Kito Nedo besucht den Programmierer, Webdesigner und Künstler in New York
Text: Kito Nedo aus De:Bug 150

Filmstill aus: "Drei Klavierstücke, op. 11" (2009), Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg/Paris

J. S. Bach und Lil Wayne, Arnold Schönberg und Autotune-Prinzessinnen. Der Künstler Cory Arcangel ist ein Doppelagent zwischen hoch und tief. Er kriecht ganz tief hinein in die riesige Folklore-Maschine You Tube und verbindet dort Welten. Und 170 Kätzchenvideos. Kito Nedo hat ihn in New York besucht.

Mit YouTube, sagt Cory Arcangel, habe er eigentlich erst ziemlich spät angefangen. Lange war ihm nicht klar, was für ihn als Künstler dort zu holen wäre. Das schöne, das gute und wahre Bild interessiert dort niemanden. Der Trash regiert. Arcangel drückt sich diplomatisch aus: “YouTube ist ein Raum. Um ein Kunstwerk zu machen, muss man diesen Raum aktivieren. Bis heute ist YouTube für mich sehr verwirrend und schwer zu durchschauen. Dort gibt es ja praktisch alles.“ Um in diesem Raum zu arbeiten, braucht Arcangel kein Atelier, der Schreibtisch in seiner New Yorker Wohnung tut es auch. Von dort lässt er seine Videos wie Testballons in die digitale Sphäre steigen: Bilder vom Mauerfall, unterlegt mit U2, Kätzchen-auf-Klavier-Bilder, nach Arnold-Schönber-Partituren sortiert oder Aufnahmen von seltsam rotierenden Schmuckregalen.

Was ist daran Kunst?
Diese Frage bekommt Arcangel oft zu hören. Sie zielt auf die Kunst-Nicht-Kunst-Ambivalenz dieses sehr aufgeweckten Typen mit den wuscheligen Haaren und der Basecap, der sich selbst als “Programmierer, Webdesigner und Künstler aus Brooklyn“ – in dieser Reihenfolge – vorstellt. Und dort liegt der neuralgische Punkt, den der 1978 in Buffalo, New York, geborene Künstler permanent mit seinen Produktionen kitzelt. “Eine Sache“, erklärt er, “die ich wirklich an YouTube mag, ist dieser frische, volkstümliche Stil. Man sieht eine Menge Slideshows mit Abschlussfeiern und gefühlvoller Musik. Oder Videos von Gewitterstürmen, unterlegt mit AC/DCs Thunderstruck. Diese Art von aggressiver Ästhetik würde es nie bis ins Fernsehen schaffen, weil man das für zu grob halten würde. Doch solche Selbstmach-Videos sind das größte YouTube-Genre.“ Trotz seinem Interesse an dem Ungefilterten verachtet Arcangel aber nicht den öden Kanon bürgerlicher Hochkultur. Das Wissen über beide Bereiche eröffnet schließlich neue Möglichkeiten des Transfers und somit Arbeit.

Mit YouTube ist eine riesige Folklore-Maschine entstanden, bei der vor allem merkwürdig ist, wie wenig Leute aus dem Kunstbereich bislang ihre Distanzlast abgeschüttelt haben und sich wirklich an sie herantrauen. Arcangel pfeift auf die feinen Unterschiede und kriecht ganz tief hinein in den hohlen Clip-Müll. Wie ein Doppelagent wechselt er zwischen Hoch und Tief. Bevor er das Netz als Arbeitsmaterial entdeckte, hackte er schließlich aus Kunstgründen jahrelang und sehr erfolgreich alte 8Bit-Nintendo-Spiele. Berühmt sind seine Super-Mario-Wolken (”Super Mario Clouds“, 2002), die einsam über eine himmelblaue Fläche zuckeln, den Rest der Animation hatte Arcangel einfach gelöscht.

Filmstill aus: "a couple thousand short films about Glenn Gould" (2007)

Ähnlich gelungen ist auch die Zwei-Kanal-Video-Projektion “a couple thousand short films about Glenn Gould“, eine 2007 entstandene Montage, die noch bis Ende April in der Ausstellung “Here Comes Everybody“ im Berliner Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Das Werk basiert auf dem ersten Satz von J. S. Bachs Goldberg-Variationen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und folgt dem Prinzip: jeder Ton eine Video-Sequenz. Aus insgesamt 1106 Video-Schnipseln, die Arcangel aus YouTube-Amateur-Musiker-Clips gewann, setzt es sich zusammen: eine furiose Aneignung barocker Variationskunst unter den Bedingungen des YouTube-Zeitalters.

