Die Vorstellung, dass es ein Original gibt, das spezifische Vorrechte hat, gehört zu unserer Kultur. Muss aber nicht sein. Unser Special stellt drei Länder vor, in denen der Kopie eine andere Rolle zukommt. In Vietnam beispielsweise gibt es westliche Importe ganz einfach nur als illegale Kopie. Praktisch, das spart die Transportkosten. Nicht umsonst ist das wunderschöne Land der Raubkopie-Markt Nummer 1.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 77

Kopien im Ausland / Vietnam

Für ein breites Angebot an Raubkopien war Vietnam ja schon lange bekannt. Seit kurzem hat Vietnam, was Raubkopien betrifft, China überholt. Es ist derzeit der weltweit größte Markt für illegale Kopien. War illegale Software-Piraterie im letzten Jahr in anderen Teilen der Welt leicht rückläufig, hat sie hier gehörig zugenommen. Vor allem seitdem in China stärker gegen Piraterie vorgegangen wird, haben viele Unternehmen ihr Geschäft in das Nachbarland verlegt. In jedem normalen Laden gibt es Kopien zu kaufen – und meist nichts anderes. Über neunzig Prozent der benutzten Software (privat und geschäftlich) sind Raubkopien. Das schätzt die Business Software Alliance und erklärt Vietnam zum Feind Nummer eins.
“Sold ou’”, sagt der junge Mann als er auf die Nummer der gewünschten Software schaut. “You can wai’ five minute?”, fragt er und schiebt dem Kunden einen Hocker hin. “Sit down, plea’.” Dann verschwindet er im Hinterzimmer des Ladens. Die Wände in dem kleinen Geschäft sind mit ausgebleichten Kopien von CD-Covern tapeziert. Auf einem Tisch liegen haufenweise Ordner, die nach MP3, MP4, PALM, Software, DVD usw. geordnet sind. Die Leute sitzen auf Hockern drum herum und blättern in den Ordnern. Nach kurzer Zeit kommt er zurück, mit einer CD der Software in der Hand. Frisch gepresst, noch warm vom Brenner. Preis: 20.000 Dong, etwas über einen Euro. Dazu einen Kassenzettel, vielen Dank für ihren Einkauf.

Alles nur geklaut
Vietnam ist bisher noch keinem internationalen Abkommen beigetreten, aber der Druck auf die Regierung wird größer. Um bestimmte Geschäftspartner bei Laune zu halten, schloss sie mit einzelnen Ländern, wie den USA, bereits besondere Verträge. Denn bisher steckten ausländische Investoren ihr Geld ungern in ein Land, in dem einem ausländischen Produkt nur dann Urheberschutz gewährt wird, wenn das Produkt dreißig Tage nach seiner Markteinführung auch in Vietnam offiziell auf den Markt kommt. Dieses Gesetz besteht noch, aber für den ökonomischen Fortschritt werden Zugeständnisse gemacht. Es gibt also spezielle Verträge – beachtet oder ausgeführt werden sie aber nicht. Gelegentlich vernichtet man in Hanoi eine Hand voll Kopien und demonstriert einen guten Willen. Dreimal im letzten Jahr – mitbekommen hat davon allerdings fast niemand etwas.

