiten von Trägern

Das vergangene Jahr endete relativ unspektakulär. Der neue Barcode-Katzenmaus-Gag von der CüCat mit den automatisch aufpopbaren Browsern wurde gehackt. Schade um die vertane Zeit, Open Source und vapor Ware gibt’s nun unfreiwillig bei CüCatastrophe.com, und so kann jeder weiterspielen, ohne Anzeigencodes in der WIRED zu begriffeln.
Trotz einiger Streamfirmenpleiten und Flaschenhalseffekte scheint sich die Breitbandtechnologie dennoch breiter zu machen. Princeton bietet seine äußerst echt erscheinenden Virtual Logos nun auch für den Stanz im Stream an. Eine neue Produkt Placement Welle dürfte uns auf R&B-Sofas erreichen.
MP3 droht weiterhin der CD Konkurrenz zu machen, ob kommerziell (BertelNapster) oder nicht, spielt dabei keine Rolle. CDs dürften ähnlich wie der Floppy der Weg zum reinen Transportträger gewiss werden, sicherlich bald abgelöst durch die SuperDisk, die dann auch wiederum der DVD Konkurrenz machen wird.
Anfang dieses Jahres werden neue Kompaktgeräte auftauchen wie etwa Samsungs DVD/CD Player Extiva, der mit einem zusätzlichen Graphic Display für Audio ausgestattet werden soll. Nomad ist dagegen der neue stolze wireless Gigabyte-MP3Men von Creative Labs.
Robert Petrocelli, CEO von Heartlab, sieht dagegen noch eine andere Zukunft von DVD. Der Datenträger sei perfekt für medizinische Archiv-Informationen, etwa Röntgenaufnahmen, Ultraschallaufnahmen und ähnliches.

Und Neuigkeiten von Formaten & Protokollen

Die Copyrightfirmen um Musik und Film arbeiten derweil weiter verstärkt an Gegenmaßnahmen für Piraterie oder FileSharing. Fast monatlich gibt es neue Theorien, wohin der Weg gehen soll. Zur Zeit ist die sogenannte SD Card (SanDisk, Matsushita) hoch im Kurs, die als Standard in alle Hardware eingespeist werden soll. Prinzipiell arbeitet dann jedes Gerät nur noch mit diesem Schlüssel. Man schiebt die Chipkarte ein, und je nach Legalität aktiviert sich das Gerät.
Andere Alternativen sind der Memory Stick von Sony oder der IBM Microdrive. Keine Frage, dass alle diese Device Keys auch gecrackt werden können, dies kennt man ja seit dem PREMIERE-TV-Schlüssel. Da SD Card einem offenem Konsortium unterliegt, dürften diesem Tool, ob sicher oder nicht, die meisten Marktchancen eingeräumt werden.
Nächsten Monat steht die Internet World Wireless-Messe in New York an. Neben den schmucken Wireless MP3 Playern und etlichen Handhelds spielen natürlich auch Cell Phones mit eigenen IP-Adressen immer mehr eine eigene Rolle. Dann wird sich zeigen, wie aktuell 3G gegen WAP auftrumpfen wird, letztendlich werden jedoch mehr die Programme und Gadgets als die Programmierung oder Verschlüsselung im Vordergrund stehen. Auf dem Weg dahin sollte man eines der neuen Yahoo Taxis erwischen, die bieten während der Fahrt nun auch den Palm Pilot an. Rauchen darf man jedoch weiterhin nicht, auch wenn man Zigaretten nun schon übers Web bestellen kann.

Blick auf die Zukunft
2001 fing im Netz übrigens äußerst öde an. 2001.com ist eine spröde Verkausseite, wo unter anderem auch Stanley Kubricks Klassiker angepriesen wird. Da wird man schon neugierig auf die Zukunft. Zeitmaschinen im Netz – kein Problem! Geht man die Jahre nämlich weiter, so findet sich bei 2002.com eine etwas kryptisch verkorkste Site ohne Kommentar, 2003 wird noch über goto.com angeboten, 2004 wurde von der Olympiade in Athen gesichert, 2005 von mostwanteddomains verkauft, bei den weiteren Jahren finden sich ähnliche Treffer oder ein Klick ins Leere.
Eine Überraschung findet sich bei 2013, “something radical is happening, the web is alive” wird von einem gewissen Terence McKenna tituliert, der in diesem Jahr verstorben sei. Amsterdam Bestiality Archive findet man bei 2014, eine Quakefansite ist unter 2015 zufinden, 2016 ist fast weiß mit dem ominösen “Hi Jim” gestaltet. Ein Blick auf die freedomainnamesearch-Site (who bought it?) hilft weiter: 2016.com wurde schon 1997 von einem gewissen Warpsmith aus Pittsburgh gekauft. In dieser Recherchenreihe soll 2020 als Abschluss mit verramschten Cartieruhren stehen. Vielleicht sollte man von dort einen Link zu theburglar.com schalten, wo gestohlene Diebesware zurückgekauft werden kann, selbstverständlich nur anonym.
Zurück in die Zukunft, euer Schreibbot Nico

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Elektronische Lebensaspekte.