Science Fiction hat die Zukunft verlassen und ist in der Gegenwart angekommen. Und die kennt keiner besser als Cory Doctorow. Der Kanadier ist dank BoingBoing mittlerweile selbst dem bekannt, der Web2.0 erst gestern für sich erkannt hat, und hat vor allem dann was zu sagen, wenn es um DRM und andere restriktive Netzgeschichten geht. Tausendsassa, Medienaktivist und Autor in hornbebrillter Personalunion.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 121

Foto: Andreas Chudowski

Aufgrund seines in Deutschland kürzlich erschienenen SF-Roman Upload, traf Sascha Kösch ihn in Berlin und fand heraus, dass DRM in anderem Gewand auf uns zukommt, das Prinzip Besitz vieles besser macht, und dass das Dasein als gescheiterter Hacker dennoch zu Erfolg führen kann.

Es, dieses undefinierbare Etwas, das aus Wissenschaft, Futurologie, Technik und neuen Medien über uns herrscht, ohne es genau ausmachen zu können, führt zu vielerlei Perspektiven. Nach vorne, zurück und von überall. Gelegentlich sieht man vor lauter grünem Wald die Bäume nicht mehr. Korrekte Technik. Wir wären bereit, das als Ablenkungsmanöver zu bezeichnen. Denn: Klar, es ist schön, dass dein altes Laptop nicht dazu führt, dass in Bangladesh Kinder blind werden. Aber wäre es nicht viel schöner, wenn die neuen Augen, die man der Cadmium verarbeitenden Bioeinheit einsetzt, dann auch dem ehemals blinden Kind gehören würden so wie die alten? Es passiert in diesen Bereichen so viel, so schnell, und bevor man sein Handy versteht spricht es schon mit einem selbst. Realität, Wissenschaft und Fiktion?

Science Fiction. Ok. Aber die Realität ist davon so durchzogen, dass man gelegentlich nicht mehr unterscheiden kann, was undenkbar ist und was eigentlich längst schon genau so funktioniert, wie man es sich im schönsten Dystopia nicht hätte besser vorstellen können. Cory Doctorow schreibt Science Fiction. Und für Boingboing (Praktisch: das Blog als Research-Instrument für die Bücher). Arbeitete für die EFF, veröffentlicht seine Bücher unter Creative-Commons-Lizenz (das Recht, es besser zu machen). Und sein zweiter Roman auf Deutsch, “Upload” (ehemals “Eastern Standard Tribe”), ist gerade im Heyne Verlag erschienen, auf deren Webseite man ihn auch downloaden kann, was – eher wegen der Skurrilität von “Download Upload hier” – bei Randomhouse einiges Kopfzerbrechen verursacht.

Wollte man Doctorows Aktivitäten in einem Satz beschreiben, dann müsste man sagen: Er ist ein klassischer Aufklärer im Kapitalismus und das heißt skurrilerweise immer mehr: ein Kämpfer für das Recht des Konsumenten auf Besitz.

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Wer hat sich für den deutschen Titel entschieden?

Cory Doctorow: Heyne. Ich habe damit nichts zu tun.

De:Bug: Hast du denn irgendeine Ahnung, warum es “Upload” heißt?

Cory Doctorow: Nein. Außer dem Zusammenhang mit dem davor, das “Backup” hieß. Mein Herausgeber in New York hat mir etwas Cleveres zu dem Thema gesagt. Die Aufgabe eines Herausgebers ist, eine Arbeit zu identifizieren. Die möglichen Leser dafür zu identifizieren. Und die Änderungen daran vorzunehmen, die die Leser erst zu Lesern machen. So entstehen auch die Cover. Die sind nicht dazu da, eine Szene aus dem Buch zu illustrieren, sondern über eine Vielfalt visueller Mechanismen zu vermitteln, was die Leser hinter dem Cover finden könnten. Es ist zwar oft illustrativ, könnte aber auch indikativ sein. Mein Verdacht, als ich die Titel sah, die weder Übersetzungen sind noch meine Titel, war, dass Heyne etwas über die Leute weiß, die Science Fiction in Deutschland lesen, und ihnen etwas gibt, das genau diese Konnotationen erfüllt, aber nicht notwendigerweise etwas mit den Details zu tun hat. Für mich ist das OK. Das kümmert mich kaum. Ich habe Freunde in Österreich, Monochrom.at, die mich in die Geheimnisse der deutschen Wörter “upgeloaded”, “downgeloaded” und “geemailt” eingeweiht haben. Und ich hätte es sehr lustig gefunden, wenn das Buch “Upgeloaded” geheißen hätte. Ich vermute, es muss sich bei dem Titel einfach um den Geschmack des Wortes handeln.