Schlaflose Nächte für Hollywood
Aber Hollywood meldet sich jetzt immer öfter. Regisseur Phillip Noyce war vor ein paar Monaten zur offiziellen Eröffnung von “The Quiet American” im Land und soll empört über den einschlagenden Erfolg seines Films auf dem Schwarzmarkt abgereist sein. Noyce soll sofort das Kulturministerium in Hanoi angerufen und gefordert haben, so schnell wie möglich das illegale Kopieren von Filmen zu bekämpfen.
“Sollen wir für nachher einen Film holen gehen?”, fragt eine Kollegin nach der Arbeit. “Oder vielleicht auch zwei?” Gern. In Saigon leiht man keine DVDs aus, sondern kauft sich neue. Zum Beispiel im “Russian Market”. Seit einiger Zeit heißt der “Tax Department Store”, und zwar seitdem er gesäubert und geliftet wurde. Früher gab es hier ein Durcheinander an Ständen, die vor allem Kopien verkauften. Dann wurde ein Vorzeigekaufhaus daraus. Die Gehwege vor dem Gebäude sind sauber, Sicherheitskräfte stehen an den Eingängen und im Erdgeschoss blinkt Schmuck in sauberen Vitrinen. Es gibt einen gepflegten Supermarkt und daneben eine Filiale einer Starbucks-ähnlichen Kaffee-Kette. Doch in den Ecken, da findet man sie noch, die kleinen Stände.
Sie sehen aus wie ganz legale, kleine CD-Läden: mit einigen vietnamesischen Pop- und Revolutions-CDs in den Regalen. Davor sitzen Leute auf Hockern und kramen in kleinen Körbchen, die sie auf ihrem Schoß haben. Wenn man in die Nähe der Stände kommt, stürzen die Verkäuferinnen auf einen zu, rufen “DVD, very new, very goo’” und überreichen ein Körbchen mit DVDs – alles Kopien. Die Auswahl ist groß und höchst aktuell. Ein Sicherheitsbeamter in Uniform schiebt sich durch die Sitzenden und beachtet sie nicht.
DVDs sind beliebt. Wohl jeder Haushalt von der unteren Mittelklasse an hat einen DVD-Player. Das ist allerdings nur so, da die Filme dazu erschwinglich sind. Würden sie soviel kosten wie in Europa, würde ein Film ein durchschnittliches Monatsgehalt verschlingen.
Die erste Welt möchte Vietnams Regierung dazu bringen, das Geschäft mit den Kopien zu bekämpfen, und empfiehlt eine Bewusstseinskampagne, die die Leute, ähnlich wie in Europa, informieren soll, welche Schäden Piraterie anrichtet. Die Menschen dürften das hier nur schwer verstehen. Viele von ihnen wissen nicht, dass es zu ihren Kopien auch Originale gibt, die ungefähr zwanzigmal soviel kosten. Für Vietnamesen sind 20.000 Dong nicht billig, aber bezahlbar. Da wird ein Lehrer, der vierhundert Dollar im Jahr verdient, wenig Mitgefühl mit Hollywoods Millionären haben und freiwillig auf seine kopierten Filme verzichten.

Aktion und Reaktion
Die besondere Situation in Vietnam ist teilweise auch Resultat des US-Embargos, das erst 1994 aufgehoben wurde. Piraterie war da schon weit verbreitet und eben ein Weg, an die heiß begehrten Produkte zu kommen: trotz Embargos und Sozialismus. Die Regierung interessierte sich nicht für das Prinzip des Urheberrechts, passte es doch nicht in die sozialistische Ideenwelt vom gemeinschaftlichen Gedankengut. Das änderte sich erst – zumindest nach außen – als den Machthabern die ökonomischen Nachteile deutlich wurden. Westen hin oder her, sehr viel passiert in Vietnam ohnehin nicht. Vielleicht werden die Geschäfte in ein paar Jahren laufen wie in Indonesien, das vor einiger Zeit internationale Copyright-Abkommen unterschrieben hat. Da steht in den Läden jetzt Originalware und in den Seitengassen gibt es die Kopien, die nur ein Zehntel kosten. Dort gehen die Leute immer noch einkaufen. Und die Polizei verdient besser als zuvor.
Eine Diskussion um Audio-CDs gibt es gar nicht, obwohl die verkaufte Stückzahl viel höher sein dürfte. Originale CDs ausländischer Künstler existieren in Vietnam nicht. Man könnte sagen, dass Kopien für die Leute Originale sind. Verkauft werden sie in Läden, die wie ein kleiner “Saturn” nach Künstlern oder Genres eingerichtet sind. Es kann allerdings passieren, dass Underworld unter Jazz landen oder sich in der schönen LTJ-Bukem-Farbfoto-Verpackung eine “Rattle and Hum” von U2 befindet. Macht aber nichts, kann man jeder Zeit umtauschen. Auch wenn die CD knarzt und knistert oder ganz leer ist. Den Kassenzettel hat man ja – wie das eben so ist, in richtigen Geschäften.

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Elektronische Lebensaspekte.