Cricket gucken als Hobby? Heißer Tipp für Drum and Bass-Eleven, denn während eines gemütlichen Fernseh-Abends zündete die Startsequenz für Matt Harvey und Evan Short: Der Inner Circle des roughen, bösen Drum and Bass wurde erweitert um die beschauliche Graslandschaft Neuseelands. Statt Schafen zählen Metal, Basswucht und Alien-Filme - Popappeal inklusive.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 80

Hell Awaits
Concord Dawn

Während die aktiven Protagonisten der hiesigen Drum&Bass-Szene daran arbeiten, im weltweiten Drum&Bass-Gefüge mehr zu bieten als eine korrekte Partylocation im Herzen Europas, wachsen an der Peripherie viel versprechende Talente zu stilprägenden Größen heran. Schon lange polarisieren sich Styles und Haltungen nicht mehr nur zwischen London und Bristol, sondern auch zwischen Wellington und Rio de Janeiro. In dem Maße, in dem sich die Szene internationalisiert und dezentralisiert hat, ist das Selbstbewusstsein außerhalb des gelobten Landes von Breakbeat Science und subsonischen Bassladungen gewachsen. “Wir wollen noch anmerken, dass London nicht mehr die Wiege von Drum and Bass ist. Es gibt bessere Parties und bessere Tunes aus allen Teilen der Welt”, schreiben Matt Harvey und Evan Short, zwei dieser talentierten Emporkömmlinge, die gerade dabei sind, unter dem Namen Concord Dawn zu einigem Ruhm zu gelangen, augenzwinkernd am Ende unseres Email-Interviews. Dank ihres dritten Albums “Uprising”, das in ihrer Heimat Neuseeland schon einen Monat vor der weltweiten Veröffentlichung im März erschienen ist, können sich die beiden schon ein Plätzchen über dem Kamin freihalten. In der ersten Woche auf Platz 9 der nationalen Charts eingestiegen, haben sie gerade eine Goldene Schallplatte bekommen. Ein Novum. Ihr Video wird währenddessen im Musikfernsehen gesendet und es laufen Wetten, wann das Album Platin-Status erreicht.

Auch wenn London nicht mehr alleiniger Gralshüter und Impulsgeber der Szene ist, schlägt dort doch immer noch das Herz von Drum and Bass, werden dort die Entscheidungen gefällt. Denn die renommierten Labels von Metalheadz über Ram bis Renegade Hardware haben es nach wie vor zum großen Teil in der Hand, wer wann wie bekannt wird. Auch wenn das Internet vieles beschleunigt und direkter gemacht hat: Eine okaye 12″ auf Renegade Hardware bringt dir natürlich immer noch dreimal so viel wie eine grandiose 12″ auf, sagen wir, Inperspective. Für ein kleines Label ist der Weg zum Erfolg im Zweifelsfall eben weit schwerer als für einen Produzenten. Eine Erfahrung, die die beiden Concord-Dawn-Jungs auch gemacht haben. Und wie schnell es gehen kann, wenn die richtige Person mal genauer hinhört und begeistert Richtung England fliegt. Die Geschichte geht ungefähr so: Matt und Evan sind Kumpels seit der Schule. Mit süßen elf Jahren gründen sie ihre erste Band, entdecken ihre Liebe zu Heavy Metal, zu Hardcore, Industrial und später Jungle und Drum and Bass. Irgendwann Anfang 1999 fangen sie gemeinsam an, als Concord Dawn (“an obscure Star Wars Reference”) erste Tracks zu produzieren. Dark und böse, mit Hardcoreschnipseln hier und da und vor allem druckvoll.
Knapp drei Jahre später – sie haben schon zwei Alben auf dem neuseeländischen Label Kog veröffentlicht – schaut Digital, der grade in Neuseeland ist, bei Matt zum Cricket gucken vorbei. Evan drückt ihm eine CD mit neuen Tracks von ihnen in die Hand.

Ein paar Wochen später hat Digital sie für sein Label Timeless gesignt und noch ein paar Wochen später ist “Morning Light”, so heißt einer der Tracks, eine der begehrtesten Dubplates around. Weitere große Labels klopfen an, Remixe werden angefragt. Die beiden sind im Rennen.

Tatsächlich platzt “Uprising” trotz Raveattitüde fast vor Popappeal, wie viele dieser Tracks, die perfekt die Balance zwischen Darkness und Hymnenhaftigkeit zu halten wissen. Während Matt mehr der Science-Fiction-Typ ist, bevorzugt Evan Horrorfilme. Beide lieben es dark. “Für mich ist ein Film wie ‘Alien’ weit gruseliger als ‘Alien 2’. Die Boshaftigkeit und die Anspannung ist dort viel krasser als bei der ganzen Splatteraction des zweiten Teils”, erklärt Matt. Und wenn man so will, verhält es sich mit ihren Tracks ähnlich. Man wird gepusht, versohlt und durchgeschüttelt – aber eben nicht erschlagen. Sie übertreiben es einfach nicht mit Tunnelvision und funktionaler Überwältigung. Na ja, selten, aber dazu später.
Oldschoolige Zwei-Finger-Ravemelodien (die scheinbar in allen Genres gerade ein großes Comeback feiern) verkünden eingängig das drohende Unheil, das dann in Form von kompromissloser Basswucht und peitschenden Breaks über einen hereinbricht. Dass sich das manchmal wie ein leicht modifizierter, böserer Jump-Up-Bastard anhört, macht dabei gar nichts (sagt man dazu jetzt eigentlich “Clownstep”?). Und da die beiden nach wie vor große Metal-Fans sind – Matt geht zu Hause am Rechner nach wie vor seinen Metal-Phantasien nach und bastelt fleißig digitale Nackenbrecher – konnten sie es nicht lassen, mit “Raining Blood” einen nicht nur vom Titel her an die unangefochtenen Metalkönige Slayer erinnernden Track zu produzieren. Ein Track, der, gelinde gesagt, polarisiert. Für die einen ist er die Erfüllung, weil dort endlich zusammenkommt, was in ihren Köpfen sowieso zusammengehört, während sich die andere Fraktion geschlossen bei den anonymen Kulturpessimisten anmeldet. “Wir wussten, dass dieser Track entweder geliebt oder gehasst werden würde. Immer noch besser, als wenn sich alle einig sind, dass er langweillig ist”, schreiben die beiden dialektisch bewandert.

Und letztlch taugt eine flott gespielte Gitarre in jedem Fall für ein paar ihrer mehr als soliden Progrock-Intros, bis sich die Melodie wieder zu einer düsteren Unheilsverkündung verdichtet und der Bass einen erlöst.

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Elektronische Lebensaspekte.