De:Bug: Du bist auf der Heyne-Webseite auch die Autorin Cory Doctorow.

Cory Doctorow: Bin ich? Das ist wirklich groß.

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Dein nächstes Buch erscheint schon bald. Hat es ein ähnliches Thema?

Cory Doctorow: Nein. Ich würde generell nicht sagen, dass meine Bücher ein Thema haben, aber es ist natürlich auch wieder ein Buch über Technologie und wie sie die Gesellschaft verändert. Es heißt “Little Brother” und es handelt von Hackerkids, die dem Department Of Homeland Security den Krieg erklären und die Demokratie für Amerika wieder zurückerobern wollen. Es ist ein Kinderbuch und soll auch an Kinder verkauft werden. Jedes Kapitel enthält ziemlich detailliertes technisches Material über Dinge wie: Wie kann ich einen Bug besiegen, wie komme ich um die No-Fly-Liste herum …

De:Bug: Wie detailliert darf man bei so einem Thema sein? Am Ende landen nachher die Kinder, die dein Buch mit ins Flugzeug nehmen, um zu lernen, wie man von der No-Fly-Liste kommt, genau da.

Cory Doctorow: Detailiert genug, um bei Google den Rest zu recherchieren. Man muss heutzutage den Menschen nichts mehr erklären. Man muss ihnen nur noch sagen, dass es existiert. Dann können sie bei Google selber rausfinden, wie man die Caller-ID fälschen kann, wie man etwas über Torrents aus dem Netz bekommt, wie man überwacht wird und was man dagegen tun kann. Es ist eben doch ein Kinderbuch. Es gibt zwei Nachworte, eins von Bruce Schneider, einem Sicherheitsexperten, der erklärt, warum man in diesem Job auch genau wissen muss, wie man die Sicherheitsmechanismen brechen kann. Man muss verstehen, ob das, was sie dir antun, um Terrorismus zu bekämpfen, wirklich etwas gegen Terrorismus tun kann, oder ob es einfach nur dazu da ist, dich reinzulegen. Das andere Nachwort ist von Bunny Huang, der die XBox gehackt hat. Es erklärt, wie er als Kid dazu kam, sich mit Elektronik zu beschäftigen, Experte wurde und dann gar nicht anders konnte, als die Konsole zu hacken, was er dabei gelernt hat und was man selber lernen kann, wenn man die XBox aufbohrt.

Ich bin ein einigermaßen gründlicher Geek. Ich kann ein wenig löten, zumindest habe ich das in den letzten Monaten immer wieder gemacht. Allerdings nicht sonderlich erfolgreich, wie ich zugeben muss. Mein letztes großes Projekt war ein ziemlicher Reinfall. Ich wollte eine Brainmachine bauen. Du weißt schon: Licht und Sounds so synchronisieren, dass man in dieses Alpha-Stadium kommt. Es ist ein Set aus Brille und einem einfachen Chip. Ich hab irgendwas falsch gemacht, aber mir fehlte die Zeit zum Debuggen. Ich kann ein bisschen Perl zusammenhacken, wenn es unbedingt sein muss. Ich kann Router verstehen. Ich bin nicht wirklich ein Programmierer.

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Geeky genug um zu verstehen, was um dich herum passiert.

Cory Doctorow: Ja. Ich hab natürlich meine eigene Linux-Box.

De:Bug: Würdest du sagen, dass DRM wirklich sein Ende erreicht hat?

Cory Doctorow: Noch nicht. Die Tatsache ist, dass Palladium, dieser Trusted Computing Chip, auf den Motherboards nahezu sämtlicher PCs der letzen drei Jahre ausgeliefert wurde, einfach dagegen spricht. Hast du mal Manchurian Candidate gesehen? Die Idee war, dass die koreanische Regierung amerikanische Soldaten kidnappt, einer Hirnwäsche unterzieht und dann nach Hause schickt, wo sie dann ein normales Leben leben. Bis sie auf einmal die Revolution ausrufen. Palladium ist Manchurian DRM.

De:Bug: Die Schläferzellen des Informationszeitalters.

