Digitale Technologien haben dafür gesorgt, dass Daten immer beweglicher werden. Für die verwöhnte Unterhaltungsbranche ist das verbesserte Kopieren ein Desaster. Doch der digitale Gegenangriff ist längst in Planung. Ein Überblick über die verschiedenen Formate.
Text: anton waldt aus De:Bug 60

Alle Daten, alle Formate, alle Tricks

Das Jahrhundert, in dem man sich seines Tonträgers haptisch versichern konnte, ist trotz hartnäckigem Vinyl-Einsatz bei der Tanzflächenbeschallung definitiv vorbei. Den gemeinen Musikhörer, der in diesem Zusammenhang allerdings “Konsument” heißt, stört das in der Regel nicht. Ganz im Gegenteil. Immer weitere Kreise sammeln munter Tönendes auf ihren Festplatten. Das Lager der Musikschaffenden ist in der Frage der Digitalisierung grundlegend gespalten, was allerdings für den Konsumenten eher unterhaltsam ist, etwa wenn sich der superböse Eminem plötzlich als angstschlotternder Paranoiker entpuppt, der sein neues Machwerk nicht einmal mehr seiner eigenen Plattenfirma aushändigen mag. Die Musikindustrie hat schließlich einen festen Standpunkt zum Thema und der heißt “Teufelszeug”. Seit Jahren werden von dieser Seite das Internet allgemein und Filesharing im besonderem, ebenso wie Computer allgemein und CD-Brenner im besonderen als Verursacher eines Niedergangs gebranntmarkt, der in diesem Zusammenhang mit “Umsatzverlusten” übersetzt werden muss. Erlösung erwartet sich die Industrie einerseits von anstehenden Gesetzesänderungen in den USA und der EU, und andererseits von den gleichen digitalen Technologien, die das angebliche Desaster ausgelöst haben, die aber diesmal als Riegel vor dem Schloss funktionieren sollen.

Ein Song zur Miete
Der CD-Kopierschutz, der das Abspielen am PC oder Mac verhindern soll, ist nur die Spitze einer Entwicklung, die den denkbar unfunky Namen “DRM” für “Digital Rights Management” trägt. Die DRM-Grundidee ist, dass Konsumenten eine Portion Inhalt (Musik, Film oder Text) nicht mehr erwerben und dann damit anstellen, was sie wollen, wie es bisher der Fall war. Musikhörer sollen in Zukunft nur Nutzungsrechte kaufen. Mittels des DRM-Systems soll dann sichergestellt werden, dass nur die vorher festgelegte Nutzung erfolgt und die Daten ansonsten nicht lesbar sind. Der Fantasie sind dabei bei der Festlegung der Nutzungsbeschränkungen prinzipiell keine Grenzen gesetzt. In der schönen DRM-Theorie kann der Verkäufer des Inhalts festlegen wie oft, wie lange, mit welcher Abspielvorrichtung oder auch in welchen geografischen Grenzen der Konsument seine Nutzungsrechte ausüben darf. Der CD-Kopierschutz ist demnach eine relativ einfache DRM-Variante: Er soll schlicht das Abspielen auf einem Rechner verhindern, ansonsten aber keine Beschränkung beinhalten. (Zum aktuellen Stand der Entwicklung siehe den Artikel “Eine CD ist ein CD ist keine CD”.) Musik ist allerdings genau wie beim Filesharing auch für DRM nur ein Testfeld. Richtig greifen wird die DRM-Idee sowieso nicht bei der Musik-CD, die die Technologie im Nachhinein übergestülpt bekam. Es geht hier vor allem um zukünftigen Formate, die von Anfang die entsprechenden Technologien integrieren. Der prinzipielle Einwand, dass was man am PC sehen oder hören, auch kopieren kann, gilt zwar auch für die ausgefeilste Technologie. Aber den Inhalte-Industrien geht es auch nicht um die Nerds, die keinen Aufwand scheuen um eine Barriere zu überwinden, sondern um die Masse der Konsumenten, die sich nach dem ersten erfolglosen Abspielversuch geschlagen geben. Und dabei können wir uns auf einige Überraschungen gefasst machen.

Musik-CD mit Kopierschutz
Schon die Musik-CD mit den Kopierschutzverfahren der neuesten Generation dürften den Durchschnittsnutzer gründlich davon Abhalten, seine Musik am Rechner zu hören. Die neuen Scheiben dürfen auch schon jetzt nicht mehr das “CD”-Logo tragen, da sie technisch den entsprechenden Standards nicht mehr genügen. Richtig effektiv werden die Nutzungsbeschränkungen allerdings bei neuen Formaten. Die sind in breiter Front im Anmarsch, das einzige was sie noch stoppen kann, ist der mögliche Unwillen der Konsumenten, sie auch zu erwerben. Nur damit ließe sich ihre Etablierung noch verhindern.

Die Verfalls-CD
Ein etwas abwegiges, aber dafür drastisches Beispiel sind die CDs und DVDs mit Verfallsdatum, die derzeit von zwei US-Firmen entwickelt werden. Eine chemische Beschichtung sorgt bei den DVDs von SpectraDisc dafür, dass der Datenträger nach einer bestimmten Zeitspanne nicht mehr lesbar ist, der “Verfallsprozess” beginnt dabei mit dem Öffnen der Verpackung. Nach Unternehmensangaben kann die Lebensdauer durch die Stärke der Beschichtung exakt eingestellt werden, angeblich zwischen einigen Minuten und mehreren Wochen. Für den Filmverleih mit den Wegwerfscheiben hat der Konkurrent FlexPlay sogar den Begriff “No Return Rental” namensrechtlich schützen lassen.

DataPlay Disc & MTV
Schon ernster zu nehmen sind die optischen Speicher im Briefmarkenformat von DataPlay, die im Sommer zunächst in den USA auf den Markt kommen sollen. Eine 500-MB-Disk soll nur rund zehn USD kosten und neben leeren Medien wollen BMG, Universal, Zomba und EMI auch mit vorbespielten Scheiben starten. Der neue optische Speicher, die “DataPlay Disc”, ist eine Eigenentwicklung von DataPlay, in die von vorneherein ein Kopierschutz integriert wurde – was das Format für die Musikindustrie attraktiv macht. Das Format verlangt allerdings eigene Abspielgeräte, was die Etablierung erschwert. Aber auch hier hat DataPlay schon einen mächtigen Partner gefunden: Zusammen mit dem Musiksender wird pünktlich zum Verkaufstart ein “MTV-Player” vermarktet werden.

DivX
Im Filmbereich entwickelt unterdessen das ehemalige Hacker-Tool DivX, das inzwischen zum Hollywood-Liebling anvanciert ist, zusammen mit dem MP3-Erfindern vom Fraunhofer-Institut eine Multimedia-DRM-Lösung, die sowohl die bewegten Bilder als auch den dazu gehörenden Ton vor missbräuchlichem Konsum bewahren soll. Dank DivX schlanke und gleichzeitig gut geschützte Files sollen zukünftig Video-on-Demand-Diensten den Durchbruch verschaffen.

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Elektronische Lebensaspekte.