Mit "Mono" bettet Consoles Bandchef Martin Gretschmann die Essenz seines vielgefragten Sounds in eine Platte – der stimmige Ausgleich zu seinem offensiven Techno-Ego Acid Pauli.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 105

Elektronika

In der Ruhe liegt der Beat
Console

Wer ein wahrer Musiker ist, pflegt viele Seiten. So wie Martin Gretschmann, der Mastermind-Elektroniker der Weilheimer Indietronic-Gemeinde, der oft als “der Console”, gilt, obwohl sich ja Console spätestens 2003 zur Band entwickelte. Mit Gitarrist, Bassist, Schlagzeuger und Sängerin erschien damals das Doppelalbum “Reset the Preset” auf einem Majorlabel und bezauberte zur Hälfte mit durchaus schmissigen Popsongs, während sich auf CD2 ruhige, minimale Laptoptracks der Marke Gretschmann die Hand reichten.

Knapp vier Jahre später hat Console seine Musik noch weiter reduziert. Hinter dem schlichten Albumartwork von “Mono” steckt eine astreine Ambientplatte aus warmen Flächen und eingängig-durchgehenden Harmonielinien, sich sachte aufbauenden Themen, manchmal Samples – aber wenigen Beats. Wieder stammt das meiste aus Gretschmanns Kopf und Gerätefarm, doch auch die Songs mit Band und dem Gesang von Miriam Osterrieder atmen diese Ruhe, die man dem Console-Projekt zwar immer zugetraut hätte, die aber trotzdem in ihrer durchgezogenen Konsequenz beeindruckt.

Rückzug ins Solo-Business
Was bestimmt mit dem immer umfangreicheren Ausgleichsprogramm des Bandchefs zu tun hat. 2000 hielt noch der Name Console für seinen Tocotronic krachend-remixenden Sommerhit “Freiburg v.3.0” her, mittlerweile ist für Martins noch graderen Wumms vor allem sein Techno-Alias “Acid Pauli” zuständig, das in den vergangenen Jahren die Clubszene Europas weitläufig bereiste – und nicht nur mit diesem eingängigen und illegalisierten Johnny-Cash-Remix die Smilies auf die Plattencover und den Dancefloor zurückbrachte. Ein fruchtbares Wechselspiel eben: “Wenn man die ganze Zeit Ambient produziert, dann braucht man einen anständigen Beat, sonst schläft man einfach ein. Nach mehreren Wochen Techno ist es aber sehr angenehm, mal herunterzufahren. Das Auffächern ist sowohl Privileg als auch harte Arbeit. Super ist, wie sich die Produktionen gegenseitig beeinflussen – sich dabei aber mehr ins Extreme ziehen lassen.” Mit unterschiedlichen Ecken hat Gretschmann ohnehin Erfahrung: sei es durch seine stilprägenden Knuspereien bei den Indietronic-Rockern von The Notwist, seine Hiphop-Soundwände bei der Weilheim-kalifornischen-Supergroup 13&God, sei es durch Remixe für Musiker wie Björk, Depeche Mode oder unlängst den Hamburger Rapper Jan Delay. Mit dem Journalisten Andreas Ammer bastelt Console derweil immer wieder an neuen Radio-Hörstücken.
“Mono” wurzelt in einem Film-Job Consoles. Zwei Drittel der Tracks komponierte er für die TV-Doku “Houwelandt”, in der Filmemacher Jörg Adolph den Autor John von Düffel in allen Entstehungsphasen eines gleichnamigen Romans begleitet und Consoles Musik gelegentliche Atmosphären unterstützt. Bis Martin eines Tages bemerkte, wie gut die Tracks auch als Album funktionieren würden. In einem Console-Repertoire aus spaßeshalber aufgenommenen Coverversionen fanden sich zwei ergänzende, ruhige Songs: “By this River”, ursprünglich vom Ambient-Urvater Brian Eno, und Sonic Youths “Starpower” sowie der vorab im Netz erschienene Track “Hibernating” erheben “Mono” zu einem stimmigen, kompletten Album – im Gegensatz zu Weilheimer Soundtrack-Perlen wie “Lichter” und “Solo-Swim”, die in ihrer Konzentration auf die Filme im EP-Format auf dem Notwist-eigenen Label Alien Transistor bestens aufgehoben waren.

