Bernhard Pucher hat Lust auf Lo-Freq. Mit seinen Projekten Confutatis und Brian Aneuyrism gräbt der in London lebende Labelmacher, DJ und Produzent die Sedimente von Industrial mit der Elektroschippe gehörig um.
Text: Rikus Hillmann aus De:Bug 98

Hello Darkness

Dark und Deep. Confutatis mixt die Stile. Im fließenden Switchen zwischen Stilen und Genres, zwischen HipHop, Elektro, IDM, Techno ist Confutatis ein darker englisch-gebreakter Monstermunch gelungen. Crunchy Psy-Kicks, eine menge Vocals, geshuffelte Beats, Breaks. Trotz aller Wucht prägt Pucher seine Melange auf eine sehr musikalische Weise. Es sind die Zwischentöne, während die Frequenzen von unten kommen, die seinen Techno erklären: Hier ist der Urvater mehr IDM und weniger House, aber dennoch Funk. Das macht jegliche EBM-Exzentrik vergessen. Der Künstler selbst sieht das alles eh ganz gelassen.

Wo würdest du Confutatis im Kontext deiner zahlreichen musikalischen Aktivitäten verorten?

Ich sehe keines meiner musikalischen Projekte als Nebenprojekt, da ich in alle meine Tracks gleich viel Energie investiere, auch wenn ich jeweils an anderen Styles oder Ideen arbeite. Es war einfach mein Interesse an vielen verschiedenen Ideen und Musikrichtungen, das mich zu verschiedenen Projekten wie “Brain Aneurysm”, “EchoPilot” oder “Confutatis” gebracht hat.

Steht Confutatis für einen besonderen musikalischen Ansatz, Sound oder gar Konzept?

Vor Techno habe ich sehr viel an Industrial- und Downtempo-Tracks gearbeitet. Als ich auf Minimal Techno umstieg, habe ich Downtempo links liegen lassen und erst später wieder für mich entdeckt. Ich habe gleichzeitig an Elektro und etwas experimentelleren Sachen gearbeitet. Als ich mir dann alle Tracks zusammen anhörte, kam ich auf die Idee, sie zu einem Projekt zusammenzufassen. So ist Confutatis entstanden. Das Album auf AI “Built in Anger” ist das Resultat.

Hast du das Album “in anger” aufgenommen? Das “In the face”-Cover lässt das vermuten.

Ich habe nicht das gesamte Album “in anger” aufgenommen. Den Track “Built in Anger” aber schon. Ich hatte da Momente, in denen ich recht sauer auf die Welt war bzw. auf die derzeitige Einstellung der amerikanischen Politik der Welt gegenüber. Ich bin zwar kein Amerikaner, habe aber doch lange genug dort gelebt, um eine gewisse Sympathie für das Land, die Leute und die Kultur zu empfinden. Es hat mich einfach entsetzt, dass die Bürger durch ihre Regierung so einen negativen Ruf erhalten. Aber am Ende ist der Track doch relativ soft und voller Hoffung. Das war mir auch wichtig.
Das Cover hat dann sogar mich von den Socken gehauen. Es war mir wichtig, dass “anger” auch mit “pain” zusammengesetzt wird. Das Cover ist sehr effektiv.

Hast du dem Coverdesigner die Freiheit gelassen, deine Tracks visuell zu interpretieren?

Genau. AI sind bekannt für ihr geiles Artwork, also ist es mir nicht schwer gefallen, mal die Hand vom Steuer zu nehmen. Natürlich wurden ein paar Ideen durchgesprochen. Aber im Großen und Ganzen habe ich es jemand anderem überlassen, die Musik für sich selbst zu interpretieren. Nachdem wir uns auf die Idee geeinigt haben, sind wir in ein Photostudio gegangen. Dort hat der Photograph versucht, die Vorstellung des Designers zu realisieren. Das Härteste daran war das ständige und extreme Verzerren meines Gesichtes für zwei volle Stunden. Wenn das Bild schmerzhaft aussieht, hat das einen sehr guten Grund.
Jason Smith, der AI-Kopf und Cover-Designer meinte, seine Hauptinspiration sei der Titel “Built in Anger” gewesen. Er gestaltet als AI-Macher alle Cover selbst. Diesmal wollte er ein Photo-Cover, das den Künstler zeigt, mich. Da es mein erstes Mal für AI war, wollte er etwas Besonderes. Die Arbeit des Grafik-Designers Frieder Grindler hat ihn stark beeinflusst, der grafisch-politische Ansatz in dessen Postergestaltungen.

Wie wichtig ist dir gutes Artwork?

Sehr wichtig. Da ich mit Iron Box Music selbst ein Label mache und dafür das gesamte Artwork selbst gestalte, sehe ich Artwork als wichtigen Bestandteil eines Releases. Artwork und Musik separat zu sehen, ist meiner Meinung nach ein Fehler, denn die Stimmung eines Albums wird maßgeblich durch das Artwork repräsentiert. Wenn ich mir Alben kaufe, ist der erste Eindruck immer das Artwork. Musik und Artwork haben eindeutig ein symbiotisches Verhältnis.

Charakteristisch für Confutatis ist dein unglaublich sicherer musikalischer Stilmix. Bei den Übergängen zwischen HipHop, Elektro, IDM, Techno und Shuffle ist der groovende, aber extrem darke Grundtenor eine prägende Konstante.

