Die Kölner Computer Jockeys tauchen aus ihren Festplatten mitten im MTV Poppool auf. Mit entpersonalisierten Vocals wird die Elektrovergangenheit in Zooplankton und Phytoplankton zurechtgeritten, bis der ganze Nanozoo wiehert.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 51

electro

Von Pflanzen und Tieren
Computer Jockeys

Sicher erinnert ihr euch alle noch an die 80er. Damals gab es etwas, das hieß Pop. Das war, bevor man entdeckt hatte, dass dieser fiese globale Multimedia-Entertainmentkomplex hinter allem steckt. Es war kurz bevor MTV nach Deutschland schwappte und man dachte, man müsse sich einen lustigen Haarschnitt machen, so wie die Leute im Video oder auf den Schallplatten, damit man wer wäre. Vornehmlich so was wie ein Andy Warhol Klon.
Sicher, werdet ihr sagen, diese Zeiten sind nie vorbeigegangen, und noch heute kann man den ein oder anderen dabei erwischen, dass er glaubt, Pop spräche ihm aus dem Herzen. Und das Herz wäre neu und funky, schließlich schlägt es ja. Warum aber nun und wie machen Computer Jockeys auf ihrem neuen Album “Plankton” jetzt Pop? Waren sie nicht längst in den Festplatten verschwunden, weshalb spielt MTV da wieder eine Rolle und wer sind diese Computerjockeys überhaupt?
Computer Jockeys waren eine der frühen Hybride ortsansässiger Unterhaltung quer durch den Ruhrpott bis nach Köln, die mangels 1210ern mit ihren Computern (auch noch PCs, keine Macs) auflegten. Daraus wurde neben Partys und Aufnahme in den Pool der Freunde des Liquid Sky schnell eine Art Liveact, dann ein Projekt mit Plattenreleases auf dem nun eingestampften Harvest Label der EMI. Und dann waren es plötzlich drei, denn sowohl Hagedorn (nun auf oni.tor) als auch Digital Jockey (Pottheadz) begannen beide ihre Soloprojekte und den langen Weg durch die Instanzen der Festival Kultur.

MTV…

Da beide einen gepflegten Sinn nicht nur für diverse Ethnosampleschnippsel, sondern eben auch für digitalen Humor hatten, wurmte sich vor allem ein Track Namens “Ping Pong” durch die Welt und empfahl sie als elektronische Musikanten mit Hang zur Darstellung von bildreich akustischen Events. Weshalb für MTV neulich, ca. 5 Jahre nach dem ersten großen deutschen Mangahype, als sie auf den Gedanken kamen, Klassiker des Genres irgendwo zwischen Top 10 und Celebrity Deathmatch zu quetschen zwecks eigenem Profiling, Computer Jockeys als Soundtrackbastler mehr als nahe lagen. Die hatten schon eine Weile nach einem neuen Label gesucht. Mit MTV Cobranding zum Track “Golden Boy” konnte das nicht mehr schief gehen. Es meldete sich “Island”, die ihre ersten Gehversuche in Sachen Elektronik (lassen wir Tricky mal weg) spät, aber dennoch versuchen mussten.
Da Pop ohne Vocals allerdings auch unter den Vorzeichen des 21sten Jahrhunderts kein Pop ist, jedenfalls nicht, so lange man nicht ein Interface gefunden hat, das Stimmen (entpersonalisierte) ebenso sexy (im Sinne von sozialisiert sein auf…) darstellen kann wie Jungs und Mädels im Video (2- oder 3-dimensional), und Computerjockeys sich aus der Enge der klar referenzierbaren Samples befreien wollten, die ihre frühen recht querbeatigen Tracks auszeichneten, mussten diese Stimmen her.

…und Pop. Am Telefon.