170 YouTube-Katzenvideos
In dieser Linie liegt auch eine andere YouTube-Arbeit, die man sowohl im Netz wie auch in der Berliner Ausstellung sehen kann. “Drei Klavierstücke, Op. 11“ (2009) ist eine Art Arnold-Schönberg-Hommage. Für das Video zerlegte Arcangel 170 YouTube-Katzenvideos, in denen die Tiere beim Herumtapsen auf Piano-Tastaturen gefilmt wurden, in ihre tonalen Einzelteile. Anschließend fügt er sie am Rechner gemäß der Tonfolge der Schönberg-Partitur zusammen. “Der Film hat es in eine Menge Süße-Katzen-Foren geschafft. Als er auf cuteoverload geposted wurde, einer der größten dieser Webseiten, war das für mich ein echter Erfolg. Das war mein ’viraler Moment’“, freut sich Arcangel. Natürlich war es eben nicht nur ein Kätzchen-Clip, sondern auch eine späte, coole Retour auf konservative Musikkritik, die die atonale Musik seit ihrem Aufkommen im antimodernernen Reflex immer als “Katzenmusik“ denunziert hatte.

So erfüllt “Drei Klavierstücke, Op. 11“ die Anforderungen eines “stillen Kunstwerks“, dass sowohl im Kunstbetrieb wie auch bei Verächtern desselben bestens funktioniert. Beide Kontexte müssen, wenn es nach Arcangel ginge, auch gar nichts voneinander wissen. “Ich wußte, dass die Katzen es schaffen würden, Leute zum Schönberg-Hören zu bringen, die Musik zu tolerieren. So konnte ich mit der Geschichte der Avantgarde und Unterhaltung versus Kunst, Archiv-Material, und ähnlichen Dingen spielen. Das war ein anderer Weg, YouTube als einen Raum zu aktivieren. Aber ’Drei Klavierstücke, Op. 11’ hat auch in einer Salzburger Galerie funktioniert. In Österreich ist irgendwie alles, was mit Schönberg zu tun hat, erfolgreich.“ Die atonale Ringtone-Edition, die der Künstler zumindest eine Zeit lang plante, ist trotzdem nie erschienen.

Publikumsbeleidigung
Manchmal lässt er die Welten aber doch aufeinanderknallen. Neulich in Berlin etwa, als ihn der Verein “Freunde guter Musik“ Ende November anlässlich der Ausstellungseröffnung im Museum Hamburger Bahnhof zu einer Performance einlud. “Music for Stereos“ war genau das, als was es angekündigt war: Umständlich und stumm hantierte Arcangel eine geschlagene Stunde lang auf einer kleinen Bühne mit dem Aufbau mehrerer, offensichtlich minderwertiger Stereo-Anlagen, um anschließend Trash-Musik aus den US-Charts zu spielen, von der Autotune-Prinzessin und American-Idol-Gewinnerin Kelly Clarkson zum Beispiel oder Lil Wayne. In die genüsslich inszenierte Publikumsbeleidigung fügten sich die zahlreichen Anwesenden erstaunlicherweise murrend, aber ohne großen Aufstand.

“Music for Stereos“ ist von einer schwer zu formulierendem Mischung aus Faszination und Ekel vor der Technik durchzogen, einem Unbehagen gegenüber den billigen, aber auf wertig getrimmten HiFi-Geräten. “Dieses Gefühl schwingt bei brandneuen Produkten immer mit, auch wenn man es zuerst gar nicht registriert.“ Doch Abwehr und Distanz gehören nicht zu Arcangels Strategien. Er stürzt sich mit einer vorurteilslosen Begeisterung in die Welt. Deshalb will er die nervigsten, klotzigsten Computerspiele umprogrammieren und am Leben erhalten. Und Musik für die hässlichsten Stereoanlagen dieser Welt komponieren. “Die Leute kaufen diese Geräte, sie lieben sie. Aber wenn man sich nur einen Moment lang zurücklehnt, dann erkennt man, wie ekelhaft diese Dinge im Grunde sind. Aber ich mag das: diese Vulgarität der Klassenwahrnehmung, die durch diese bizarre Technologie, diese Billig-HiFi-Neunzigerjahre-Yuppi-Geräte spricht.“

Kinetic Sculpture

Untiefen der Produktkultur
Weil sich die Kultur der Epoche seit Jahren immer heftiger komplett über das Netz aus- und umstülpt, findet ein Künstler wie Arcangel, der sich für das wirre Jetzt und Hier interessiert, dort sein Material. Macht ihn das zum Medienkünstler? Oder zum Design-Theoretiker? Arcangel zeigt mit seiner Arbeit, dass man die Dinge in Betrieb nehmen muss, um durch ihre Benutzung zu verstehen, was sie mit einem anstellen. Das Netz und die mit ihm verbundene Kultur ist heute Alltag, dort setzen Konzerne und Staaten ihre Macht durch. Aber es ist auch der Ort, an dem Leute Kätzchen- und Stereoanlagenfilme oder absurde Video-Tutorials hochladen und auf Ebay und Amazon die dunkelsten Untiefen der Produktkultur ausloten. Die neue Kunst, die von da kommt, hat sich von der Eindeutigkeit verabschiedet und auch von dem Willen, alles erklären zu wollen. Es gibt keine Manifeste, nur noch To-Do-Listen. In Acangels Kunst wird dieses Unbehagen produktiv.

Die Ausstellung »Here Comes Everybody« von Cory Arcangel ist noch bis zum 1. Mai 2011 im Berliner Hamburger Bahnhof zu sehen.

http://www.coryarcangel.com

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