Cory Doctorow: Ja. Die sitzen da und warten, bis sie jemand aktiviert. Das richtige OS und schon sind die wirklich schlimmsten Umstände in Gang gesetzt. Vista sollte genau dieses OS sein, war aber bislang kein massiver Erfolg. Glücklicherweise. Aber die Chips sind da und warten darauf, dass jemand etwas wirklich Mieses damit anstellt. Einer der Punkte, die mich besonders beunruhigen, ist digitales Fernsehen, ein wirklich boomender DRM-Markt. Es ist ziemlich schwer, eine Kabel-Box zu bekommen, die kein DRM ausspuckt. Sein eigenes Aufnahmegerät da anzuschließen, ist eine echte Aufgabe. Und Kabel und Satellit sind ja in Amerika zumindest vorherrschend. Auch bei Spielekonsolen ist DRM auf dem Vormarsch. Ich hoffe, das schmilzt dahin, irgendwann, aber es ist schwer vorstellbar. Ohne einen anständigen Kampf wird sich dieses Problem auf jeden Fall nicht selber lösen.

Foto: Andreas Chudowski

De:Bug: Vielleicht ist Musik ein Weg. Wenn es sich zeigt, dass der Markt ohne DRM einfach besser funktioniert.

Cory Doctorow: Ich glaube, das ist ein Fehlschluss. Der Punkt bei DRM ist ja nicht, mögliche Piraterie zu unterbinden, sondern ein neues Setup von Rechten aufzustellen, für das man Geld kassieren kann. Das Recht, Technologie mit mehr Fähigkeiten zu versehen. Ein Recht, das nie in dem traditionellen Deal beinhaltet war, den Künstler mit Verlagen, Labels oder Sendern hatten. Einen neuen Knopf vorne am Fernsehen zu montieren, hat eigentlich nichts mit der Lizenz zu tun, die ein Sender erwirbt. Das Ding mit DRM ist aber, dass man alles lizenzieren muss, um ein Programm abspielen zu können, nur weil es illegal ist, DRM zu umgehen. Die einzige Möglichkeit, die man überhaupt hat, ist die Lizenz zu akzeptieren, und die Bedingungen dieser Lizenz sind die beschränkten Möglichkeiten, die ein Gerät jetzt hat. Jedes neue Feature ist eine neue Lizenz. Ich nenne das “Urinary Tract Infection Businessmodel” (Harnwegsinfektgeschäftsmodell, UTI).

Es war mal so, dass alles, was man in Medien nutzen konnte, ineinanderfloss. Kauf eine CD, zehn Jahre später kann man einen Klingelton daraus machen, sich damit wecken lassen, man kann sie rippen, Backups machen, vom eigenen Mediaserver streamen, auf den iPod laden. All diese Nutzungsmöglichkeiten, die noch nicht erfunden waren, als die CD auftauchte, gab es obendrein umsonst, weil Technologie sich weiterentwickelt hat, als Versprechen und Investition in die Zukunft sozusagen. Das UTI-Modell macht daraus aber ein schmerzvolles Träufeln. Jedes Mal, wenn man etwas Neues machen will, muss man erneut dafür zahlen. Wenn du eine DVD gekauft hast, will Apple, dass du sie noch mal kaufst. Das ist diese Hand, die dir tief und immer wieder in deine Taschen greift und an Stellen kommt, an denen du sie wirklich nicht haben möchtest. Es geht also nicht um Piraterie. Die lässt sich mit DRM nicht verhindern. Diejenigen, die mit DRM konfrontiert werden, sind die, die Medien brav kaufen. Das Sony-Rootkit z.B., dieses infektiöse Hackertool, das über “harmlose” Audio-CDs auf Millionen PCs installiert wurde. Die Leute, die die CD von Piratebay hatten, waren nicht infiziert. Die Definition von DRM beinhaltet, dass nur die betroffen sind, die etwas kaufen.

De:Bug: Genau hier könnte doch Musik einsetzen, gerade eben weil das Gerede über DRM bei Musik so stark war und sich dazu noch die Konvergenz so schnell weiterentwickelt, realisieren diejenigen, die sich DVDs etc. kaufen, dass sie eigentlich auch Filme auf ihren iPod spielen wollen, so wie sie das vorher mit MP3s gemacht haben.

Cory Doctorow: Das stimmt natürlich. Aber DRM ist wie ein Handel mit Finanzderivaten, der außer Kontrolle geraten ist. Man hat einen Millionenmarkt, den man immer weiter aufblasen, immer lukrativer machen kann, wenn man sich nur jede Nutzung bezahlen lässt. Man verkauft nicht mehr Dinge, man verleiht Nutzungsberechtigungen. Du darfst diese Musik nur am Nachmittag hören. Und das kommt in so kleinen Beträgen, dass man es zunächst gar nicht merkt.