Stimmen gibt es bekanntlich am Telefon. Also rief man befreundete Vocalistinnen an, Donna Regina z.B., die noch eine Freundin hatte, Ayako Akashiba, grade auf Japan-Urlaub und zwischen Bäckerlehre und Kunstprojekten etwas unterbeschäftigt, und Stella Schwarz landeten also in fremden Studios und in gepflegten Tracks und verliehen dem Ganzen die Bandbreite, die großer Pop braucht. Vocals, die man nicht versteht, aber die verkünden. Sounds, die sich zu den Stimmen so verhalten wie ein tragbares Designerkleidchen zu Models. Vor allem aber: Austauschbare Vocals, denn schließlich handelt es sich hier ja um Computerjockeys, nicht Miss ABC feat. Irgendwas. Schließlich soll die Stimme nur ein Part sein. Schließlich ist everybodys Lieblingsalbum My Bloody Valentines “Loveless”, jedenfalls wenn man aus einer Generation kommt, die das Ende von Pop gesehen hat. Die dachte, dass das Fehlen von etwas eben genau das ist, was die ganze Zeit fehlte. (Weshalb Digitaljockey auch zusammen mit Donna Regina eine Art “Loveless 2” machen will).
Die Idee an Pop wäre für Computerjockeys folgende: Minipartikel restrukturieren und musikintern zirkulieren lassen. Plankton halt. Lebensbereiche zwischen tierischen (Zooplankton) und pflanzlichen (Phytoplankton) Kleinstwesen. Differenziert nur in ihrer Funktion als Nahrung für den Kosmos der Popindustrie. Eingegossen von den großen innermusikalischen Rändern, in denen die Veränderung stattfinden soll. Weshalb jeder der Tracks so klingt, als hätte man ihn schon mal gegessen, wenn man ihn das erste Mal hört. Als wäre er schon benutzt worden, fein eingesessen, eingelaufen, bequem und personalisiert, irgendwie auf einen zugeschnitten. Weshalb Pop logischerweise bei Computerjockeys so klingen muss wie der Pop, den es schon immer gab, und man zwischen den Zeilen nicht etwa die Öffnung eines anderen Universums finden wird, sondern eine weitere Spiegelung, ein Recycling, ein in bedächtig groovenden Beats freundlich “Hallo” sagendes Gemisch aus alten Bekannten. Denn mehr wollte Pop nie sein, eine Art innermusikalischer Kaffeklatsch an den Nierentischen, die die Welt bedeuten, man hatte nur vergessen, das zu formulieren. Und es braucht dazu nicht mal mehr schrille Frisuren. Popmusik im 21ten Jahrhundert wird Popmusik ohne Images, eine Art Nur-Musik-mit-Stimme Popmusik, deren Bilder wie selbstausfüllbare Pokemonkarten getauscht werden können. Die Lebensentwürfe übernehmen definitiv andere.

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Elektronische Lebensaspekte.

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Text: sascha Kösch aus De:Bug 30