Ich habe einen sehr starken und immer noch präsenten Heavy-Metal-Background. Und ich kann nicht abstreiten, dass dieser Background einen großen Einfluss auf meinen Musikstil hat. Beim Produzieren hat mich von Anfang an das Spielen mit den tiefen Frequenzen fasziniert. Diese Lust an Lo-Freq trägt sicher dazu bei, dass meine Tracks etwas finster wirken.

Metal verbinde ich mit Wucht, die bei dir in Groove tranformiert wurde. Dazu könnte man vermuten, dass deine Vocals Fragmente deiner Industrial-Vergangenheit sind …

Wucht ist ein gutes Wort. Ich bin zwar nicht so aggressiv wie andere Produzenten, aber ich glaube, Wucht muss nicht zwingend Aggressivität bedeuten. Daher gefällt mir die Umschreibung sehr gut. Meine Vocals fallen mir meist ein, kurz bevor ich schlafen gehe. Während mein Hirn durch die Gegend rast, kommen mir ab und zu recht interessante Ideen für Texte. “Obsession” ist ein Gedicht, das ich für meine Frau geschrieben habe. Als ich den Text dann aufnahm, ist er ganz anders geworden, als zunächst erwartet, und schien seine Aussage zu verkehren. Interessant, wie sehr die Musik den Sinn des Wortes verändern kann.

Gibt es Industrial-Bands, die du nach wie vor hörst oder die dich inspirieren?

Für mich war und ist es Nine Inch Nails. Die Band haut mich immer noch von den Socken und eine Zeit lang habe ich wirklich versucht, so wie NIN zu sein. Vier von meinen zehn Jahren als Produzent habe ich fast ausschließlich Downtempo und Industrial produziert. Als weitere Inspirationen kann ich Skinny Puppy und Frontline Assembly nennen.

Was macht denn nach wie vor die Faszination dieser Bands für dich aus? Im Techno/Club-Kontext können und wollen diese (alten) Bands mit nordamerikanischer Industrial-Prägung nicht funktionieren. Sie sind Rock und Stadion. Du bist Club, wenn auch darker Club. Das sind komplett verschiedene Welten. Ist Confutatis eine mögliche Brücke, die Industrial wieder an IDM und Techno anschließt?

Naja, die Faszination mit Skinny Puppy und NIN ist dieselbe wie mit Kraftwerk oder anderen guten Techno-Live-Acts. Eine gute Band live spielen zu sehen, ist etwas Einmaliges. Und in diesem Sinne gibt es keinen Unterschied zwischen einem guten Live Act und einem guten DJ. Klar ist das Publikum ein anderes, aber einen guten Song bzw. eine gute Performance fühlt man einfach, egal ob im Club oder im Stadion. Ich würde mich nicht wirklich als Brücke betrachten. Ich mache einfach die Musik, die mir gefällt, und dabei kommt mein musikalischer Background eben zum Vorschein.

Kannst du deine Sachen denn selber noch hören?

Ja, das kann ich schon. Ich höre mir meine eigene Musik sehr gerne an. Ich kenne aber genügend Leute, die das nicht können. Vor allem, wenn man recht lange an einem Track gearbeitet hat. Ich versuche, Lieblingstracks für mich selbst zu produzieren. Wenn ich anfange, einen Track während der Produktion zu hassen, dann hat es keinen Sinn.
Ich habe keinen “Plan”, bevor ich anfange zu produzieren. Normalerweise fange ich mit einer Idee an und zum Schluss klingt diese Idee ganz anders, als ich sie mir ursprünglich vorgestellt habe. Aber in der Regel ist das, was dabei herauskommt, viel besser. Ich bin kein Perfektionist, denn ich glaube nicht an Perfektion. Perfektion ist eine menschliche Illusion, an die weder Mensch noch Natur heranreichen können. Realistisch ist hingegen ein Optimum: optimieren und immer weiterbewegen.

Warst du Raver?

Könnte man sagen, aber wahrscheinlich habe ich nie wirklich in das Raver-Klischee gepasst. Als Teenager bin ich gerne und oft in Clubs und zu Partys gegangen. Später habe ich aber aus mehreren Gründen damit aufgehört. Erstens: zu viele Drogen. Viele meiner Freunde sind an einer Überdosis gestorben und das hat mir die ganze Rave-Party ziemlich versaut. Dann bin ich nach Dallas gezogen, wo die Rave-Szene in den letzten Zügen lag. So um 2000 war Dallas fast tot. Hinzu kam, dass ich zu der Zeit eher auf Downtempo eingestellt war und davon gab es sogar noch weniger. Ich wollte unbedingt Graphik- und Webdesign studieren und habe dort eine sehr gute Schule gefunden. Während meines Studiums bin ich dann auf Filmproduktion gestoßen und habe mich entschlossen, auf die University of North Texas zu gehen, um Filmproduktion zu studieren. Derzeit studiere ich auf der London Film School. Seit ich in London bin, produziere ich etwas weniger, versuche aber nach wie vor so häufig wie möglich an Tracks zu arbeiten. Meistens sammelt sich meine kreative Energie bis zu den Semesterferien und dann arbeite ich sehr intensiv.

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Elektronische Lebensaspekte.