De:Bug: Am Wochenende ist es natürlich teurer.

Cory Doctorow: Genau. Und es sind die Gesetzgeber und Ökonomen, die daraus einen Markt machen und das Urheberrecht in Trillionen kleine Stückchen brechen wollen. Special-Edition-Musik, die nur Frauen in Zweiraumwohnungen hören dürfen, für 1,8 Cent. Diese – im Grunde sehr Science-Fiction-nahe – verrückte Vision wurde in den frühen 80ern verkauft. Ein endloser Marktplatz für Urheberrecht, der nie wahr werden würde, aber trotzdem beharrlich verfolgt wurde. Wir müssen diesen Firmen einbläuen, dass der Markt nicht auf Lizenzgenehmigungen beruht. Beispiel Konsolenmarkt. Warum ist es billiger, eine XBox zu kaufen, als sie herzustellen? Weil Microsoft vor allem das Recht verkauft, Software für die XBox zu machen. Das scheint erst mal nicht so schlimm. Aber am Ende kann man dann auf der Konsole nicht all das laufen lassen, was man will. Stell dir das mit deinen Büchern, Schallplatten, etc. vor.

De:Bug: So jedenfalls ist es auf meinem Telefon.

Cory Doctorow: Das ist wahr, aber deins hat wenigstens einen Python-Interpreter. Diese Märkte machen aus dem guten alten Besitz einen schlechten Witz. Sie sagen einem: Du hast diese Telefon zwar gekauft, gehören tut es dir allerdings nicht wirklich. Weil das, was du damit machst, ein Recht des Herstellers oder des Netzbetreibers ist. Letztendlich bedeutet das, dass dein physischer Besitz viel unwichtiger wird als ihr metaphorischer Besitz.

De:Bug: Letztendlich ist doch die Frage: Wie physikalisch ist so ein Ding überhaupt noch. Was interessiert mich, aus was das gemacht ist? Es geht doch nur darum, was man damit tut.

Cory Doctorow: Aber es ist so, als ob dir ein Architekt sagt, was du mit dem Haus anstellen kannst, dass du gekauft hast. Ich will nicht Besitztümer abschaffen, ganz im Gegenteil. Ich will, dass Besitz Besitz bleibt. Ich will Besitz stärken. Man braucht sich diese Idee nur einmal etwas extremer vorstellen. Was hier um uns herum könnte nicht das geistige Eigentum von jemandem sein? Das Bild hier, die Gene der Blumen, das Design der Vase …

De:Bug: Der Name deines Hustensaftes ist ziemlich allgemein.

Cory Doctorow: Aber für diesen Nutzen gibt’s eine Trademark. Was kann einem überhaupt noch gehören? Letztendlich ist man nur noch ein Pächter. So wie es früher mal war, als man Lehnsherren hatte. Und wenn man in seinem Besitz nur noch Pächter ist, in seinem eigenen Geist … dann ist die Idee von Freiheit und Besitz tot.

De:Bug: Oder so abstrakt und kompliziert, dass man sie wirklich nicht mehr verstehen kann.

Cory Doctorow: Letztendlich kann man ja alles selbst machen und dann gehört es einem, aber die Regeln, wer überhaupt geistiges Eigentum erschaffen kann, sind natürlich so konstruiert, dass große Firmen bevorzugt werden. Wenn du Musik machen willst, dann ist es bei den großen ganz einfach. Sample und die klären das schon für dich. Wenn man nicht Teil dieses Systems ist, kann man Sampling nahezu vergessen, weil die Kosten astronomisch sind.

De:Bug: Oder alle tun es in der Grauzone.

Cory Doctorow: Dann kann man nur kein Urheberrecht mehr für sich beanspruchen. Wir haben essentiell ein System etabliert, in dem ein paar Barone die Worte in unseren Mündern besitzen. Der Rest von uns besitzt nichts, weil alles irgendein Tentakel beinhaltet, dass es wieder kurzschließt mit dem System, in dem man selber legal nicht mehr auftaucht. DRM wird tot sein, wenn wir die Firmen überzeugen können, dass sie uns wieder Besitz verkaufen, dass auch die Menschen etwas besitzen wollen, nicht nur die Firmen. So absurd das klingen mag: Ich glaube, dass man mit dem Slogan “Kauf es und es gehört dir” schon wieder einen ganz neuen Markt erschließen kann.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Elmo

    Anstelle von “Aufgrund” sollte “Anlässlich” verwendet werden.