/computermusik Ich bin zwei CPUs Computerjockeys und die heterogene Diskretion Mach mehr aus deiner Plattensammlung! DJ-Sein ist einfach nicht alles, aber es ist eine Richtlinie. So fingen Hagedorn und Digital Jockey, gemeinsam Computerjockeys, an, ihre Plattenspieler durch Computer zu ersetzen. Das war Mitte dieses Jahrzehnts, wo der DJ-Kult gerade seinen unaufhaltsamen Weg ins Feuilleton ansteuerte, gelinde gesagt eine Frechheit, denn damit besetzten sie eine gut geheimgehaltene Leerstelle der Jugendkultur. Einmal ins Hirn des Allgemeinwissens geprügelte Selbstverständlichkeiten durch Verwässerungs- und Geheimbundtechniken so lange ausbeuten, bis endlich nach einer Investitionszeit von Jahren mal Rendite fliesst. Computer-DJ’s: Obwohl nach aussen technologieaffirmativ längst durchgespielt und dermassen möglich, dass es eigentlich selbstverständlich hätte sein sollen, hatte man sich die wohl aufgehoben; für das nächste Jahrzehnt, als Überraschungsbonus für die digitalen Hipster. “Wir waren damals wohl so etwas wie ein “Desiderat”, wie man in der Literatur sagen würde.” Sie durften eigene Clubabende machen. Doch an den Theken des Roseclubs und der Zeche in Bochum sass die letzte Generation der sogenannten Prädigitalenrealitätsmythen herum und konstatierte: “Also, von einem Computer bespielt zu werden, das finde ich gruselig.” Strobocop vermittelte den beiden einen ersten Auftritt im Liquid Sky, und der heilige Vater der Breakszene Kölns, Dr. Walker, nahm sich ihrer sofort an und katapultierte sie von Elektrobunker über Batterypark in die End-Of-The-Millenium Sound-Of-Cologne Chroniken. Soziale Netzwerke vs. Stand Alone In der Welt der Netzwerke ist ein Setup wie das der Computerjockeys ein erfrischender Anachronismus. Gemeint ist hier nicht ihre Wahl des PCs statt des omnipräsenten weissen Leuchtens der obligatorischen G3 Äpfelchen, sondern das Nebeneinander, das resolut Unvernetzte ihrer Laptops. Das Oszillieren zwischen technologischem Fortschritt (mein Stand alone 500 MHzPC kann nun wirklich mehr als ein Stück Vinyl – unbestreitbar) und technologischem Rückschritt als Ersatzkompensation der Unfähigkeit des DJ’s, auf die Einzelteile der gespielten Stücke zurückgreifen zu können, durch die selbstgewählte Unfähigkeit, die Tracks, plötzlich von der Festplatte so endlos in ihren Variationsmöglichkeiten, dann auch noch zu mixen. “Würden wir unsere PCs connecten, würden wir das produzieren, was andere auch produzieren. Ich glaube, gerade diese getrennte Arbeitsweise ist essentiell: Alles nur mit PC machen, keine Midikeyboards, nur Software und dieses Programm “Samplitude” von SEKD, das ich immer gerne Volkssampler nenne, weil es eine sehr einfache Oberfläche hat. Es kommt aus Dresden – 15 Jahre Studioerfahrung stecken da drin. Die Entwicklung hat wohl schon kurz vor der Wende begonnen, und in drei Monaten kennt man es auswendig. Wir machen alles in dieser Blase Samplitude. Alan Turing hat vom Computer gesagt, dass es die universelle diskrete Maschine ist, und ich habe das Gefühl, dass Samplitude universal und diskret genutzt werden will – alles in Einzelschritten.” Und sie hoffen, dass diese Art von Arbeit mit Musik und die konkrete Historisierung der eigenen Musikerfahrung auf der Festplatte das DJ-Paradigma irgendwann ablösen wird. Zeigt her eure Harddisk ! ”Zeig mir den Inhalt deiner Festplatte, und ich sage dir, wer du bist!” – eine Formulierung, mit der die Computerjockeys bestimmt nicht unglücklich wären. Digital Jockey sortiert seine Samples nach Instrumenten, ganz ehemaliger Jazzer und voller Beziehungsbegeisterung für sein ihm fast angenähtes Instrument, analytisch fasziniert von der Immanenz eines Klangs, von der Kommunikation zwischen elementaren Elementen (“Diese Ineinanderspiel-DJ-Kultur ist ein kurzes historisches Phänomen Irgendwann werden Strobo und Triple R auch wieder Spass daran haben, einfach so Platten zu spielen”). Der Cyborg ist eben jemand, für den Stil eher ein Problem ist. Hagedorn macht Folder mit Stilen und Jahrzehntbezeichnung. Hobbypopmusikhistoriker als Hauptberuf des Musikers der 90er eben. Kollisionskursästhetik einer Referenzkultur der ständigen Verschiebung und Umdeutung. Avatar, Stil per se als Arbeitsgrundlage. (“Ich finde es schön, wenn man es hinbekommt, keinen Bruch zu machen”). Man könnte das ausbauen. Und käme zu vermutlich 80% richtigen Ergebnissen, je genauer man eben die Festplatten kennt. Man könnte davon abstrahieren, dass Hagedorn auch eine an Kompakt-Minimalismus erinnernde 12″ machen kann, dass Digital Jockey noch an dem neuen Stil und seiner Definition für ein kommendes Album für Pottheadz tüftelt und dass sie Remixe für die Liquid Sky Posse im Big-Band-Style machen. Wenn sie nicht zu zweit auftreten, dann steht an der Stelle des anderen mit seinen PCs eben ein Plattenspieler, denn wer hätte gedacht, dass beim Übergang vom DJ zum Computer der Mensch, den man gerade mal eben verdoppelt hat, stehen bleibt. Universelle diskrete Maschine. Was an welchen Einzelschritten steht, ist austauschbar. Jedenfalls dezent. ”Wir haben für diese Platte zum ersten mal etwas gemeinsam produziert, ein Stück. “We’re Wasting”. Baustellen per Zip hin- und hergeschoben. Wir sind komplett heterogen. Aber es kickt.”

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