Contriva haben ein neues Album gemacht. Bei den erfolgreichen Projekten von Masha Qrella und Max Punktezahl hatte man damit gar nicht gerechnet. Aber der große Instrumental-Pop der Berliner passt ins Bild.
Text: Markus von Schwerin aus De:Bug 107

Indie

Unaufgeregt im Einklang

Contriva

Es mangelte in den letzten drei Jahren nicht an Lebenszeichen aus dem Contriva-Umfeld. Nur bei der Instrumentalband, mit der alles begann, fragten sich Freunde pastoraler Pop-Kleinode (nenn’ es nicht Postrock!) irgendwann, ob sie überhaupt noch existiere.
Immerhin sind seit “If You Had Stayed“, dem zweiten Contriva-Album (die EP-/Remix-Compilation “8Eyes“ nicht mitgezählt), dreieinhalb Jahre verstrichen und die gemeinsamen Tourneen mit Blumfeld und Sonic Youth reichen noch weiter zurück. Doch nun liegen mit “Separate Chambers“ elf einnehmende Beispiele erfrischend transparenten Akustik-Pops vor, die keinen Zweifel daran lassen, wie sehr die Fortsetzung dieser Band allen Beteiligten am Herzen lag. Faszinierend, wie es dem Quartett hier gelingt, sowohl Erinnerungen an die in Vergessenheit geratene instrumentale Seite frühachtziger Wave-Pops (Microdisney, Teardrop Explodes) oder der Smiths (“Osciallate Wildly“!) wachzurufen, als auch erneut eine ganz eigene Klangästhetik darzulegen. In der Zwischenzeit veröffentlichte Masha Qrella ein weiteres Solowerk und zwei Alben mit dem Punktrio NMFarner. Rike Schuberty begleitete sowohl Masha als auch den Berliner Songwriter Noël auf Tour und Max Punktezahl wurde nicht nur festes Live-Mitglied von The Notwist, sondern rief mit Florian Zimmer (Iso 68, Saroos) noch die Band Jersey ins Leben. “Man hat sich eine Zeit lang entfernt, um wieder neu aufeinander zuzugehen. Es gab eine Phase, in der wir einfach merkten, dass sich einige Wünsche nicht unterm Contriva-Dach vereinen ließen. Deswegen war es ganz gesund, sie auszulagern und in anderen Konstellationen auszuprobieren“, erzählt Rike, die bei Contriva überwiegend Keyboards spielt. Lediglich Drummer Hannes Lehmann findet als festengagierter Bühnenschauspieler nicht die Zeit, noch weiteren musikalischen Projekten nachzugehen. Wegen der starken hauptberuflichen Einbindung wird er bei der kommenden Contriva-Tour sogar von Jersey-Drummer Andi Haberl vertreten.
Als Komponist ist er an “Separate Chambers“ aber genauso stark beteiligt wie die anderen drei Multiinstrumentalisten.

Rike: Es ist schon eine Verabredung, dass Contriva nur in dieser Besetzung existiert. Hannes wird immer bei den Aufnahmen dabei sein und die müssen eben dann stattfinden, wenn er Zeit hat. Wir sind eh nicht mehr so eine Band, die einmal wöchentlich im Proberaum steht. In unserer Anfangszeit schon – als wir noch Schüler waren. Aber auch damals nicht mit der Motivation, professionelle Musiker zu werden, sondern weil das einfach unser Nachmittagshobby war, um uns zu treffen – so wie andere Leute Fußballspielen gehen.
Die Freundschaft, die uns verbindet, brauchen wir heute nicht mehr an Hand der Häufigkeit unseres Sehens zu überprüfen. Und das musikalische Verständnis ist ohnehin noch mal eine andere Ebene – das ist eine Art Kommunikation, die zwischen uns einfach funktioniert.

Max: Wenn man nicht auf den Input eines gerade viel beschäftigten Mitglieds verzichten will, muss man eben längere Unterbrechungen in Kauf nehmen. Im Interesse der Vielseitigkeit finde ich es einfach wichtig, darauf zu achten, dass sich nicht derjenige mit dem größten Output automatisch durchsetzt. Denn es sind ja gerade die Kombinationen von verschiedenen Ansätzen, die das Eigene einer Band ausmachen. Deswegen haben wir diesmal bei den Album-Credits auch die Zuordnung im Unklaren gelassen und nur vermerkt, wer auf den Songs welches Instrument spielt. Natürlich enthält auch “Separate Chambers“ Stücke, die nur von einer Person geschrieben wurden, doch oft ist das, was von den anderen ergänzt wurde, viel wichtiger als die erste Gitarrenspur. Unterm Strich waren alle an jedem Song beteiligt – auch beim Arrangieren und Mischen.

