Connaisseur, Supérieur, Grand Cru – rhetorisch geht's vollmundig ab beim Frankfurter Minimaltrance-Label der ehemaligen Marketing-Studenten Alex Flitsch und Martin Henkel. Und mit Chardronnets "Eve by Day" haben sie auch gleich einen Hochstart hingelegt.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 108

Techno

Ein Brett geht noch
Connaisseur

Fragt man Alex Flitsch und Martin Henkel, worauf man als blutjunger Labelchef zurückblickt nach dem ersten Jahr, bekommt man eine zufriedene, enthusiastische Antwort. Zu Recht, denn Connaisseur-Recordings blüht und gedeiht unter fachgerechter, liebevoller Pflege.
„Wir sind verdammt stolz darauf, im Prinzip ohne jegliche Kenntnis im Musikbusiness ein Label mit kosmopolitischer Wahrnehmung geschaffen zu haben. Dadurch, dass wir gleich mit unserer ersten Katalognummer einen solch kapitalen Hit landeten, wurde es uns natürlich auch sehr leicht gemacht, denn alles andere kam von selbst.“
Aber alles von Anfang an. Die eigentliche Wiege von Connaisseur liegt offensichtlich in Wiesbaden. Weit weg von Metropolen-Chancen treffen Martin und Alex aufeinander. Die Geschichte ist unterhaltsam, Martin erzählt sie nicht nur deshalb gerne: “Wir haben beide zusammen Marketing-Kommunikation in Wiesbaden studiert und wurden noch dazu anfänglich aufgrund eines charmanten Zufalls von unserer Hochschule übergangsweise in einem fürchterlich konservativen Wohnhaus in einem trostlosen Vorort untergebracht. Da war dann eben auf der einen Seite ich mit meiner eher Chicago-House-geprägten Plattensammlung und Alex, der eher vom Techno kam.“ Dieser bürokratischen Maßnahme folgte als Konsequenz eine noch immer bestehende und bis dato sehr fruchtbare und enge Freundschaft. Connaisseur-Recordings allerdings entsprang einer Mischung aus Erkenntnis und Umstand. Die Erkenntnis entstand aus der Not heraus, dass Alex das Ausland und damit verbundene Chancen hinter sich ließ und Dank dem Umstand, drei releasegeprüfte Acts, Patrick Chardronnet, Afrilounge und Markus Müller, im engeren Bekanntenkreis zu haben, beschloss, dass sein berufliches Glück doch nur in der Musik zu finden sei. Das Risiko, das einen begleitet, wenn man das Hobby zum Beruf macht, teilte er mit seinem inzwischen besten Freund Martin und seiner Verlobten Hilary Koeners.
Die erste Veröffentlichung auf Connaisseur liegt nun fast genau ein Jahr zurück, und so ist es auch genau diese, die dem Label die höchsten Verkaufszahlen bescherte – bis jetzt: “Unsere Katalognummer eins ist gleichzeitig auch unser bester Verkauf. Patrick Chardronnets Eve By Day, die wir immer noch regelmäßig nachpressen lassen müssen und von der nun ca. 10.000 Stück verkauft wurden.“
Inzwischen ist Alex derjenige, der als einziger Connaisseur Vollzeit betreibt und dabei für A&R-Arbeit, Lizenzgeschäfte, Management, Pflegen der internationalen Kontake etc. zuständig ist, wobei Martin sich um das “Berlin-Geschäft“, Pressearbeit und Bookings kümmert und Hilary dem kompletten finanziellen Sektor vorsteht und sich ab nächstem Jahr über die neue Homepage verstärkt um die MP3s kümmern wird. Für ganz besondere Einzeltracks wurde das Sublabel Connaisseur Supérieur etabliert. Für Tracks, die eine Sonderstellung verdienen, bietet Supérieur die Plattform.
Der Hang zu emotionalem Sound zeichnet Connaisseur-Erzeugnisse sicherlich aus. Martin und Alex distanzieren sich aber ganz klar von einem Schubladen-Label-Ruf. Ob man dabei weg muss vom trancigen hin zu härteren Bandagen, möchte niemand ausschließen noch bejahen. “Wir sind open-minded für jegliche Entwicklung unserer Künstler, eine Sache, die uns auch wichtig ist. Natürlich stand der angetrancte Minimalismus in den letzten Monaten bei uns im Fokus und sicherlich waren wir auch ein wichtiger Vertreter dieses Sounds, aber wir sind einer Weiterentwicklung in keinster Weise abgeneigt und forcieren diese sogar.“ Hin zum zeitloseren Sound soll es gehen und ein erster Schritt wird mit Connaisseur zehn gemacht, auf der der Berliner Act Plasmik vertreten sein wird. “Plasmiks Sound kann als eine Hommage an den Techno verstanden werden, wie er Mitte der 90er vorwiegend aus den USA kam. Eine Richtung, die wir sehr interessant finden … und die unser Erachtens auch eine Renaissance verdient.“ Auch hierbei kommt zu allererst die Connaisseur-Firmenphilosophie zum Tragen, die Martin folgendermaßen zusammenfasst: “Große Emotionen verpackt in minimaler Soundstruktur mit der Strategie, nicht nur aktuelle Trends aufzunehmen, sondern eigene zu generieren. Auch bei der Auswahl der Artists wird darauf wert gelegt. Der Wiedererkennungswert ist uns wichtig, damit der Ansatz ‘Artist gleich Marke’ voll und ganz seine Anwendung findet.“
Connaisseur-Recordings ist flügge geworden, hat sich innerhalb nur eines Jahres etabliert und sich einen festen Platz im großen Musikrummel gesichert und man denkt noch gerne an erste große persönliche Erfolge zurück, wenn 2005 Laurent Garnier sein Techno-Set im Robert Johnson in Offenbach mit der damals noch ganz frisch releasten Eve by Day beendet und die Leute schier ausrasteten.
Wohin geht es jetzt weiter, welche Ziele sind gesteckt und was darf man demnächst aus Kennerhand erwarten? “Die elektronische Musik befindet sich momentan an einem Punkt, an dem wir auch schon 1996 waren, als man Acid-überdrüssig war und nicht wusste, wie es weitergehen soll. Eine klare Tendenz lässt sich momentan nicht so leicht erkennen wie vor zwei, drei Jahren. Dieses Jahr ist es wirklich schwer, eine Zukunftsprognose zu verkünden. Dass die Leute mehr Ramba-Zamba wollen, fällt schon auf, aber ob dadurch die Musik jetzt wieder härter wird oder man einfach nur Musik mit mehr Signalwirkung braucht, befindet sich momentan in der Experimentierphase.“
Das nächste Jahr läutet Connaisseur mit der ersten Compilation ein. Diese bildet den Auftakt einer regelmäßigen Reihe, deren Name sich ebenfalls aus der Weinbranche herleitet: Grand Cru. So dürfen nur besondere Weine bezeichnet werden, die ausschließlich aus den besten Trauben eines Anbaugebietes und Jahrgangs hergestellt werden.

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Elektronische Lebensaspekte.