Für einen Major wiederum viel zu einzigartig, erscheint “Mono” nun beim Münchner Traditionslabel Disko B. Labelchef und Szene-Legende Upstart betreibt mit Freunden den kleinen, feinen Club Rote Sonne, auch Gretschmann ist beteiligt. Und fühlt sich auf Disko B sowieso viel mehr zu Hause als bei Virgin. Nicht nur der Freundesbande wegen oder weil Acid Pauli schon öfters auf Upstarts Label releaste …

“Mono” bleibt zu entspannt für Hit-Ambitionen, zeigt dafür aber in seiner wunderschönen Reduziertheit eine Art Essenz des Schaffens von “dem Console”. Denn möglicherweise könnte diese Musik mit gekonnten Gitarrentönen und Acher-Gesang eine Notwist-Platte sein, mit Indie-Raps eine von 13&God, mit O-Tönen ein Radiofeature von Ammer&Console und mit 130er-Bassbeats ein Acid-Pauli-Tanzausflug. Der Gretschmann-eigene Sound zeigt sich hier eben besonders unverhüllt – und was Martin am Ende des Gesprächs anmerkt, unterstreicht dies ganz bescheiden: “Ich habe den Eindruck, dass es eine sehr intime Platte ist, wahrscheinlich die intimste Console-Platte überhaupt.”

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Text: joerg clasen aus De:Bug 28

Projektplanung Console So viele Bands, die einem einfach sympathisch waren, weil man ihnen den Antrieb durch die Sache selbst abnahm, gingen irgendwann zu einem Major-Label, wurden verheizt oder grössenwahnsinnig, und man selber hatte mit den grossen Plattenfirmen eh irgendwie immer schon ein Problem. Wer bekannt wurde, weil er eigenartig im engeren Sinne der Bedeutung war, wurde Mainstream, weil es plötzlich um Kohle ging, um das Reproduzieren des Erfolgs. Natürlich stimmt das so nicht Ð jedenfalls nicht immer, das weiss ich auch selber, und schon gar nicht bei Console. Console sind mit ihrer EP “14 Zero Zero” bei Virgin gelandet, und mein zweiter Gedanke nach der Freude über die schöne Platte war dieses postrevolutionäre Oh-nein-jetzt-haben-sie-sich-an-die-Geier-verkauft, das ich mir noch aus Jugendtagen erhalten habe. Bevor ich sie aber endgültig verloren glaubte, konnte ich Martin Gretschmann und Christoph Brandner fragen, wie es sich anfühlt am Absprung und ob da ein Teppich liegt, auf dem man bleiben kann. Um es vorweg zu nehmen, sie haben mir glaubhaft versichert, die Bodenhaftung nicht verlieren zu wollen. Debug: Mit eurer EP “14 Zero Zero” seid ihr zum ersten mal mit Virgin bei einem grossen Label gelandet. Martin: Wir standen vor der Entscheidung, Musiker als Beruf zu ergreifen oder nicht. Entweder hast du einen anderen Job, der dich ernährt, und du machst Musik völlig unabhängig, aber mit bescheidenem finanziellem Hintergrund, oder du entscheidest dich für den Berufsweg – mit den Vor- und Nachteilen. Debug: Befürchtet ihr, von Virgin unter Druck gesetzt zu werden, was die Frequenz der Veröffentlichungen und deren Erfolge betrifft? Martin: Eigentlich nicht. Wir hatten bei den Verhandlungen allerdings auch ganz gute Ausgangsbedingungen, weil wir finanziell nicht abhängig sind. Geld verdienen wir anderweitig, zum Beispiel mit Hörspielen. Gerade jetzt haben wir eins für den WDR gemacht. Dadurch, dass wir also nicht wirklich unter Druck geraten konnten, haben wir unsere Vorstellungen vielleicht eher umgesetzt, als es ansonsten der Fall gewesen wäre. Christoph: Ausserdem sind die Bedingungen, unter denen man mit Indie-Labeln zusammenarbeitet, häufig viel schlechter. Kleine Firmen ziehen einen unter Umständen genauso über den Tisch wie grosse, vielleicht sogar noch mehr. Dinge funktionieren oft einfach nicht, auch auf Grund des finanziellen Spielraums. Martin: Und jetzt sind auch Dinge möglich wie Videos, die ja eher mal wahnsinnig teuer sind. Debug: Wird Euch der Rummel zuviel, auch im Hinblick darauf, dass er wohl eher noch mehr wird? Martin: Noch macht es Spass. Oft sind Interview-Termine anstrengend, gerade wenn es im Radio ist, weil du zwei Minuten Zeit hast, immer wieder die Frage zu beantworten, wie lange es dich schon gibt. Entscheidend ist für mich der Augenblick, wo ich auf der Bühne stehe und Soundcheck mache. Darum geht es mir. Gut bei uns ist, das wir uns alle schon ewig kennen und Freunde sind. Eigentlich ist dies hier das, wovon wir immer geträumt haben Ð zusammen Musik machen. Die Umstände, die das umgeben, sind dabei nicht die Hauptsache. Debug: Was ist mit einer neuen Platte? Ist die neue EP eine Vorabveröffentlichung einer geplanten LP? Martin: Erstmal werde ich was Neues mit Notwist machen, das ist das nächste Projekt. Eine neue Console-LP wird es dann wohl erst in einem Jahr geben. Die “Rocket in my pocket” wird allerdings mit dem “14 Zero Zero”-Track re-released. Mehr geht im Moment nicht.

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