Wenn Ihr also vom “White Album“-Prinzip eurer vorangegangenen Platten abgewichen seid, warum dann dieser Albumtitel?

Rike: Der stammt vom NMFarner-Trommler Chrigk, der uns spontan einige Vorschläge machte, nachdem er unser Album gehört hatte. Und dieser Titel sprang uns ins Auge und wir fanden alle, dass er gut zu uns passte. Es war mehr eine intuitive Entscheidung – wie auch bei den meisten unserer Songtitel. Doch die Stücke sind tatsächlich an unterschiedlichen Orten komponiert und aufgenommen worden. Der erste Aufnahmeblock fand vor fast zwei Jahren in einem alten Haus im Berliner Umland statt, wo wir zusammen mit Norman Nitzsche, der das Album auch im “Villa Qrella“-Studio produzierte und mischte, vor allem Sounds festgehalten hatten, aber auch schon die Stücke “Centripede“ und “Unhelpful“ entstanden. Bei den Platten zuvor hatten wir uns für zwei Wochen irgendwo in Brandenburg eingeschlossen und sind daraufhin mit größtenteils ausgereiften Ideen ins Studio gegangen. Diesmal dachten wir, dass es uns gut tun könnte, die Ideen über einen längeren Zeitraum zu sammeln. So haben wir in Alt-Schönau an allen möglichen Gläsern und Vasen herumgespielt und diese Schwingungen, die sich beim Streichen über ein Wasserglas erzeugen lassen, gesampelt und dann per Midi über einen Gitarrenamp gespielt. Dadurch ist dieser gruselfilmartige Keyboardsound entstanden, wie er in “Say Cheese“ zu hören ist. Das sind dann so Aktionen, die man nachts um zwei startet …

Nachdem “If You Had Stayed“ rein instrumental war, finden sich auf “Separate Chambers“ gleich zwei von Masha gesungene Songs. Wie kristallisiert sich heraus, ob ein Vokalstück ins Contriva- oder Masha-Qrella-Repertoire kommt?

Masha: Früher hätte ich das einfacher beantworten können … Ich glaube, in diesem Fall war es eine zeitliche Frage: Ich war einfach darauf eingestellt, Contriva-Songs zu schreiben. Für mich ist das total zentral: Contriva war eine meiner ersten Bands und ich hänge einfach sehr daran, weil ich finde, dass das eine einmalige Band in Deutschland ist – und da bin ich dabei (lacht). Nein, echt, ich kenne keine Instrumentalband, die so poppig und eigenwillig klingt. Auch wenn diese analytische Herangehensweise an Songstrukturen gerade nicht so gefragt zu sein scheint … Ich hatte ursprünglich ja auch nie vor, Popmusik zu machen, sondern fühlte mich eher von jazzigen Sachen wie Fred Frith und John Zorn beeinflusst, die ich hauptsächlich durchs Ausgehen kennen gelernt habe. Erst viel später habe ich angefangen, in Plattenkisten von Freunden zu wühlen.

Als euer Albumdebüt “Tell Me When“ 2000 erschien, habt Ihr eure Musik ja selbst als “Folk“ bezeichnet. Wie steht ihr heute zu dem Begriff, da er via Coco Rosie, Benhart & Co. gerade in aller Munde ist?

Max: Natürlich gibt es da immer noch Bezugspunkte in der akustischen Instrumentierung und dem Strophe/Refrain-Aufbau. Aber was ich eben gar nicht bei Contriva sehe, ist diese ausdrucksstarke Emotionalität: brüchige Stimmen usw., die viele dieser Neofolk-Sachen auszeichnet. Dieses komplette Ausformulieren und Unterstützen von Songinhalten mag ich nicht, denn da wird man als Zuhörer oft so an die Wand geklatscht. Ich vermisse da einfach die Unaufgeregtheit. Deswegen ist uns der Schwerpunkt auf der Instrumentalmusik auch so extrem wichtig, denn dort gibt es für den Zuhörer immer noch etwas Offenes, noch nicht Festgelegtes und möglicherweise auch Interaktives – indem man etwa eine eigene Melodie dazu mitsummt. Vor allem sollen aber in Contriva-Songs die Instrumentalisten gleichberechtigt wahrgenommen werden – da entseht dann erst gar nicht die Notwendigkeit eines Solo. Dass nun auf der neuen Platte auch zwei Gesangsstücke drauf sind, finde ich aber von der Aufteilung her gerade gut, denn sie zeigen in der direkten Gegenüberstellung, wie die Instrumentals das Spannungsniveau halten können.

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Elektronische Lebensaspekte.