Munteres Folk-Electro-Crossover ganz ohne Herzschmerz
Text: Jonathan Nübel aus De:Bug 156

Vielleicht hätten Eric Raynaud und Guillaume Eluerd sich nie getroffen. Vielleicht hätte das Album “The Edges of the World” niemals ein CD-Laufwerk von Innen gesehen. Manche Leute muss man vielleicht wirklich zu ihrem Glück zwingen.

Auch wenn ich bezweifeln möchte, dass sich Alexandre Cazac, Mitbegründer von InFiné, an diesem Mutti-Zitat bedient hat, als der die beiden Mittdreißger im alljährlichen Sommercamp des französischen Labels fast schon zur Zusammenarbeit zwang. In aller Freundschaft, versteht sich. Die Mission dabei war klar und deutlich: in sieben Tagen einen Live-Auftritt auf die Beine zu stellen. Schreiben, üben, aufführen, absahnen.

Total machbar: Eric Raynaud gehörte mit seinen Releases als Fraction eh schon zur InFiné-Familie und Guillaume Eluerd wusste ebenso wie das geht mit dem schnellen Arbeiten. Als “Nimb” versuchte er sich an der elektronischen Musik, bevor er Drumcomputer gegen Akustikgitarre eintauschte und mit “The Year of the Dog” ein klassisches Singer-Songwriter-Album in die Plattenläden schiffte. “Die wirkliche Herausforderung an dem Workshop war der Verlockung der InFiné-Partys zu widerstehen, die Abend für Abend anstanden”, relativiert Eric ihre Genesis. Fast sentimental liefert der Song “Seven Days” eine Hommage an dieses musikalische Experiment, dass die Geburtsstunde von Composer markiert.

Sehnsüchtige Reisen
Bei zwei Typen wie Eric und Guillaume, die dank einiger Jahre Branchenerfahrung mittlerweile eh auf DIY gepolt sind, fand sich eine musikalische Schnittstelle im Handumdrehen. Die ersten Songs (“Check Chuck” und “Seven Days”) entstehen über romantischen E-Mail-Kontakt: Soundfiles und Smileys wechseln den Besitzer. Es bahnt sich ein Weg, der unumgänglich im Tonstudio enden musste. So reiften die Songs dann auch schneller als mit Frostschutzmittel versehener Rotwein: “Wir hatten am Anfang viel Spaß, Guillaume hat ein tolles Gespür dafür, Melodien in seine Vocals zu bringen, die du stundenlang ausbreiten kannst”, erzählt Eric: Jam-Sessions und No-Looking-Back. Es entstanden eine Reihe leuchtender Indie-Popsongs, die dann … alle in die Tonne wanderten: “Wenn man Folksongs mit elektronischen Sounds verschmilzt, können dabei echt interessante Sachen rauskommen. Aber leider auch solche, die man schon tausend Mal gehört hat.” Zu gewöhnlich leierten die Songs beim zweiten Hören. Man ist ja nicht mehr Neunzehn.

“Check Chuck” ist der einzige Song, der die Generalüberholung überlebt hat und das hört man ihm auch an. Luftig trällert die Indie-Nummer eine Ouvertüre zum ansonsten experimentellen Album, dass psychedelische Loops mit mal heiteren und mal melancholischen Flächen in einen ständigen Lichtwechsel wirft, der Guillaumes zarte Stimme nicht weniger trägt, als dass er von ihr getragen wird. “The Edges of the World” nimmt einen mit auf sehnsüchtige Reisen, deren Ziel man schnell mit Wohlgefallen aus den Augen verliert. Von Engelschorälen bis knarzender Bassdrum bietet das Album dabei ein spektrales Wegpanorama, das eine Mitfahrt in jeden Fall lohnenswert macht.

Auf dem Album sind vier Songs aus dem Studio noch nicht untergekommen. Vielleicht heißt das, es gibt eine Fortsetzung für Composer. Vielleicht verschiebt man diese ganzen fatalistischen Spekulationen aber auch einfach mal auf später und erfreut sich ganz Oldschool an dem gelungenen Debüt.

Composer, “The Edges Of The World”, ist auf Infiné/Alive erschienen.