Während man in Europa unter der Kopie zumeist ein minderwertiges Derivat versteht, ist das in Japan nicht so. Kopieren heißt dort vor allem, etwas verbessern. Seit Jahrhunderten eignet man sich per Kopie Techniken aus dem Westen an - und optimiert sie. Gleichzeitig liebt man aber viel zu sehr die Marke, als dass man dann wirklich zu einer Bedrohung des Westens werden könnte.
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 77

Kopien im Ausland / Japan

Wie sieht das also aus in Japan mit dem Thema Raubkopie? Im Privatbereich dank verbreiteter Informationstechnologie fast Standard, hat sich trotzdem (oder vielleicht deswegen) ein eigener Zweig wie in Russland oder Vietnam daraus nicht entwickeln können. Vielleicht liegt das ja an dieser unaufdringlichen, stets präsenten und manchmal gar anstrengenden Form des Sich-Wohlbenehmens der Japaner, bei dem sich einem häufig so ein Gefühl aufzwängt, als wollten sie eigentlich gerne ein wenig rücksichtsloser und rüpeliger sein, haben das gute Benehmen jedoch so verinnerlicht, dass man sie fast schon um ihre Manieren bemitleiden muss.
Kurzum, in Japan wird nicht im großen Stil kopiert, wenn dies der Fall sein sollte, wären viel zu viele Polizisten da, die diese Ganoven mit Freude und Enthusiasmus dingfest machen wollten und so mal vom Parkplätze-Einweisen abgelenkt würden. Außerdem kaufen Japaner gerne ein und zwar dann auch bitte ein Original – erst recht zum Verschenken. Obwohl sich auch hier – kaum merklich – die Jugend leise und behutsam gegen den Common Sense erhebt. Vom Raubkopie-Phänomen scheint dieser Zipfel Erde genauso weit entfernt wie unser Fleck von einer Gesellschaft, in der man die gesamten Einkäufe einfach im Fahrradkorb lassen kann, während man im nächsten Laden fröhlich weitershoppt. Das ist hier nämlich möglich und ungemein entspannend. Was jedoch tief in die so oft zitierte scheinbare Widersprüchlichkeit blicken lässt, ist die offensichtliche Vorliebe dieser einwohnerzahlenmäßig der Bundesrepublik so ähnlichen Nation … zur Kopie ! Natürlich.

Kopieren statt Reisen
Unsere fahrbaren Untersätze wären heute nicht, was sie sind, hätte Nippons Industrie sie nicht kopiert, getüftelt, verbessert und weiter entwickelt. Dasselbe gilt für Musikinstrumente und Unterhaltungselektronik. Auch beim Essen und bei Bauwerken zeigt sich die Japanische Kultur erstaunlich offen: Tosto, Pittsua, Hamburoga, Wuruste? Kein Problem, aber ein wenig am Geschmack darf gefeilt werden. Tokyo braucht einen neuen Funkturm? In Paris steht doch ein schöner, aber ein wenig alt aussehender, machen wir ihn doch nach, ein wenig glatter und noch ein paar Meter höher, so brauchen wir auch nicht mehr so häufig nach Europa reisen! Was gut ist, wird scheinbar mit Freude aufgenommen, die Aura des Originals (bibber..) gibt es hier wohl einfach nicht. Wozu denn auch, so ein Denken macht doch keinen Spaß. Lieber einfach auf- und annehmen, was gefällt – schließlich geht es umso häufiger um die Idee eines Gegenstandes und wenn da jemand anderes eine gute Idee hatte, warum darf diese nicht schlicht weitergedacht werden? Verbesserungen sind mehr wert als der Status Quo. Auch eine Ansicht, über die es sich lohnt, nachzudenken.

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Elektronische Lebensaspekte.